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Ausgabe 31/2014

Absturz von MH17: "Die Niederländer sind rasend wütend"

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Trauer: Ein Niederländer schwenkt die Fahne, als Leichenwagen mit Opfern vorbeifahren Zur Großansicht
REUTERS

Trauer: Ein Niederländer schwenkt die Fahne, als Leichenwagen mit Opfern vorbeifahren

In den Niederlanden hält die Wut gegenüber Russland an. Gasanbieter müssen ihren Kunden versichern, keine Verträge mit russischen Lieferanten zu haben. Einer, der eigentlich Brücken baut zwischen beiden Ländern, spricht von einem Tiefpunkt.

Amsterdam - Aleksandra Ourikh lebt seit dem Ende der Sowjetunion in den Niederlanden. Sie kam mit ihrer Schwester und ihrer Mutter, die einen Niederländer heiratete. Sie hat in Amsterdam Philosophie studiert, jetzt wachsen ihre eigenen Kinder hier auf. Ourikh, 35, geboren in Moskau, fühlt sich niederländisch, spricht von "unserem" König Willem-Alexander - und sie fühlt mit den Niederländern, die um fast 200 Opfer von Flug MH17 trauern. "Die Niederländer sind rasend wütend, und sie haben alles Recht dazu."

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Seit dem Absturz der Malaysia-Airlines-Maschine über der Ukraine Mitte Juli ist die Stimmung in den Niederlanden rauer geworden. 298 Menschen kamen ums Leben, 195 davon waren Niederländer. Zwar sind die Hintergründe noch immer nicht geklärt, die Ermittlungen laufen. Vieles aber deutet darauf hin, dass Separatisten das Flugzeug abgeschossen haben. Unterstützt und mit Waffen beliefert wurden siemöglicherweise von Russland.

In der Debatte in den Niederlanden zweifelt kaum noch jemand daran, dass Russland für den Tod der Niederländer verantwortlich ist. In den Tagen nach dem Unglück herrschten Trauer und Fassungslosigkeit. Danach Ärger und Entsetzen, wie in der Ukraine mit den Opfern umgegangen wurde. Dann Wut. Für Russen, die in den Niederlanden leben, eine schwierige Situation.

Die Wut gegen Putins Tochter

"Es gibt ein starkes Gefühl von 'wir' gegen 'sie'", sagt Aleksandra Ourikh. Niederländer gegen Russen. Persönliche Anfeindungen hat sie selbst keine erlebt. Vielleicht auch, weil sie kritisch wurde, auf der Seite der Niederländer steht. Russland versteht sie nicht mehr.

"Es gibt eine sehr starke anti-russische Stimmung", sagt Nicolaas Kraft van Ermel vom Niederlande-Russland-Zentrum an der Universität Groningen. "Es scheint, als seien viele Niederländer davon überzeugt, dass Russland einen Anschlag auf MH17 verübt hat."

Das Institut fördert und erforscht die Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Mehrere Hass-E-Mails sind nach dem Flugzeugunglück eingegangen. Auf die Facebook-Seite der Einrichtung schrieben Unbekannte den Namen und die Adresse von Maria Putin, der Tochter des "russischen Terroristen", Präsident Wladimir Putin.

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Maria Putin soll sich mit ihrem niederländischen Freund eine Wohnung in Voorschoten bei Den Haag geteilt haben. Ausgerechnet im Stadtteil Krim. Am Wochenende soll sie Holland verlassen haben. Medien schrieben, sie sei "geflüchtet". Ein Sprecher der Gemeinde Voorschoten kann auf Anfrage zwar nicht bestätigen, dass die Präsidenten-Tochter je hier gewohnt hat. Nachbarn aber wollen sie mehrfach gesehen haben.

Der Bürgermeister der Stadt Hilversum, Pieter Broertjes, sagte im Radio, man müsse Maria Putin ausweisen. Auf Twitter drohten User, sie "abzuknallen". Es gab Aufrufe zu Demonstrationen vor ihrem Haus. "Die Polizei-Präsenz im Viertel wurde verstärkt", erklärte der Sprecher der Gemeinde SPIEGEL ONLINE. Passiert sei bisher nichts. Bürgermeister Broertjes hat sich inzwischen entschuldigt.

Trotzdem: "Die Wut gegen Maria Putin repräsentiert die Stimmung in den Niederlanden ziemlich gut", sagt Nicolaas Kraft van Ermel vom Niederlande-Russland-Zentrum. Die Wut breche sich in Beschimpfungen und Aufrufen Bahn, den Handel mit Russland zu beenden oder Truppen in die Grenzregion zwischen Ukraine und Russland zu schicken, wo das Flugzeugwrack liegt.

"Ich will kein russisches Gas mehr"

Bereits am Wochenende nach dem Absturz fand in Amsterdam eine erste Protest-Aktion statt. Es wurde gemeinsam getrauert, aber auch demonstriert. "Putin ist eine Gefahr für uns alle", sagte die Organisatorin, Suzanne Dostaleva, einem Reporter der Tageszeitung NRC. Die Regierung müsse aufwachen und ihre Russland-Politik ändern. Zu "soft" werde Präsident Wladimir Putin angefasst. Sanktionen und Strafen seien nötig.

Im ganzen Land wird der Ruf danach lauter. 78 Prozent der Niederländer befürworten laut einer Umfrage Sanktionen, selbst wenn diese wirtschaftliche Nachteile mit sich bringen. In Deutschland sind es laut einer SPIEGEL-Umfrage nur 52 Prozent. "Ich will wissen, ob ich Gas aus Russland bekomme", schreibt ein Kundeim Forum des niederländischen Energieversorgers "Nuon". "Ich will kein russisches Gas mehr, notfalls zahle ich auch mehr." Harold Kip, der Mitarbeiter des Unternehmens, antwortet und beschwichtigt: Man kaufe Erdgas zentral ein und wisse deshalb nicht genau, wie viel davon aus Russland komme. "Wir betonen aber ausdrücklich, dass Nuon keine direkten Verträge mit russischen Lieferanten hat."

Die Niederlande sind der größte Erdgas-Produzent in der Europäischen Union. Das meiste Gas kommt deshalb aus dem eigenen Land, nur etwa fünf Prozent wird von Russland geliefert. Trotzdem sind die Wirtschaftsbeziehungen eng. Nur Deutschland und China handeln mehr mit Russland.

Das Verhältnis zu Russland ist allerdings nicht erst seit dem Absturz von Flug MH17 belastet. Im vergangenen Jahr gab es mehrere Vorfälle, darunter Proteste und Aufregung um die Gesetze gegen Homosexuelle in Russland, die als Grundlage für die Verhaftung mehrerer Niederländer dienten. Im Herbst wurden Greenpeace-Aktivisten mit ihrem unter niederländischer Flagge fahrenden Schiff "Artic Sunrise" festgesetzt. Ein russischer Diplomat wurde in Den Haag unter dem Verdacht des Kindesmissbrauchs verhaftet, später wurde ein niederländischer Botschaftsmitarbeiter in Moskau zusammengeschlagen.

"Das bedeutet noch nicht unbedingt die schwerste Krise in 400 Jahren niederländisch-russischer Beziehungen", meint Nicolaas van Ermel. "Aber seit dem Fall der Mauer gab es sicher noch keinen solchen Tiefpunkt."

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1.
SchneiderG 30.07.2014
Zitat von sysopREUTERSIn den Niederlanden hält die Wut gegenüber Russland an. Gasanbieter müssen ihren Kunden versichern, keine Verträge mit russischen Lieferanten zu haben. Einer, der eigentlich Brücken baut zwischen beiden Ländern, spricht von einem Tiefpunkt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/malaysia-airlines-mh17-wut-in-den-niederlanden-gegen-russland-a-983601.html
Ich kann die Holländer verstehen und würde genauso fühlen. Ohne die Russische Förderung des "Bürgerkrieges" wäre der Abschuß einer neutralen Airlines nicht geschehen. Wenn ich daran denke, daß 1914 wegen EINEM Toten der erste Weltkrieg ausgebrochen ist ....und hier sind es 195 Holländer (knapp 300 Tote insgesamt) und nichts geschieht mit denen, die das zu Verantworten haben. Der Abschuß zählt für mich als Massenmord an Menschen die mit der Ukraine und Russland nicht das geringste zu tun haben und hatten.
2. Kreditkarten
SysOpa 30.07.2014
Falls noch nicht bekannt: Mit vielen der gestohlenen holländischen Kreditkarten wurde schon nach weniger als 24h Stunden aus Russischen Grenzstädten (teils erfolgreich) Transaktionen durchgeführt...
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