Massenevakuierung in Koblenz Spezialisten entschärfen die Bombe

Halb Koblenz ist menschenleer - die wohl größte Massenevakuierung in der Geschichte der Bundesrepublik ist erfolgreich abgeschlossen. Kurz vor 16 Uhr dann die Entwarnung: Spezialisten haben die gigantische Weltkriegsbombe im Rhein entschärft.

dapd

Koblenz - Etwa 45.000 Menschen haben die Stadt Koblenz verlassen - Grund war die Entschärfung einer Weltkriegsbombe im Rhein. Die Räumung der Sperrzone sei bis zum Morgen problemlos abgelaufen, sagte Feuerwehrsprecher Manfred Morschhäuser. Viele Bewohner seien bereits am Samstag zu Bekannten oder Verwandten gereist. Es ist die größte Evakuierung wegen eines Blindgängers in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg. Rund 2500 Helfer sind im Einsatz.

Bei einem Kontrollgang durch die Stadt mit insgesamt 106.000 Einwohnern prüften am Vormittag rund 1000 Einsatzkräfte, ob sich nicht doch noch Menschen in der Sperrzone aufhalten. Danach sollte die Entschärfung beginnen.

Um kurz vor 16 Uhr dann die Entwarnung: Spezialisten ist es gelungen, die Bombe zu entschärfen. Der Kampfmittelräumdienst musste sich jedoch nicht nur um die 1,8 Tonnen schwere britische Luftmine kümmern, sondern auch um eine kleinere US-Bombe sowie ein Fass mit giftigen Chemikalien. Am Sonntagnachmittag konnten alle drei Gefahren beseitigt werden. "Wir sind erleichtert", sagte Feuerwehrsprecher Manfred Morschhäuser. Inzwischen wurde die Evakuierung aufgehoben und das Sperrgebiet wieder freigegeben.

Die Entschärfung hatte knapp zweieinhalb Stunden gedauert. Zwei Teams des Kampfmittelbeseitigungsdienstes begannen gegen 13.30 Uhr, eineinhalb Stunden früher als geplant. Drei Zünder wurden aus der Luftmine gedreht, nachdem sie trocken gelegt worden war. Dazu hatten Helfer in den vergangenen Tagen einen Damm aus 350 Sandsäcken errichtet. Die Bombenräumer brachten sich schließlich hinter einem hundert Meter entfernt liegenden Haus in Sicherheit und entschärften die Sprengkörper mithilfe eines ferngesteuerten Apparats.

Schwieriger war dagegen, die wesentlich kleinere Fliegerbombe unschädlich zu machen. "Die Bombe ist durch den Aufprall verformt und der Zündmechanismus komplexer", erklärte Marco Ofenstein vom Kampfmittelbeseitigungsdienst. Doch auch diese Aktion klappte.

Nur wenige benötigen die Shuttle-Busse

Für die evakuierten Menschen standen sieben Betreuungsstellen mit 12.000 Plätzen in Schulen in Koblenz und Umgebung bereit. Am Morgen zeichnete sich aber ab, dass weit weniger Koblenzer das Angebot in Anspruch nehmen. Bis 9.30 Uhr trafen in den Betreuungseinrichtungen nach Angaben der Stadt nur rund 330 Menschen mit den bereitgestellten Shuttle-Bussen ein. Lautsprecherdurchsagen forderten die verbliebenen Bewohner noch einmal auf, die Sperrzone im Umkreis von 1,8 Kilometern rings um die Bombe zu verlassen.

Mit Krankenwagen wurden am Morgen noch rund 200 pflegebedürftige Altenheimbewohner weggebracht. Schon in den vergangenen Tagen waren auch eine Haftanstalt und zwei Krankenhäuser geräumt worden. Koblenz wurde am Sonntag zudem von allen überregionalen Straßen- und Bahnverbindungen getrennt.

Fußgänger hatten die große Bombe am 20. November im Rhein auf Höhe des Stadtteils Pfaffendorf entdeckt. Funde wie die in Koblenz häufen sich derzeit im Rhein, denn der Fluss hat nach dem ungewöhnlich trockenen November einen sehr niedrigen Wasserstand.

Koblenz war schon öfter Schauplatz spektakulärer Entschärfungen, weil die Stadt im Zweiten Weltkrieg als Militärzentrum und Verkehrsknotenpunkt stark bombardiert worden war. Bei der zuvor umfangreichsten Evakuierung in der Nachkriegsgeschichte hatten am Pfingstmontag 1999 rund 15.000 Koblenzer ihre Häuser räumen müssen.

Möglicher weiterer Fund

Während der Evakuierung der halben Stadt haben Spaziergänger nur wenige Kilometer entfernt womöglich ein weiteres Nebelfass im Rhein entdeckt. Es werde nun geprüft, ob es sich dabei tatsächlich um ein Fass mit gefährlichen Chemikalien aus dem Zweiten Weltkrieg handelt, sagte ein Polizeisprecher. Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, wird auch dieses Nebelfass gesprengt.

Unterdessen haben Spezialisten des Kampfmittelräumdiensts in Karlsruhe eine US-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg innerhalb einer Viertelstunde entschärft. "Es gab keine Probleme und inzwischen fährt auch wieder alles", sagte eine Sprecherin der Stadt am Mittag. Für die Entschärfung des 500 Kilogramm schweren Blindgängers waren in Karlsruhe die Rheinbrücke und die Bundesstraße 10 gesperrt worden. Es habe nur Staus von wenigen hundert Metern Länge gegeben, sagte die Sprecherin. Auch die Schiffe auf dem Rhein mussten stoppen.

Eine großangelegte Evakuierung wie in Koblenz war nicht nötig, da in der näheren Umgebung der Bombe nur ein bewohntes Haus steht. Das Geschoss war bei Bauarbeiten für einen Park auf dem Hofgut nahe der Rheinbrücke entdeckt worden.

wal/dpa/dapd



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
unterländer 04.12.2011
1.
Zitat von sysopHalb Koblenz ist menschenleer: Die wohl größte Massenevakuierung in der Geschichte der Bundesrepublik ist erfolgreich abgeschlossen, die Entschärfung der gigantischen Weltkriegsbombe im Rhein kann beginnen. Spezialisten nähern sich der Luftmine. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,801602,00.html
Die besten Wünsche zu gutem Gelingen von hier aus.
jäätelötötterö 04.12.2011
2. Vorsicht ist angebracht
Zitat aus einem anderen Spiegelartikel zum selben Thema: Ginge diese Mine hoch, wäre die Verwüstung beträchtlich. Im Umkreis von 150 Metern wären die Überlebenschancen aufgrund der Druckwelle gering. Weil sie im Flussbett liegt, könnten ihre Splitter darüber hinaus viel weiter fliegen, als dies meist der Fall ist: 1800 Meter Umkreis scheinen den Experten realistisch - als erweiterte Zone akuter Lebensgefahr. Gebäude dürften in einem Radius von mindestens 1400 Metern um die Bombe beschädigt werden.
Originalaufnahme 04.12.2011
3. ===
Was Sie für "maßlos übertrieben" und für ein "Fässchen" halten, interessiert hier niemanden. Aber vielleicht interessiert Sie das: "Die im Vergleich zu konventionellen Sprengbomben um ein Vielfaches stärkere Druckwelle (von Luftminen) zerstörte im Umkreis von 100 Metern alle Gebäude gewöhnlicher Bauart, riss im freien Gelände bis zu 1000 Meter weit Türen und Fensterrahmen heraus und ließ Fensterscheiben noch in einer Entfernung von 2000 Metern zersplittern. (...) Straßen wurden durch die entstehenden Trümmer für Rettungskräfte unpassierbar. Direkte Opfer von Luftminen starben an Lungenriss." http://de.wikipedia.org/wiki/Luftmine Die Entschärfer dieses Teils haben Respekt verdient, keine dümmlichen Kommentare.
ja-sowieso 04.12.2011
4. Thema
Zitat von OriginalaufnahmeWas Sie für "maßlos übertrieben" und für ein "Fässchen" halten, interessiert hier niemanden. Aber vielleicht interessiert Sie das: "Die im Vergleich zu konventionellen Sprengbomben um ein Vielfaches stärkere Druckwelle (von Luftminen) zerstörte im Umkreis von 100 Metern alle Gebäude gewöhnlicher Bauart, riss im freien Gelände bis zu 1000 Meter weit Türen und Fensterrahmen heraus und ließ Fensterscheiben noch in einer Entfernung von 2000 Metern zersplittern. (...) Straßen wurden durch die entstehenden Trümmer für Rettungskräfte unpassierbar. Direkte Opfer von Luftminen starben an Lungenriss." http://de.wikipedia.org/wiki/Luftmine Die Entschärfer dieses Teils haben Respekt verdient, keine dümmlichen Kommentare.
So isses. "Bloss" weil die einen so guten Job gemacht haben, dass bislang keine Menschen zu Schaden kamen, bei zig-Tausenden Bomben bisher, heißt das nicht, dass das Kinderkram ist. Im Gegenteil.
jaabär 04.12.2011
5. Und wenn doch was passiert...
Es ist ja auch nicht nur der Sicherheitswahn, sondern das immer weiter steigende Bedürfnis, sich für alles entschädigen zu lassen. Wenn das Ding hochgeht und in 3km bei jemandem das Fenster zu Bruch geht, er jetzt noch sagt, das wäre übertrieben, und er dann barfuß in einen Splitter steigt, wird er danach wahrscheinlich den Staat verklagen. Also wendet man bei allem ordentliche Sicherheiten an und evakuiert lieber 5000 Leute mehr.
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