Massenmord in Las Vegas Das rätselhafte Leben des Stephen Paddock

Warum schießt ein Rentner und Glücksspieler auf Hunderte Menschen? Die Ermittler versuchen, die Hintergründe der Tat von Las Vegas aufzuklären. Dabei kommen immer neue, widersprüchliche Details ans Licht.

Tatort in Las Vegas
AP

Tatort in Las Vegas

Aus Las Vegas berichtet


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Die beiden eingeschlagenen Fenster, die Attentäter Stephen Paddock als Schießscharten benutzte, sind in der goldenen Fassade des Mandalay Bay Hotel gut zu erkennen. Einige Hundert Meter davon entfernt stehen zwei chinesische Touristen vor der gelben Polizeiabsperrung und machen Fotos.

Gleich daneben hat jemand an einen weißen Laternenpfahl hastig eine Botschaft geschrieben: "Wir leben in einer traurigen Welt. Ein Feigling tötet so viele unschuldige Menschen - wie kann das passieren?"

Wie kann das passieren? Eine ganze Nation stellt sich diese Frage, seit der Rentner und Glücksspieler Stephen Paddock mindestens 59 friedliche Besucher eines Country-Musikkonzerts mit Schnellfeuergewehren tötete und mehr als 500 Menschen verletzte, darunter ein Deutscher. Der Täter richtete das schlimmste Massaker in der jüngeren amerikanischen Geschichte an.

Ganz offenkundig hat Paddock, 64, seine Tat schon seit längerer Zeit präzise geplant. Und doch ist völlig unklar, welches Motiv er hatte. Von der Tat eines Mad Man, eines Verrückten, sprechen sie im Kabelfernsehen. Es ist der verzweifelte Versuch, etwas zu erklären, was sich - zumindest derzeit - mit einfachen Worten nicht erklären lässt.

Stephen Paddock
DPA

Stephen Paddock

Paddock hat Las Vegas in den Ausnahmezustand versetzt. Auf den Straßen rund um den Ort des Massakers am südlichen Ende des "Strip" sind am Tag nach der Attacke nur wenige Menschen zu sehen. Die laut dröhnende Musik, die Besucher in Las Vegas sonst immer auf Schritt und Tritt begleitet, ist abgestellt. Auch viele der großen Shows in den Casinos wurden abgesagt, alle Flaggen wehen auf Halbmast. Nur die Glücksspielautomaten rattern und bimmeln wie eh und je.

"Bambambambam"

Vor der kleinen "AmPm"-Tankstelle neben dem Mandalay Bay Hotel läuft der Tankwart aufgeregt hin und her. Er wolle endlich wieder in sein Geschäft zurück, sagt er. Doch die Polizisten lassen ihn nicht, die Tankstelle ist Teil des streng abgeriegelten Tatorts. Er habe alles miterlebt, sagt der Tankwart, ein kleiner, kräftiger Latino. Erst waren da die Schüsse. Dann haben sich die Besucher des Konzerts bei ihm im Geschäft versteckt. Auch Verwundete seien dabei gewesen. Er wirft die Hände in die Luft und macht das Geräusch eines Maschinengewehrs nach: "Bambambambam."

Mehr und mehr Details werden über den Schützen und seinen Plan bekannt. Paddock mietete den Ermittlern zufolge bereits in der vorigen Woche die Suite 32135 im Fünfsternehotel Mandalay Bay. Wie in Las Vegas üblich, verfügt diese weitläufige Suite über mehrere Zimmer. So konnte Paddock seine Waffen an zwei unterschiedlichen Positionen platzieren, er montierte sie offenbar auf festen Stativen.

Video zum Attentat in Las Vegas:

BUCK/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Schon Tage vor der Attacke schaffte Paddock zehn Koffer in die Suite, darin waren wohl die insgesamt knapp 20 Waffen samt Munition. Paddock deckte das gesamte Konzertgelände mit Gewehrsalven ein. Dabei entwickelten die Waffen offenbar so viel Rauch, dass die Feuermelder in seinem Zimmer ausgelöst wurden.

Biografie voller Widersprüche

Die Feuermelder haben wohl vielen Menschen das Leben gerettet: Mit ihrer Hilfe konnten Sicherheitskräfte des Hotels relativ rasch das Zimmer des Angreifers im 32. Stock des Hotels lokalisieren. Als sie eintrafen, wurden sie von Paddock beschossen, ein Mann wurde getroffen. Dann rückte ein Spezialeinsatzkommando der Polizei vor und sprengte die Tür zu seiner Suite, in diesem Moment nahm sich Paddock offenbar selbst das Leben. 20 Minuten nachdem er das Feuer eröffnet hatte, war Paddock tot.

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Die Ermittler versuchen nun, sich ein Bild von Paddocks Persönlichkeit zu machen, um ein mögliches Motiv für seine Tat zu identifizieren. Das könnte noch lange dauern, der Mann ist ein Rätsel, seine Biografie voller Widersprüche.

Paddock war offenbar ein Waffensammler. Bei der Durchsuchung von mehreren Immobilien im Norden von Nevada, die Paddock gehört haben sollen, wurden weitere Gewehre und auch Sprengstoff gefunden. Das Problem ist nur: Das passt überhaupt nicht zu den Aussagen von Menschen, die ihn näher kannten. Sein Bruder Eric, mit dem er in regelmäßigem Kontakt stand, sagt, Paddock habe nie viel mit Waffen zu tun gehabt.

Auch alle anderen Zeugen, die bislang befragt wurden, gaben an, Paddock sei ein völlig unauffälliger Zeitgenosse gewesen. Er soll demnach weder viel über Politik noch über Religion oder andere Themen gesprochen haben. Hinweise für eine Verbindung zur Terrormiliz "Islamischer Staat" wurden bislang auch nicht gefunden, obwohl der IS stolz verkünden ließ, Paddock sei ein Kämpfer der Organisation gewesen.

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Las Vegas: Angriff auf das Country-Konzert

Leidenschaft: Videopoker

Fest steht: Paddock war ein leidenschaftlicher Glücksspieler - und durchaus wohlhabend. Sein Bruder Eric berichtet, Stephen Paddock sei häufig auf Kreuzfahrten gegangen und habe hohe Summen in Casinos gewonnen. Seine große Leidenschaft war Videopoker, ein Casino-Spiel, bei dem man gegen eine Maschine zockt. Einmal habe Stephen ihn angerufen und stolz berichtet, dass er gerade 250.000 Dollar gewonnen habe. Den letzten festen Job hatte Paddock vor gut 30 Jahren, da war er im Immobiliengeschäft tätig.

Einen Teil seiner Waffen soll der Schütze in seinem Heimatstädtchen Mesquite gekauft haben. Der kleine Ort liegt etwa 130 Kilometer nördlich von Las Vegas in einer trostlosen Gegend, die überwiegend aus steinigen Felsen und Wüste besteht. Der Besitzer des örtlichen Waffenladens bestätigte gegenüber den Behörden, Paddock habe bei ihm eine Pistole und zwei Gewehre erworben. Die Käufe seien legal gewesen und ordnungsgemäß abgelaufen, die übliche Computerabfrage zur Sicherheitsüberprüfung habe bei Paddock keine Vorstrafen angezeigt.

Wer war Stephen Paddock wirklich? Offenbar kannte ihn niemand richtig gut, auch seine eigene Familie nicht. Neue Informationen erhoffen sich die Fahnder von der Lebensgefährtin des Angreifers. Sie hielt sich zur Tatzeit im Ausland auf, die Ermittler halten sie für unschuldig, wollen sie nach ihrer Rückkehr gleichwohl befragen.

Video: "Das Schlimmste, was uns passieren konnte"

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Las Vegas, Amerikas Spielplatz, wird derweil sicher noch lange brauchen, um sich von Paddocks grausamer Tat zu erholen. Die Leichtigkeit, die Fröhlichkeit ist verflogen. In den Casinos diskutieren sie bereits über neue, strengere Sicherheitsvorkehrungen.

Was das bedeutet, ist klar: Mehr Kontrollen, mehr Polizei. Mehr Angst.


Zusammengefasst: Stephen Paddock, 64, hat in Las Vegas mindestens 59 Menschen erschossen und mehr als 500 weitere verletzt. Die Tat war präzise geplant, über das Motiv ist noch nichts bekannt, die Ermittlungen laufen. Paddock war Rentner, offenbar Waffensammler und soll eine Vorliebe für Videopoker gehabt haben.

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Seite 1
woswoistndu 03.10.2017
1. Mehr
Kontrollen. Mehr Polizei. Mehr Angst. Mehr Waffen. Als wenn 30.000 Tote per anno durch Waffengewalt nicht reichen würden. Wann hört dieser Wahnsinn endlich auf?
5michael5 03.10.2017
2. Thank you NRA!
Die NRA sagt:Waffen töten keine Menschen. Menschen töten Menschen. Nein! Menschen mit NRA-Waffen töten Menschen.....Pieps.......
raoul2 03.10.2017
3. Selbst wenn sich herausstellt,
daß der sog. IS sich (wieder einmal) nur als Trittbrettfahrer geriert, hat er eines seiner Ziele auch hier erreciht: Die Menschen sind verunsicherter denn je zuvor und verfallen in (nachvollziehbare) Angst, die lähmt.
holy64 03.10.2017
4. USA - zu viele Waffen
in zu vielen Händen
omanolika 03.10.2017
5. Was nie in ein gesundes Hirn passt...
Stephen Paddock`s Lebenslauf, gibt grade scheinbar Rätsel auf, denn dabei gibt es ein Problem, da die Gegensätze sind extrem, zwischen friedlich, unacheinbar, und auf der anderen Seite, die brodelnde Gefahr... Aber ganz egal, was man so schreibt, was einen Täter am Ende da antreibt, wo gradezu Massen ihr Leben lassen, wird wohl nie in ein gesundes Hirn reinpassen...
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