Nichts bringt den Geist dieses katholischen Woodstocks im Herzen von Madrid schöner ins Bild als die Hunderttausende, die auf den Beginn des Kreuzwegs warten. Mädchen kritzeln sich Blumen auf den Schenkel, andere spielen Fußball oder singen oder beten. Open-Air-Frömmigkeit.
Auf großen Leinwänden wird der Zug des Papamobils übertragen, wie die Ankunft des Main Acts eines Musik-Festivals. Immer wieder Beifall. Der Papst verkörpert die Kirche, und die Kirche sind die Jugendlichen, die ihn lieben. Sie kommen aus Teneriffa oder Australien oder Brasilien und sind auf utopische Weise friedlich.
Und hier filtert sich nebenbei eine andere Erzählung vom gewalttätigen Beginn des Papst-Besuchs heraus: Da war ein radikaler Trupp von Papstgegnern, der sich aus der genehmigten Demonstration entfernt hatte, um die Teenager-Pilger in der Puerta del Sol zu attackieren. Sie spuckten und pöbelten und brüllten: "Haut ab, haut ab!"
Musik und Golgatha-Traurigkeit
Ein ecuadorianischer Junge weinte und fragte: "Wo sollen wir denn hin?" Auch andere bekamen Angst. Irgendwann griff die Polizei ein. In den Nachrichten lief die Sache dann unter der Schlagzeile: "Polizei prügelt auf Papstgegner ein." Womit der Papst mal wieder sein wahres Gesicht gezeigt hätte: Lässt auf Demonstranten eindreschen, die mit seiner Prunksucht nicht einverstanden sind. Typisch Kirche.
Benedikt besteigt den Altar an der Plaza. Chöre singen Lieder aus Taizee. Und dann stirbt der Jubel, stirbt das Gelächter, Melancholie und Ernst legen sich über die jungen Gesichter. Im Abendlicht ein Kreuz. Golgatha-Traurigkeit zum Leidensweg.
Der Papst betet die Erinnerungssätze vor. Das Kreuz wird von Station zu Station getragen, dazwischen Gebete aus Tausenden von Mündern und Instrumentalmusik. Dann gibt es ein herzzerreißendes Frauensolo zu hören, eine traditionelle "Saeta" aus Andalusien - halb Glaubensbekenntnis, halb Klagegesang.
Und bei der zwölften Station gibt es nichts mehr außer hässlicher Hammerschlägen. Jesus ist für uns gestorben, die Erde hat sich geöffnet.
Benedikt muss nur da sein
Unter den Jugendlichen sind auch Isabell Meuser und ihre Freundin Kathy. Isabell liebt die stille Andacht, Kathy die Lebensfeier im knallroten Kleid. Für Isabell, die Violine studiert an der Royal Academy in London, muss der Papst gar nicht mehr viel sagen. "Er muss nur da sein."
Wer so weit ist, könnte man sagen, hat sich durchgesetzt bei der Jugend, poptechnisch gesprochen, gegen alle Handicaps, zu denen besonders die Kritik der Medien zählt. Und die von anderen 90-Jährigen, die den Papst so altmodisch finden.
Kathy sieht das ähnlich wie Isabell. Die beiden befragen Jugendlichen für ihre Website zum Youcat, dem Jugendkatechismus mit Glaubenszeugnissen, Fotowettbewerben, Chatroom und vielem mehr. Isabells Vater Bernhard Meuser verlegt die gelbe Fibel im Auftrag der Bischofskonferenz.
Ein gewaltiges Neumissionswerk ist da entstanden, rund 700.000 in 15 Sprachen gehören allein hier zur Standardausrüstung der offiziellen gelbroten Pilgerrucksäcke.
"Besonders Brasilianer und Portugiesen fragen ihn nach, Deutschland und Spanien ist eher mau." Sie alle schlafen mit anderen Helfern in einer Turnhalle. Beeindruckt hat die Mädchen die Katechese von Kardinal Schönborn.
Feierabend für die katholischen VIPs
Abends treffen sie noch in einem Straßenrestaurant der Calle de los Hoyos auf den Augsburger Bischof Sahrs, der zum späten Bier eine Stehgreif-Katechese abhält, zum Jugendtagsmotto "Fest verwurzelt im Glauben".
"Wir sind angehalten, nicht auszulegen, sondern das persönliche Zeugnis sprechen zu lassen." Und da hat der muntere Bischof Sahrs einiges zu geben: Er wuchs in Görlitz auf. Im Laufe des Abends schlendert die halbe deutsche Bischofskonferenz vorbei, die Jacken über der Schulter. Feierabend hat auch Kardinal Glemp, der ehemalige Primas Polens, das wären dann so die katholischen VIPs.
Am nächsten Morgen geht der Papst, um die Beichte abzunehmen, im weitläufigen Retiro-Park, wo in zwei langen Reihen Kombüsen aufgestellt sind. Legebatterien der Sündenvergebung. Der Andrang ist gewaltig. Der Papst hört französischen, deutschen und italienischen Sünden zu.
Die Beichte: eines der ältesten Sakramente. Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben. Das ist die Gnade, aber auch der Auftrag an die Jünger.
Und an diese, an die jungen Priester, wendet sich der Papst anschließend nach einer Triumphfahrt im Papamobil in der in der Kathedrale Almundeda gegenüber vom königlichen Palast.
Bauwerk Zukunft
Man hat den Eindruck, dass er in den Tagen von Madrid die wesentlichen Stützpfeiler der Kirche besichtigt und sie für morgen befestigt. Alle Reden auf dieser Reise enthalten gewisse kalenderartige Merksätze, die sich einprägen sollen.
Nach dem Appell an die Jugend hatte er sich den Ordensleuten zugewandt im Kloster San Lorenzo in El Escorial, dann der katholischen Intelligenz. Nun sind es die jungen Priester, denen er in einem gregorianischen Hochamt ins Gewissen redet.
Die Kathedrale ist nicht alt, doch auch sie hat ihre Blutzeugen. Auch hier hatte man Priester erhängt in den roten Terror-Jahren von 1936 bis 1939. Die Messe wird gefeiert im Gedenken an Garcia Lahiguera, der in jenen Jahren Katakombengottesdienste organisiert hatte und die Gemeinde zusammenhielt.
Der Papst schwört die jungen Seminaristen ein auf dieses absolut wahnsinnige katholische Lebens-Abenteuer, das vor ihnen liegt. "Euer Modell ist Christus, ihm folgt ihr nach." "Ein Leben in Armut, ein Leben im Dienst, werdet euch klar darüber", sagt der Papst eindringlich, "ob ihr das wirklich wollt!" Die Nachfolge Christi erfordert das Heldenleben von Heiligen.
Katholische Priester! Die Gesichter der Seminaristen glänzen. Sie erkennen: So, wie es der Papst sagt, ist das Zölibat nur eines und womöglich gar nicht mal das größte Opfer. Es ist auch ein Leben gegen die Verlockungen durch Geld oder Macht oder Einfluss oder billige Vergnügungen.
Und dann singen sie das Sanctus und gehen bei der Wandlung in die Knie. Junge Priester. Ausgerechnet der Zyniker Michel Houellebecq hat dem Priesterberuf, diesem Opfergang, in einem letzten Roman zwei der schönsten Seiten Prosa gewidmet, ganz unzynisch, mit unverhohlener Bewunderung.
Das Zölibat ist kein Thema - es ist selbstverständlich
"Das ist katholisch", sagt der spanische Kollege Raul. Der Kirchentag habe auch seinen Landsleuten klargemacht, dass der Glaube nichts ist, wofür man sich schämen müsse. So viel Freude, so viel Innigkeit in strahlendem Sonnenlicht.
Übrigens: Über das Zölibat werde in Spanien überhaupt nicht geredet, es sei eine Selbstverständlichkeit für katholische Priester. Der junge Webreporter Christopher aus North Carolina berichtet nichts anderes. Ob Priesterinnen ein Thema seien?
Christopher lächelt, unsicher, ob ich ihn auf den Arm nehme. "Es gab wohl nach dem letzten Konzil kurz eine Debatte von Feministinnen, aber das ist längst vom Tisch. Es war eigentlich nie drauf."
Dann haben es die beiden eilig. Eine gewisse Unruhe hat sich der Stadt bemächtigt, das Pilgervolk ist in Bewegung geraten, mit Rucksäcken und zusammengerollten Isomatten sind sie unterwegs, erst einige, dann zunehmend mehr, und alle zieht es zum Flughafen hinaus, denn dort findet am Abend die große Vigil statt.
Zu den Pilgern sollen sich, inoffiziellen Schätzungen zufolge, weitere 500.000 Neuankömmlinge auf den Weg machen.
Sie werden dort draußen wachen, die Nacht durch. Um zum Abschlussmesse am Sonntag Gott zu feiern in einer Millionengemeinde. Gott - aber auch seinen Stellvertreter auf Erden.
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