Mechelen in Belgien Wie ein Bürgermeister seine Stadt rettet

Multikulti und Law and Order: Die Politik von Bürgermeister Bart Somers scheint widersprüchlich zu sein - aber sie wirkt. Wie hat er einen dreckigen und kriminellen Ort in Belgien zum Blühen gebracht?

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Ein Interview von , Mechelen


Die schwere Holztür fliegt auf, ein Herr mit graumeliertem Stoppelhaar blickt auf den Rathausflur und grinst. "Ah, Sie sind der Typ aus Deutschland, oder?", sagt Bart Somers. Er sagt das, als wäre er Rezeptionist einer Jugendherberge - und nicht einer der profiliertesten Politiker des Landes.

Somers ist Mitglied der Flämische Liberalen und Demokraten (Open VLD), seit 17 Jahren Bürgermeister der 90.000-Einwohner-Stadt Mechelen in Flandern und amtierender "World Mayor", laut der internationalen Denkfabrik City Mayors Foundation. Der beste Bürgermeister der Welt also. Warum? Weil sich diese Stadt, in der jedes zweite neugeborene Baby einen Migrationshintergrund hat, vom Problemfall zum Vorbild einer gelungenen Integrationspolitik entwickelt hat.

Das hat Somers mit einem Konzept geschafft, das ebenso simpel wie widersprüchlich wirkt: Der 53-Jährige hat eine sanfte Multikulti-Strategie mit harter Law-and-Order-Politik verbunden.

Zur Person
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    Bart Somers, Jahrgang 1964, ist Bürgermeister von Mechelen und Mitglied des flämischen Parlaments. Der Jurist war zudem Ministerpräsident der Region Flandern (2003-2004), Parteichef der liberalen Open VLD (2004-2009) sowie Mitglied der belgischen Abgeordnetenkammer (2007-2011). Über seine Integrationspolitik hat er ein Buch geschrieben, das am 15. Februar auf Deutsch erscheint: "Zusammen leben".

SPIEGEL ONLINE: Herr Somers, darf ich Sie "Mister Nulltoleranz" nennen?

Somers: Ich bin nicht gerade stolz auf diesen Titel, den mir einige Medien gegeben haben. Ich würde einen anderen bevorzugen: Mister Inklusiv.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben doch ziemlich hart durchgegriffen.

Somers: In Mechelen leben Menschen aus 138 Nationen, trotzdem kann sich hier jeder als gleichberechtigter Bürger fühlen. Damit das funktioniert, muss man Diskriminierung ebenso bekämpfen wie für Sicherheit sorgen, manchmal auf die harte Weise. Das ist aber nur ein Beitrag von vielen für eine inklusive Stadt.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die anderen Beiträge?

Somers: Wir geben pro Einwohner so viel Geld für die Polizei aus wie keine andere Stadt in Flandern, seit 2001 ist die Zahl der Beamten von 200 auf 300 gestiegen. Und wir waren die erste Kommune des Landes, die an etlichen Straßen und Plätzen Kameras angebracht hat, inzwischen sind es 256.

Hinweisschild im Zentrum von Mechelen
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Hinweisschild im Zentrum von Mechelen

SPIEGEL ONLINE: Videoüberwachung ist durchaus umstritten.

Somers: Das ist kein Allheilmittel, aber es hilft uns sehr. Und wir setzen neben Kontrolle auch auf Prävention: Nachbarschaftshelfer, Beratungsangebote, Streetworker. Wer durch die Straßen geht, spürt eine sehr offene Atmosphäre und keinen Überwachungsstaat.

In der Tat fallen die Kameras zumindest im Stadtkern kaum auf, Straßen und Plätze sind sauber, soziale Probleme kaum spürbar. Zudem wächst die Stadt seit Somers Amtsantritt: Etwa 75.000 Einwohner hatte Mechelen 2001, heute sind es mehr als 86.000.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Situation, als Sie Bürgermeister wurden?

Somers: Mechelen war eine ziemlich verzweifelte Stadt. Jedes Jahr wurden 1500 Autos aufgebrochen und 700 Senioren überfallen. Man konnte nicht einmal durch die Haupteinkaufsstraße gehen, ohne angepöbelt zu werden. Mechelen galt laut einer Umfrage als dreckigste Stadt Belgiens, mit einer der höchsten Kriminalitätsraten des Landes. Die Einwohner fühlten sich von der Regierung alleingelassen und hatten schnell Schuldige gefunden: demokratische Politiker und Migranten.

In Mechelen wählte zwischenzeitlich jeder Dritte die stramm rechte Partei Vlaams Belang - bei den jüngsten Kommunalwahlen waren es nur noch 8,7 Prozent. In seinem Buch schreibt Somers, woran das liegen könnte: "Die Straßenkriminalitat konnte beispielsweise um mehr als 75 Prozent reduziert werden. Laut den Zahlen der Bundespolizei sank die Zahl der Wohnungseinbrüche zwischen 2000 und 2015 in keiner Stadt so stark wie in Mechelen, eine Abnahme um 55 Prozent!" Seit einigen Jahren kommt in der Region jedoch ein Problem hinzu, das Orte wie den Brüsseler Stadtteil Molenbeek weltweit bekannt gemacht hat: Islamismus.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr beschäftigt Sie das Thema Islamismus?

Somers: Wir sind hier im Zentrum eines Ballungsraums, der längst einen entsprechenden Ruf hat. Aus Brüssel sind 200 Menschen für den "Islamischen Staat" in den Dschihad gezogen, 93 aus Antwerpen, 27 aus dem Städtchen Vilvoorde. Aber aus Mechelen, der Stadt mit dem zweithöchsten Anteil gebürtiger Marokkaner in ganz Belgien, ist bislang kein einziger Islamist in den Nahen Osten gereist. Darauf können wir Mechelener stolz sein, und deshalb will auch jeder von mir wissen, wie das möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Somers: Das frage ich mich selbst noch oft. Ich habe ja nicht vor 17 Jahren als Bürgermeister angefangen mit dem Gedanken, dass es mal so etwas wie den IS geben würde, der meine Bürger rekrutieren will. Um ehrlich zu sein: Ich habe einfach losgelegt, habe vieles ausprobiert. Manches scheiterte, anderes klappte.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Somers: Wir haben den Umgang mit delinquenten Jugendlichen völlig geändert, zum Beispiel mit einem Erziehungsprogramm: Betroffene Eltern unterschreiben in einem Vertrag mit der Stadt, dass sie alles daran setzen, ihre Kinder von der schiefen Bahn zurückzuholen - andernfalls müssen sie eine Strafe zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Drohgebärden reichen aus?

Somers: Natürlich nicht. Parallelgesellschaften verhindert man auch, indem man dafür sorgt, dass sich die Bewohner armer Viertel als gleichwertige Bürger fühlen. Wer Teil einer Gemeinschaft ist, greift sie nicht an. Wir haben als Erstes in Problemvierteln aufgeräumt, die Straßen gereinigt, Spielplätze angelegt und Parks aufgehübscht. Dann bekam die Polizei die besten Autos und die Straßenreinigung moderne Reinigungsgeräte.

Reinigungsmaschine in Mechelen
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Reinigungsmaschine in Mechelen

SPIEGEL ONLINE: Ganz schön teuer.

Somers: Aber es zahlt sich aus. Als die belgische Regierung irgendwann entschieden hat, weniger Geld für Erziehungsanstalten auszugeben, habe ich gesagt: Dann bezahlen wir das. Die Leute haben mich für verrückt erklärt, weil die Stadt dafür gar nicht zuständig ist, aber Mechelen brauchte das dringend. Denn wenn Kriminelle die Kontrolle im Viertel übernehmen, lassen die Extremisten nicht lange auf sich warten.

Es ist ein Gedanke, dem Somers in seinem Buch gleich mehrere Kapitel gewidmet hat: "Die Bekämpfung des Terrors", schreibt er, "fängt in den Stadtteilen an." Ihm sei das gelungen - mit den Mitteln der liberalen Demokratie.

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Bart Somers:
Zusammen leben

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SPIEGEL ONLINE: Woher wissen Sie, dass Ihre Politik all das verhindert hat - und nicht andere Faktoren oder der Zufall?

Somers: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Vor einigen Jahren gab es hier eine Jugendbande, die ständig Probleme machte - bis unsere Nulltoleranz-Politik gegriffen hat. Die Polizei hat sogar die Ausrichtung der Autoscheinwerfer dieser Leute überprüft und ihnen jedes Mal ein Bußgeld aufgebrummt, wenn sie an einer Ampel nicht völlig korrekt die Straße überquerten. Nach einer Woche kam die ganze Bande auf die Wache und flehte um einen Neustart.

Es sind auch solche Geschichten, die Bart Somers zu einem der beliebtesten Politiker der Stadt gemacht haben - er hat gute Chancen, im Oktober zum vierten Mal in Folge Bürgermeister zu werden. Unumstritten ist er deshalb nicht: Den einen ist seine Multikulti-Strategie zu links, den anderen seine Sicherheitspolitik zu rechts, wegen seines Umgangs mit der Polizei legte sich etwa vor zwei Jahren die sozialistische Oppositionspartei sp.a mit ihm an.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Mitglied einer liberalen Partei, allzu liberal wirkt diese Politik aber nicht.

Somers: Im Gegenteil. Es gibt keine Freiheit, wo es keine Sicherheit gibt. Deshalb ist konsequente Kriminalitätsbekämpfung auch eine sehr liberale und soziale Politik: Wenn jemand mein Auto klaut, rufe ich meine Versicherung an und bekomme ein neues. Aber wenn der Wagen eines armen Mannes gestohlen wird, ist das ein Drama. Die ersten Opfer von Kriminalität sind die mittellosen Bewohner sozialer Brennpunkte, sie profitieren von harter Law-and-Order-Politik.

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Integration: Der Aufstieg von Mechelen

SPIEGEL ONLINE: Das dürften viele linke Politiker anders sehen,...

Somers: ...die damit denselben Fehler machen wie rechte Politiker!

SPIEGEL ONLINE: Der da wäre?

Somers: Gruppendenken! Die meisten Politiker halten Städte nicht für eine Ansammlung von Bürgern, sondern von Communities. Sie unterteilen die Bevölkerung in Muslime und Nichtmuslime. Oder in Einheimische und Zugezogene. In den Augen linker Politiker sind Migranten potenzielle Diskriminierungsopfer, in den Augen rechter Politiker sind sie potenzielle Straftäter.

SPIEGEL ONLINE: Und in Ihren Augen?

Somers: ...sind sie Bürger. Alles andere ist eine paternalistische Politik, die Menschen von Außen eine Identität aufzwingt. Wir sind alle einzigartig, haben etliche Identitäten, und niemand ist für die Taten eines anderen mitverantwortlich, nur weil der auch Muslim oder Fußballfan oder Belgier ist. Deshalb ist es auch ein Problem, dass die meisten Städte eine Art Archipel monokultureller Inseln sind.

Somers wird jetzt lauter, trommelt häufiger auf dem Tisch, die Stimme hebt ab. Mit einem Archipel meint er Gettos: Somers nennt Städte wie Hamburg, wo die Mittelschicht schicke Stadtteile für sich hat, während Zuwanderer in abgelegenen Problemvierteln unter sich bleiben. In seiner Stadt, sagt Somers, gebe es keine solcher Inseln mehr.

Zentrum von Mechelen
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Zentrum von Mechelen

SPIEGEL ONLINE: Was macht das neue Mechelen aus?

Somers: Die Stadt ist zusammengewachsen, über alle sprachlichen, religiösen und kulturellen Grenzen hinweg.

SPIEGEL ONLINE: Woran zeigt sich das?

Somers: Als ich Bürgermeister wurde, gab es zwei Straßenfeste - heute sind es 200. Auf unserem Friedhof können Verstorbene jetzt auch nach muslimischem Ritus beerdigt werden, in Richtung Mekka. Und wir haben die Organisation "School in zicht" gegründet, die Eltern überredet, ihr Kind in die nächstgelegene Schule zu schicken - auch dann, wenn dort vor allem Kinder mit einem anderen Hintergrund hingehen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es gegen all diese gesellschaftlichen Veränderungen keinen Widerstand?

Somers: Doch, selbstverständlich. Als ich die Sache mit den Bestattungen anregte, warfen mir manche vor, auf unserem Friedhof ein Kalifat zu errichten. Wenn mir solche Traditionalisten sagen, Zugezogene müssten sich vollständig anpassen, dann kann ich nur sagen: Das ist das Argumentationsmuster des IS, der alles exakt so haben möchte wie zu Mohammeds Zeiten.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie noch angehen?

Somers: Die Polizei ist noch immer zu weiß, sie muss die gesellschaftliche Realität besser abbilden. Auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt gibt es zu viel Diskriminierung. Wir haben noch immer mit viel Armut in der Stadt zu kämpfen, auch mit Rassismus. Glauben Sie mir: Ich habe noch einiges vor.



insgesamt 283 Beiträge
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Seite 1
go2dive 12.02.2018
1. Richtig!
Es ist meist nur eine kleine Gruppe die Ärger macht. Wenn man diese einmal richtig "einnordet" ist das Zusammenleben gleich viel entspannter. Es ist ja nicht so, dass nur die gebürtigen Belgier unter der Kriminalität junger Migranten leidet, auch in die Wohnungen älterer Migranten wird eingebrochen oder diese Menschen auf der Straße ausgeraubt. Außerdem: Das Durchsetzen von Recht und Ordnung ist nicht "rechts" sondern die Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens. JEDER Jugendliche, egal aus welchem Teil der Erde er kommt, weiß, dass es verboten ist Andere zu berauben, zu bepöbeln oder (öffentliches) Eigentum zu zerstören. Da ist Kuscheljustiz, die sich wegen "der traurigen Vergangenheit der Täter" nicht traut durchzugreifen, fehl am Platz und wirkt kontraproduktiv.
stiller_denker 12.02.2018
2. Super, klare Regeln die der Bürger versteht
deren Konsequenzen er sofort spürt, deren Erfolge er aber auch sofort erleben darf. Die 256 Kameras finde ich allerdings eindeutig zuviel. So klare Konzepte die auch unverzüglich umgesetzt werden wünsche ich mir von deutschen Politikern.
b1964 12.02.2018
3. Klingt gut!
Wenn das alles so ist, wie der Bürgermeister erzählt, dann ist das ein vorbildlicher Weg. Ich gehe mal davon aus, das in Wahrheit aber noch nicht alles so harmonisch ist und der Mann noch viel zu tun haben wird. Aber eins ist klar: Realpolitik muss ideologiefrei und an der Wirklichkeit ansetzten. Genau da liegt das Problem: Berufpolitiker leben in einer Blase, die sich teilweise extrem stark vom Leben und unseren zentralen Werten und Bedürfnissen entfernt hat. Leute, lernt Flüchtlinge kennen und helft den Menschen auf ihrem Weg durch Deutschland, dann werdet ihr sehen, dass viele davon sehr dankbar sind und Freunde werden! Und die anderen müssen - wie jeder andere auch - die Grenzen zu spüren bekommen. Das setzt voraus, dass wir uns selbst nicht als die Besseren verstehen. Aber schon da wird es schwierig, denn wir haben eine Kultur des Egoismus entwickelt, in der Überheblichkeit und Neid normal sind. Der nötige gegenseitige Respekt ist kaum noch ausgeprägt.
boingdil 12.02.2018
4. Tolles Beispiel
Das Einzige was ich in Frage stelle: wird das auch in Millionenstädten funktionieren oder nur in eher übersichtlichen wie Mechelen?
netroot 12.02.2018
5. Grandios
Ein Mann mit Visionen, die er in die Tat unsetzt. Interessante und zweifellos richtige Ansichten. Es waere interessant, ob sich das im Grossen auch verwirklichen liesse.
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