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Mengele-Opfer: Der Mann, der nie mehr zum Arzt wollte

Aus Petach Tikwa berichtet

Seit seinem 20. Lebensjahr verweigerte Jitzchak Ganon jeden Arztbesuch. Selbst nach einem Herzinfarkt wehrte sich der Israeli dagegen, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Erst nach der Operation nannte er den Grund seiner Panik vor den Männern in Weiß: KZ-Arzt Josef Mengele.

Jitzchak Ganon: "Ich bete, dass ich sterben möge" Fotos
Christoph Schult

Ein dürres Männchen, die weinrote Strickjacke ein wenig zu groß, die Beine wie Streichhölzer in den brauen Hosen. Jitzchak Ganon hat sich zurecht gemacht, er ist frisch rasiert, sein weißer Oberlippenbart fein gestutzt. Der 85-Jährige sitzt auf einem grauen Sofa, ein Kissen stützt seinen Rücken. Er ist zu schwach, um sich zu erheben. Aber er lässt es sich nicht nehmen, seinen Gast auf Deutsch zu begrüßen: "Guten Tag."

Das Sprechen fällt ihm schwer. "Langsam, Abba", sagt seine Tochter Iris und stellt ihm einen Becher Wasser hin. Ihr Vater habe sich in seinem ganzen Leben nie beschwert über irgendwelche Schmerzen, sagt sie.

Vor einem Monat sei er dann von seinem morgendlichen Spaziergang zurückgekommen und habe sich hingelegt. "Papa, bist du krank?", fragte Iris. "Nein, nur ein bisschen müde", sagte Jitzchak Ganon und legte sich schlafen. Nach ein paar Stunden war er immer noch müde. "Ich brauche keinen Arzt", wehrte er ab.

Am nächsten Morgen ging es ihm noch schlechter, da holten Frau und Tochter doch einen Arzt. Der sprach von einer Viruserkrankung und schrieb ihm eine Überweisung ins Krankenhaus. Jitzchak Ganon wehrte sich, doch zum ersten Mal spürte er, dass sein Leben in Gefahr war. Irgendwann gab er den Widerstand auf.

Die Familie brachte ihn ins Scharon-Krankenhaus seiner Heimatstadt Petach Tikwa bei Tel Aviv. Kaum war er angekommen, verlor er das Bewusstsein. Herzinfarkt, diagnostizierten die Ärzte. Mit Hilfe von Ballons wurden die verstopften Blutgefäße geweitet, anschließend setzten ihm die Ärzte fünf Stents ein. "Wir dachten, er würde die OP nicht überleben", sagt Dr. Eli Lev, "vor allem, weil er nur eine Niere hat."

Als Jitzchak Ganon nach der Operation zu sich kam, erzählte er den Ärzten, wo er die andere Niere verlor. Und warum er 65 Jahre lang nicht in Behandlung war. Ein Reporter der israelischen Zeitung "Maariv" hörte davon. Und jetzt, vier Wochen nach der OP, ist Jitzchak Ganon bereit, seine Geschichte zum ersten Mal einem deutschen Journalisten zu erzählen.

Die Zahl 182558 ist in seine Haut geritzt

Er streckt seinen Rücken und blickt auf das Foto an der Wohnzimmerwand. Es zeigt die Akropolis in Athen. "Ich komme aus Arta, einer Kleinstadt in Nordgriechenland. Es geschah am Samstag, den 25. März 1944. Wir hatten gerade die Kerzen angezündet, um den Sabbat zu segnen, als ein SS-Mann und ein griechischer Polizist ins Haus eindrangen. Sie sagten, wir sollten uns für einen Ausflug fein machen."

Der 85-Jährige krempelt den Ärmel seines Hemds hoch und entblößt den linken Unterarm. Mit dunkelblauer Tinte ist dort die Zahl 182558 in die Haut geritzt.

Zwei Wochen dauert der Transport nach Auschwitz. Der kranke Vater stirbt auf der Fahrt. Nach der Ankunft müssen sie sich ausziehen und werden untersucht, die Mutter und fünf Geschwister werden ins Gas geschickt.

Jitzchak Ganon wird ins Krankenhaus von Auschwitz-Birkenau gebracht. Hier verrichtet der Arzt Josef Mengele, genannt der "Todesengel", seine grausamen Experimente an jüdischen Häftlingen.

Ganon muss sich auf einen Tisch legen, wird festgebunden. Ohne Narkose öffnet Mengele seinen Unterleib und schneidet ihm eine Niere heraus. "Ich sah die Niere in seinen Händen pulsieren und weinte wie ein Verrückter", erzählt Ganon. "Ich schrie das 'Höre Israel' (5. Buch Mose, Kapitel 6, jüdisches "Glaubensbekenntnis"). Ich betete, dass ich sterben möge, um nicht länger zu leiden."

"Wann immer er krank wurde, sagte er, dass es nur die Müdigkeit sei"

Nach der "Operation" musste er ohne Schmerzmittel in der Näherei des KZ arbeiten, unter anderem gehört das Reinigen blutiger Operationsbestecke zu seinen Aufgaben. Sechseinhalb Monate verbrachte Jitzchak Ganon in dem Krankenhaus. Einmal musste er eine ganze Nacht lang in einem Becken mit eiskaltem Wasser verbringen, weil Mengele seine Lungenfunktion "prüfen" wollte.

Als sie keine Verwendung mehr für ihn hatten, schickten die Nazis ihn in die Gaskammer. Er überlebte durch einen Zufall. Ganon hatte die Nummer 201 erhalten, doch die Gaskammer fasste nur 200 Menschen.

Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen befreit. Jitzchak Ganon kehrte in seine Heimat Griechenland zurück, traf seine einzigen überlebenden Geschwister wieder, einen Bruder und eine Schwester, und wanderte 1949 nach Israel aus. Er heiratete. Und er schwor sich, niemals mehr zu einem Arzt zu gehen. "Wann immer er krank wurde, auch wenn er schwer litt", sagt seine Frau Ahuva, "sagte er, dass es nur die Müdigkeit sei."

Aber jetzt ist Ganon doch froh, dass er nach dem Herzinfarkt ins Krankenhaus kam. Eine Woche nach der OP bekam er noch einen Infarkt und dann einen Herzschrittmacher. "Wenn die Ärzte nicht gewesen wären", sagt er - und lächelt zum ersten Mal, "wäre ich jetzt tot." Jitzchak Ganon hat überlebt, zum zweiten Mal.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
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1. Gott würfelt doch
Grosskopfata 10.12.2009
Ein Artikel, der mit wenigen Worten aufwühlt. Was Menschen einander antun können, ist doch unübertrefflich. Was für ein verrückter Zufall, der diesem Mann das Leben rettete. Eine Nummer, und ein Bürokrat, der sich exakt an die Regeln hält. Des einen Rettung, des anderen Vernichtung. Einstein mag mit seiner Relativitätstheorie richtig liegen, aber nicht mit seinem Würfelspruch. Gott (oder das Schicksal, wie man es halt sehen will) würfelt eben doch.
2. Was für eine Geschichte ...
Nosoj 10.12.2009
Man hat ja schon so ziemlich alles über die Grausamkeiten in den KZ´s gehört, aber es ist immer wieder auf´s neue erschreckend zu hören zu was Menschen im Stande sind. Man stelle sich das nur mal vor ... unglaublich ... wie kann man soetwas als Arzt machen ? Da kann man verstehen, daß der gute Mann nicht mehr zum Arzt wollte, ein Glück, daß er im richtigen Moment seine Angst überwinden konnte. Das war dann wohl der 3. Geburtstag für ihn.
3. grausam
a-mole 10.12.2009
man liest oft und viel von grausamkeiten die menschen von anderen menschen angetan werden. sei es im Nazi Regime, In heutigen Kriegs/Kriesengebieten oder in vermeindlich heilen Familien. Dannoch verlieren solche Geschichten (glücklicherwiese) ihre schrecken nicht. Es ist einfach unfassbar und mir wird wieder aufs neue übel & wütend wenn ich so etwas lese/ höre. Ich bin froh das Herr Ganon doch ins Krankenhaus ging und er eine so postive erfahrung machen konnte.
4. Überirdischen Richter
sukowsky, 10.12.2009
unglaublich wozu Menschen fähig sind. Wenn es denn einen Teufel geben sollte, dann war der Mengele einer seiner Diener. Und trotz dieser unglaublichen Schandtaten lebte dieser Unmensch lange unerkannt in Südamerika. Doch auch der Mengele ist schon lange von seinem überirdischen Richter abgeurteilt. Eine Gerechtigkeit gibt es nur anders als wir Menschen es uns vorstellen können.
5. furchtbar
latinistin 10.12.2009
die grausamen praktiken des dr. mengele haben mich einst in einer seminararbeit beschäftigt. es war das schlimmste, was ich in meinem lebens lesen musste, und das auch noch wissenschaftlich aufzubereiten hat mir albträume bereitet. es ist für den normalen verstand einfach nicht fassbar, zu welchen dingen menschen fähig sein können. es ist ein geschenk für herrn ganon so viele jahre nach seiner folter von ernsthaften gebrechen verschont geblieben zu sein. und jetzt da ärztliche hilfe nötig wurde, wünsche ich herrn ganon, dass er mit dem wissen, dass ärzte sein leben gerettet haben, und es ihm nicht nehmen wollten, sowohl sein trauma ein stück weit überwinden als auch noch viele unbeschwerte jahre mit seiner familie erleben kann.
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