Menschenrechte im Tschad: Weiterkämpfen um jeden Preis

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Verbissen kämpft Jacqueline Moudeina gegen Kinderhandel und Sklaverei im Tschad. Nur knapp überlebte sie ein brutales Attentat, unbeirrt kämpft sie gegen den Ex-Diktator Hissène Habré. Jetzt wird sie mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Zu Recht.

Berlin - Jacqueline Moudeina bittet nicht zum Gespräch, sie hält Hof. Die 54-jährige Rechtsanwältin ist eine beeindruckende Erscheinung, trägt ein leuchtend blaues Kleid mit passendem Kopftuch und ein handtellergroßes goldenes Amulett um den Hals.

Ernst und ein wenig spöttisch stellt sie sich den Fragen der Journalisten, die nach Berlin gekommen sind, um etwas über ihre Arbeit als Menschenrechtsaktivistin in einem der ärmsten Länder der Welt zu erfahren. Einem Staat, der seit fast 30 Jahren von Bürgerkrieg, ethnischen Konflikten und Gewaltorgien geprägt ist. Der Kinder in die Armee aufnimmt oder sie in Rebellentruppen schießen, töten und sterben lässt. Der wenig dagegen unternimmt, dass Minderjährige von ihren Eltern für zehn Dollar an Viehhirten verscherbelt, versklavt oder sexuell ausgebeutet werden.

Es gibt viele Kinder im Tschad, mit rund 46 Prozent ist fast die Hälfte der Bevölkerung unter 15 Jahren. Doch diese große Mehrheit wird schlecht behandelt: Zwischen 7000 und 10.000 Minderjährige kämpften der Uno zufolge in bewaffneten Verbänden - laut Amnesty International waren noch 2010 hochrangige Armeeoffiziere an der Rekrutierung von Kindern in Flüchtlingslagern beteiligt.

"Es ist eine verlorene Generation", sagt Moudeina und zeigt Fotos von einem jungen Mann, der in einer Koranschule der überwiegend sunnitischen Muslime im Land gezüchtigt wurde: Sein Rücken ist voller Schwären und Eiter, als wäre er komplett verbrannt. "Die jungen Leute werden die Gewalt, die sie erlebt haben, reproduzieren, das müssen wir verhindern."

Immer wieder kommt es auch zu Vergewaltigungen und schweren gewaltsamen Übergriffen auf Mädchen und Frauen. "Sie haben in unserem Land nur Pflichten, aber keine Rechte", so die Juristin.

Gewalt als "korrektive Maßnahme"

Moudeina ist Vorsitzende des ATPDH, einer Organisation, die sich der Verteidigung der Menschenrechte im Tschad verschrieben hat. Sie arbeitet eng mit den Experten von "Human Rights Watch" zusammen, einzelne Projekte wie etwa eine kostenlose Rechtsberatung für Opfer der Diktatur werden vom katholischen Hilfswerk Misereor und "Brot für die Welt" finanziert.

Der ATPDH unterhält sogenannte "Wachsamkeitsclubs" in Regionen des Landes, wo immer wieder Kinder verkauft oder zum Militärdienst rekrutiert werden. Die Frauen in diesen Orten sollen vor Beschneidung oder Misshandlung geschützt werden. "Wir versuchen, in Kontakt mit den Eltern und Dorfältesten zu kommen, auch wenn wir wissen, dass sie teilweise an den Vergehen beteiligt sind", sagt Moudeina. Ob sie als Frau und Protestantin als gleichwertige Gesprächspartnerin angesehen werde? "Oh, nein", lacht Moudeina. "Die Vorstellung des Projektes überlasse ich meinen muslimischen Mitarbeitern."

Es sei immens wichtig, die Kinder in die Schule zu bekommen, sagt Moudeina. Mangelnde Bildung ist im Tschad ein riesiges Problem: Nur ein Viertel der Bevölkerung kann lesen und schreiben. "Es ist auch diese Unwissenheit, die zu der massiven Gewalt gegen Kinder und Frauen führt. Im Tschad gilt körperliche Züchtigung als korrektive Maßnahme - nicht als Straftat."

Der Pinochet aus Afrika

Seit elf Jahren kämpft Moudeina einen mühevollen Kampf, dem sie nicht nur all ihre Zeit und Kraft gewidmet hat, sondern auch ihre körperliche Unversehrtheit. Im Jahr 2001 wurde sie während einer Demonstration gegen Wahlbetrug in der Hauptstadt N'Djamena mit einer Handgranate beworfen. Die Aktivistin wurde schwer verletzt, musste monatelang in Frankreich behandelt werden. Noch immer sind Splitter in ihrem Bein, im Januar steht die inzwischen vierte Operation an.

Der Attentäter, das weiß Moudeina heute, stammte aus einer Polizeieinheit des ehemaligen Diktators Hissène Habré, der den Tschad von 1982 bis 1990 mit seiner Schreckensherrschaft überzog.

Eine Untersuchungskommission ermittelte, dass unter dem Einparteiensystem des "Pinochet aus Afrika" etwa 40.000 politische Morde begangen wurden. Vor allem Angehörige nichtmuslimischer ethnischer Gruppierungen wurden von seinen Schergen getötet. Es ist Moudeina zu verdanken, dass die Namen von Folterern und Mördern öffentlich wurden, nachdem Zeugen sie identifiziert hatten.

"Es ist eine Katastrophe, dass viele dieser Männer auch heute noch hochrangige Posten in der Regierung oder bei den Sicherheitskräften bekleiden", so die Anwältin. Die Täter vor Gericht zu bringen ist oft eine Sisyphosarbeit. "Die Strafermittler haben große Angst, sie befürchten negative Konsequenzen für sich selbst, wenn ein Verfahren eröffnet wird. Sie verschleppen, verzögern, finden Vorwände - nur um ihre eigene Haut zu retten."

Soap-Opera um den Ex-Diktator

Ex-Präsident Habré floh nach seiner Absetzung in den Senegal. Vorher soll er noch geschätzte zehn Millionen Euro aus dem Staatsbudget veruntreut haben, offenbar um die Regierung im Exil mit Investitionen wohlwollend zu stimmen. Die Rechnung scheint aufgegangen zu sein: Im Jahr 2000 reichte Moudeina im Senegal Klage gegen den Diktator ein. Der Oberste Gerichtshof wies sie zurück und erklärte sich für nicht zuständig.

Die Menschenrechtlerin wandte sich an die Justiz in Belgien. Und tatsächlich: Nachdem ein Ermittlungsrichter Massengräber und ehemalige Lager inspiziert und stapelweise Akten gesichtet hatte, klagte ein Gericht Habré 2005 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit an und erwirkte einen internationalen Haftbefehl. Die Auslieferung wurde beantragt. Der Senegal erklärte sich abermals nicht zuständig und verwies auf die Afrikanische Union, die wissen ließ, dem Ex-Präsidenten solle nur in einem afrikanischen Land der Prozess gemacht werden.

Zwar verurteilte der Strafgerichtshof in N'Djamena Habré 2008 in Abwesenheit zum Tode. Der jedoch lebt weiter unbehelligt im Senegal - dank einer "endlosen politischen und strafrechtlichen Soap-Opera", wie Erzbischof Desmond Tutu es im Juli 2010 nannte. "Derzeit prüft die Afrikanische Union, ob in Ruanda ein Verfahren gegen Habré eröffnet werden kann", sagt Moudeina müde. Sie will jedoch nicht aufgeben. "Ich habe elf Jahre meines Lebens für eine Verurteilung Habrés geopfert, ich mache weiter, um jeden Preis."

Habrés Nachfolger sitzt derweil - auch Dank einer gut organisierten politischen Polizei - fest im Sattel: Erst im April hatte sich Präsident Idriss Déby, seines Zeichens Kampfpilot mit dem Spitznamen "Wüstencowboy", mit angeblich 83,6 Prozent der Wählerstimmen im Amt bestätigen lassen.

Ob denn damit zu rechnen sei, dass der seit 1990 regierende Vorsitzende der "Patriotischen Heilsbewegung" (MPS) irgendwann abtrete? Moudeina lacht bitter auf: "Er ist ein Präsident auf Lebenszeit. Er wird niemals freiwillig gehen." Die Opposition sei schwach und zersplittert, keine charismatische Führungsfigur in Sicht. Ob sie vielleicht selbst in die Politik gehen würde? "Ich denke nicht dran!"

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1. Leider
südd. 03.12.2011
Zitat von sysopVerbissen kämpft Jacqueline Moudeina gegen Kinderhandel und*Sklaverei im Tschad. Nur knapp überlebte sie ein brutales Attentat, unbeirrt kämpft sie gegen den Ex-Diktator Hissène Habré. Jetzt wird*sie mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Zu Recht. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,801276,00.html
Sie mag eine mutige Frau sein. Das Grundproblem „fast die Hälfte der Bevölkerung ist unter 15 Jahren alt“ wird auch sie nicht lösen.
2. Langer leben, ohne Politik!
Altesocke 03.12.2011
Zitat von sysopEr wird niemals freiwillig gehen." Die Opposition sei schwach und zersplittert, keine charismatische Führungsfigur in Sicht. Ob sie vielleicht selbst in die Politik gehen würde? *"Ich denke nicht dran!"*
Ich vermute mal, das sie doch zumindest etwas an ihrem Leben haengt!
3. Der Tschad- das verlorene Land und seine Bevölkerung
eva1811 03.12.2011
Der Tschad- seit Jahrzehnten ein verlorenes land und eine Bevölkerung das vor sich hin vegetiert und von der Welt vergessen wurde. Milizen, Korruption und das nicht Vorhandensein einer funktionierenden Regierung hat dieses in ein trostloses Dasein gestürzt. Die Hilfsorganisationen leiden auch still vor sich hin und füllen oftmals nur den Tropfen auf den heissen Stein, sie gehen auch hohe Risiken ein um diesen Menschen zu helfen, die allein gelassen wurden von der Weltgemeinschaft. Der Tschad - was wissen wir davon ?? Ist es schon soweit, Länder nur darzustellen, wenn sie von Nutzen!! - Rohstoffreich sind und wir einfach wegschauen, wenn sich hier menschliche Tragödien im Stillen abspielen?? Gut man kann nicht die Ganze Welt verbessern und retten, aber zumindest Ansätze und Wege aufzeigen, bzw. diplomatisch vorgehen, um etwas zu bewegen.
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