Alltag als Messie Jean, wie lebst du?

"Es ist verrückt, wie viel wir in den Müll werfen", sagt der 60-jährige Jean. Früher arbeitete der Franzose als Bautechniker, dann begann er, Dinge zu horten. Einen Fotografen ließ er in seine Wohnung.

Arnaud Chochon

Von


Jean bleibt gerade noch Platz, um seinen Oberkörper abzulegen - das restliche Bett ist komplett bedeckt von Zeitungsstapeln. Auf dem Boden türmen sich weitere Berge, daneben Essensverpackungen, Bücher, Kleidung und Tüten.

Der 60-Jährige leidet am sogenannten Vermüllungs-Syndrom und kann nicht aufhören, Dinge zu horten. Der französische Fotograf Arnaud Chochon hat ihn ein Jahr lang in seinem Alltag begleitet.

Vor allem ältere Menschen leiden an der psychischen Erkrankung. Sie horten nicht nur Müll und andere Gegenstände, sondern vernachlässigen auch ihre eigene Hygiene. Oft leben Betroffene sozial isoliert - so wie auch Jean. Er hat kaum Kontakt zu anderen Menschen, es dauerte mehrere Monate bis er dem Fotografen gestattete, sein Zuhause zu sehen. Mittlerweile sind die beiden jedoch gute Freunde geworden.

Das Waschbecken ist unbenutzbar, weil sich leere Plastikbehälter darin stapeln; Essenreste hängen in Körben über der Badewanne und gammeln vor sich hin; auf dem Schrank neben einem Ölgemälde quetschen sich kleine Boxen. Für Chochon war es nicht einfach, unter diesen engen Raumverhältnissen zu fotografieren.

Fotostrecke

12  Bilder
Zeitungsstapel, Gestank und kaum mehr Platz: Leben im Müll

Die Bilder zeigen Jean aber auch bei seinen nächtlichen Streiftouren: Zu später Stunde durchwühlt er Mülleimer von Privathaushalten, Hotels oder Institutionen nach Essensresten und anderen Dingen. Systematisch geht er dabei offenbar nicht vor, meist scheint ihm egal zu sein, ob er die Sachen brauchen kann oder was für einen Wert sie haben. Besonders Zeitungen haben es ihm angetan, Jean ist unglaublich belesen.

Chochon beeindruckte der Kontrast zwischen der Erkrankung und der hohen Intelligenz Jeans. Er kenne sich gut mit Geschichte, Wissenschaft, Politik, Kunst und Geografie aus, habe ein sehr gutes Gedächtnis und besuche regelmäßig Kulturveranstaltungen und Kunstausstellungen. Bis 2002 arbeitete er als Bautechniker, nun lebt er von den Dingen, die er in Mülleimern findet, und von seiner Erbschaft.

"Es ist verrückt, wie viele Sachen wir in den Müll werfen", sagt Jean. Er fing bereits als Kind an, Lebensmittel aus Mülleimern zu fischen. Auch Essensreste lagert er in seiner Wohnung, zieht damit Mäuse und Insekten an. Unangenehme Gerüche erfüllen die Wohnung.

Aus hygienischen Gründen schickt die Stadtverwaltung einmal im Jahr einen Aufräumdienst. Bis zu zwei Tage braucht das Reinigungsteam, um die Wohnung von allen angesammelten Dingen zu befreien. Für Jean ist das nicht leicht: Er bekommt einige Tage vorher Bescheid und versteckt seine wichtigsten Funde. Nach der Reinigungsaktion zieht er sofort erneut los - um seine Räume wieder mit neuem Müll zu füllen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.