Debatte nach Özils Rücktritt "Man kann mit Rassismus so gut Politik machen wie lange nicht"

Andreas Zick forscht seit Jahren zu Diskriminierung. Im Interview erklärt er, was der "Özil-Effekt" ist - und warum der Fußballer mit dem Rassismusvorwurf präziser umgehen sollte.

Mesut Özil bei der WM in Russland (Archiv)
imago/ Sven Simon

Mesut Özil bei der WM in Russland (Archiv)

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Mesut Özil war einst so beliebt, dass er sogar Rassismus heilen konnte. Das ist, zugespitzt, das Ergebnis einer Studie des Wissenschaftlers Andreas Zick und zweier Kollegen über die WM 2010. Jetzt ist der Nationalspieler zurückgetreten - unter anderem wegen Rassismus, wie er schreibt.

Im Interview erklärt der Forscher Andreas Zick, warum Özil zu Recht von Rassismus spricht - und wie sich solche Einstellungen in Deutschland entwickelt haben.

Zur Person
  • imago/ Jürgen Heinrich
    Der Sozialpsychologe Andreas Zick, Jahrgang 1962, leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Er forscht seit Jahren zu Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Menschenfeindlichkeit und Vorurteilen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Zick, könnten Sie mir den "Özil-Effekt" erklären?

Andreas Zick: Während der WM 2010 haben wir untersucht, wie sich Stereotype entwickeln. Özil wurde zu einem der Lieblingsspieler in der Umfrage, zu einer Figur, mit der sich viele identifiziert haben. Das hat dazu geführt, dass sich die rassistischen Einstellungen bei den Teilnehmern reduziert haben. Das haben wir "Özil-Effekt" genannt. Er war auf einmal eine inklusive Figur.

SPIEGEL ONLINE: "In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren", schreibt Özil heute, acht Jahre später in seinem Statement.

Zick: Das passt zu der Studie. Aber das passt auch zu Hunderten anderen Studien über Diskriminierung, etwa bei Leistungsbeurteilungen in Schulen oder Bewerbungsverfahren. Menschen mit Migrationshintergrund haben erfolgreich zu sein, müssen besser Deutsch sprechen als Leute ohne Wurzeln im Ausland. Das ist eine typische Erfahrung: Sie müssen sich immer ein wenig mehr anstrengen.

SPIEGEL ONLINE: Özil spricht in seinen Statements nicht von Diskriminierung, sondern Rassismus. Zu Recht?

Zick: Er nennt ja Beispiele, etwa einen SPD-Politiker, der ihn als Ziegenficker bezeichnet hat. Das ist der Prototyp eines rassistischen Vorurteils. Ihm wird ein abwertendes und entmenschlichendes Merkmal zugeschrieben, das einen Unterschied zwischen "uns" und "denen" begründet. Doch ob die Kritik von DFB-Präsident Grindel rassistisch ist, muss man bezweifeln. Özil sollte noch mal darüber nachdenken, wem er Rassismus vorwirft. Das darf keine Phrase werden, die man jedem entgegenhält, der Özil kritisiert.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet ein SPD-Politiker beleidigt einen Fußballer derartig. Ist Rassismus in der Mitte angekommen?

Zick: Das realisieren wir ja seit vielen Jahren. Aber wir müssen unterscheiden: Offene Formen von Rassismus gehen zurück. "Die Weißen sind zu Recht führend in der Welt" - dieser Aussage stimmten 2002 etwa 18 Prozent, 2016 rund 13 Prozent der Befragten einer repräsentativen Studie zu. Dieser direkte Rassismus ist geächtet. Doch es gibt subtile Formen des Rassismus, die verbreitet sind. Das sind Formen, die zunächst nicht rassistisch erscheinen, aber indirekt eine Minderwertigkeit herstellen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Zick: Dass Flüchtlinge zu Terrorismus neigen, sagt jeder zweite in der Studie aus dem Jahr 2016. Oder es wird unterstellt, dass sie sexistischer und krimineller sind. Die Abneigung gegen eine Gruppe bleibt, doch man möchte zugleich nicht als Rassist abgestempelt werden. An die Stelle der Biologie tritt deshalb die Kultur als Erklärung für Unterschiede. So kann man den Schein wahren, nicht rassistisch zu sein. Das erlebt Özil jetzt auch. Alle sagen ihm: "Wir sind ja nicht rassistisch, aber du Türke hast schlecht gespielt."

SPIEGEL ONLINE: Sie erforschen seit Jahren Rassismus. Wie haben sich diese Einstellungen in Deutschland verändert?

Zick: Er kommt und geht in Wellen. Wir sprechen jetzt über alte Stereotype gegenüber Türken, die eigentlich verschwunden waren. Die Vorurteile gegen Flüchtlinge sind in den letzten zwei Jahren stärker geworden, obwohl immer weniger Menschen kommen. Man kann in unserer Gesellschaft mit Rassismus und Vorurteilen so gut Politik machen wie lange nicht.

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abc. 25.07.2018
1. Eine Win-Win-Situation
Unsere Qualitätsmedien füllen ihr Sommerloch, der Herr Özil konnte seinen Marktwertverlust aufgrund katastrophaler WM Leistung mittels einer Scheindebatte und der Flucht in die Opferrolle abwenden, der Özil-Clan (gemäß der HP seiner Beraterfirma alles türkische Landsleute, keine einzige andere Nationalität weit und breit in des Herren Özils Umfeld) konnte seine Verbindung zur AKP festigen (man will sein Vermögen ja irgendwann irgendwo ungestört ausgeben), Erdogan konnte wieder hemmungslos Deutschland beleidigen, die Türkei konnte sich einen weiteren Vorteil für die EM Vergabe verschaffen, der Zentralrat der Muslime konnte seine Kundschaft wieder pauschal als Rass ismus opfer stilisieren um auch zukünftig ohne jegliche Gegenleistung Transferleistungen abzuschöpfen, und Gerhard Schröder kann endlich Putins Auftrag ausführen, den für die weitere russische Einflussnahme eher störenden Heiko Maas abzusägen. Wohin man blickt, nur Gewinner. Bis auf die dummen, eier- und ehrlosen Deutschen Kartoffeln, aber um die ist es eh nicht schade, das sind alles nur Rass isten, die man jeder Zeit pauschal beleidigen, rass istisch beschimpfen, ausnutzen, anspucken und abziehen kann. Und der Spiegel applaudiert dazu. Danke schön.
marialeidenberg 25.07.2018
2. Der Rassismus-Vorwurf ist eine Allzweckwaffe,
ein Totschlag-Argument. Alles, buchstäblich alles, vom beruflichen Misserfolg über ungünstiges Äußeres bis hin zu ausbleibenden Sexualkontakten lassen sich mit wenig Mühe mit Rassismus begründen, es ist der berühmte 'easy way out'. Der Rassismus ist daneben keine Einbahnstraße: Die, an die sich der Vorwurf richtet, die Ursprungsbevölkerung also, sieht sich andauernd zu Erklärungen und Beteuerungen genötigt, muss sich stets und ständig gegen den (rassistischen) Vorwurf verteidigen, Rassisten zu sein. Die Distanz zwischen den Volksgruppen wird zu großen Anteilen durch die Abschottungspolitik derer, die die Distanz beklagen, verursacht. Schon mal darüber nachgedacht?
Clara77 25.07.2018
3.
Die Analyse geht über eins hinweg - der Gedanke, dass Flüchtlinge zB sexistischer wären, als norwegische Touristen fällt ja nun nicht komplett vom Himmel. Auch kann man in der Causa Özil nicht völlig ausblenden, dass auch Erdogan und seine fragwürdige Deutschlandpolitik dahinter stehen. Natürlich führt das zu Pauschalisierungen, aber wirklich dahinter ist glaube ich auch noch etwas ganz anderes. In beiden Fällen - die natürlich sehr unterschiedlich sind - ergibt sich doch ein Bild, dass die Integrationserfolge oft nicht echt sind und es genau genommen sogar eher einen Gegentrend gibt. Mit der kemalistischen Türkei hätte es die Auftritte von Erdogan nicht gegeben. Es mag sein, dass das zu rassistischen Ausfällen führt, die auch problematisch sind, aber man begreift die Sache kaum, wenn sich in dem üblichen moralisierenden Ton darauf konzentriert. Man kann diese politische Dimension nicht einfach ausblenden.
fatg 25.07.2018
4. Erschrekcen
"Man kann mit Rassismus so gut Politik machen wie lange nicht". Das ist leider völlig richtig. AFD, Trump, Brexit, Wilders, Le Pen, die Liste ist viel zu lang...
l.augenstein 25.07.2018
5. Özil ist Deutscher - Punkt!
Warum das in der Diskussion ständig weggeschoben wird, ist schlichtweg unverständlich! Offensichtlich will eine bestimmte Politik- und Meinungsrichtung unbedingt eine Migrations- und Rassismusdebatte aus der Kritik an Özil's Verhalten in der Erdogansache und seinem bescheidenen Fußballspiel der letzten Zeit in der NM machen. Aber nach meiner Ansicht geht es weder um Rassismus, auch wenn Özil's Rücktrittsschreiber das so behaupten, noch um Integration. Özil hat sich und seinem Geburtsland mit der Freigabe dieser Rücktrittserklärung und den darin aufgeführten Anschuldigungen und Behauptungen einen Bärendienst erwiesen. Und auch wenn man es nicht mehr hören kann: Sein unreflektiertes Festhalten an dem Treffen mit Erdogan ist einfach nicht in Ordnung. Egal, was man da jetzt hineininterpretiert.
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