Sexuelle Gewalt in Indien #MeToo-Bewegung erreicht Bollywood

Jahrzehntelang wurden die Täter sexueller Gewalt in Indien geschützt. Jetzt nennen Frauen - darunter berühmte Stars aus der Filmszene - die mutmaßlichen Verbrecher beim Namen. Und finden Gehör.

Demonstrantinnen in Mumbai
DIVYAKANT SOLANKI/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Demonstrantinnen in Mumbai


Zehn Jahre ist es her, dass die Schauspielerin und ehemalige Miss Indien, Tanushree Dutta, zum ersten Mal laut aussprach, was sie erlebte. Sie beschuldigte den Bollywoodstar Nana Patekar, sie am Filmset sexuell bedrängt zu haben. Hilfe bekam sie nicht, dafür Morddrohungen.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 54/2018
100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

Jetzt, ein Jahr, nachdem die #MeToo-Bewegung in Hollywood Harvey Weinstein und andere mächtige Männer der Branche anklagte, wiederholt Dutta ihre Anschuldigung und meldet sie den Behörden. Diesmal findet sie Gehör - und tritt etwas los, das viele als den Startschuss einer #MeToo-Bewegung in Indien sehen.

Tanushree Dutta
REUTERS

Tanushree Dutta

Denn in den sozialen Medien fangen jetzt viele indische Frauen an, vor allem aus der Künstler- und Filmszene, ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt unter dem Hashtag #MeToo öffentlich zu machen. Und die Täter beim Namen zu nennen.

Im Fall des Bollywoodstars Nana Patekar demonstrierten Teile des Frauenflügels der All India National Congress Party vor einer Polizeistation in Mumbai. Sie fordern seine Verhaftung.

Unter den Beschuldigten sind außerdem Autoren, Schauspieler, Journalisten wie der Top-"Hindustan Times"-Journalist Prashant Jha, und Comedy-Stars wie Utsav Chakraborty aus der bekannten Gruppe "All Indian Bakchod". Auch ein Beamter in der Regierung von Premier Narendra Modi wird von mindestens sieben Frauen beschuldigt, sich unangemessen verhalten zu haben.

"Woah, sieht so aus, als ob der Code der Omertà in Bollywood endlich Risse bekommt", schreibt eine Drehbuchautorin bei Facebook, und spielt auf die Schweigepflicht der italienischen Mafia an. In der Tat sah es lange so aus, als bleibe ein "MeToo-Moment" in Indien aus. Und das, obwohl die Grenzüberschreitung von Männern im Alltag nicht zu übersehen seien, wie Kalpana Sharma vom "Network of Women in Media" sagt: "Sexuelle Belästigung war der Elefant im Raum."

Filmindustrie in Männerhand

In Indien sind die meisten Produzenten und Filmemacher Männer, das Filmgeschäft ist fest in der Hand einiger weniger mächtiger Familien. Diese haben wenig Interesse, die Skandale auffliegen zulassen. Aber der Druck auf sie wächst.

Welche Wucht kann die Bewegung in Indien entfalten? Schon einmal begann das Land über die Strukturen sexueller Gewalt zu diskutieren, und zwar nach dem Fall von Jyoti Singh. Die Studentin wurde im Jahr 2012 von mehreren Männern in einem Bus in Neu-Delhi brutal vergewaltigt und starb später im Krankenhaus. Damals gingen in mehreren Städten Demonstranten auf die Straße und protestierten gegen die unentschiedene Strafverfolgung der Polizei bei Vergehen gegen Frauen.

Viele Inder sind der Meinung, der Aufschrei von damals sei verebbt, ohne dass sich allzu viel änderte. Einige Politiker, Zeitungen und Frauengruppen fordern deshalb, ein Gesetz von 2013 zu überarbeiten, das Frauen am Arbeitsplatz besser vor sexueller Belästigung schützen soll. Der sogenannte "Sexual Harassment at Workplace Act" schreibt vor, dass Arbeitgeber mit mehr als zehn Angestellten unabhängige Stellen einrichten müssen, die eventuelle Belästigungsfälle am Arbeitsplatz untersuchen.

mst/Reuters



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.