#MeTwo Die Banalität des Rassismus

Die neue #MeTwo-Bewegung zeigt, wie alltäglich Diskriminierung ist. Unsere Gesellschaft steht vor einer großen Aufgabe: Wir müssen Rassismus ernst und ihm zugleich das Monströse nehmen.

Demonstranten auf einer Demo gegen Rassismus (Symbolbild)
imago/Agencia EFE

Demonstranten auf einer Demo gegen Rassismus (Symbolbild)

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Rassismus ist banal. Er ist alltäglich für die Betroffenen, weil er so häufig vorkommt. Er ist auch oft banal in seiner Ausprägung: Es kann ein Witz sein oder die Frage: "Woher kommst du wirklich?"

Im Jahr 2004 hat der Rassismusforscher Mark Terkessidis seine Doktorarbeit veröffentlicht. Für sie führte er Interviews mit Migranten der zweiten Generation, die ihm von ihren Rassismuserfahrungen erzählten. Das Buch ist 14 Jahre alt, doch immer noch aktuell: Die Geschichten darin gleichen jenen, die Tausende Menschen gerade bei Twitter unter dem Hashtag #MeTwo teilen. Terkessidis nannte das Buch "Die Banalität des Rassismus".

Über Rassismus zu reden ist schwierig. Viele, die das Wort hören, denken an die Morde des "Nationalsozialistischen Untergrundes", brennende Flüchtlingsheime, die Nazis und ihre Verbrechen. Auf den Rassismusvorwurf folgt daher automatisch die empörte Zurückweisung: "Ich bin doch kein Rassist". Und damit endet die Debatte.

So ist das auch bei dem Rücktritt von Mesut Özil. Zugegeben: Ausgerechnet bei DFB-Präsident Reinhard Grindel, den er am härtesten kritisiert, macht er den Rassismusvorwurf nicht konkret. Özil grub sogar ein Zitat aus dem Jahr 2004 aus, in dem sich Grindel ablehnend zu Multikulti äußerte. Das machte es dem DFB einfach.

Die Erklärungen des Verbands und seines Präsidenten sind trotzdem symptomatisch. Dass der DFB mit Rassismus in Verbindung gebracht werde, weise man mit aller Deutlichkeit zurück, heißt in der Mitteilung. Auch Grindel wies den Vorwurf "entschieden zurück".

Rassismus wird niederdementiert, auch mit Verweis auf die Vielfalt in den eigenen Reihen. Zugespitzt heißt das: Wer mit Türkischstämmigen Fußball spielt, ist über jede Kritik erhaben. Seht her, bei uns sind Menschen mit Migrationshintergrund dabei, wir können gar nicht rassistisch sein.

Das ist so einfach wie verkehrt.

Auch der DFB-Integrationsbeauftragte Cacau entschied sich gegen eine ernsthafte Auseinandersetzung. "Man hat das Gefühl, wenn man die Nachrichten sieht und liest, dass Deutschland ein flächendeckendes Rassismusproblem hat. Das ist nicht der Fall", sagte er der ARD.

Das ist so beschwichtigend wie verkehrt.

Rassismus ist ein flächendeckendes Problem. Das untermauern nicht nur Zigtausende Berichte auf Twitter. Jeder zweite Mensch mit Migrationshintergrund hat Diskriminierung erlebt. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Betroffen sind demnach vor allem jene, die irgendwie "anders" aussehen. In dem Papier stehen Beispiele: ein Befragter wurde als "Neger" beschimpft, eine Frau fand erst einen Kitaplatz, als sie ihr Kopftuch für die Vorstellungstermine ablegte.

Man kann dieser Sichtweise entgegenhalten, dass sie Menschen, die keinen Kitaplatz bekommen und Menschen, die von Nazis ermordet werden, gleichsetzt, indem man beide Opfer von Rassismus nennt.

Wer so argumentiert, verkennt, wie die Ideologie funktioniert: Sie beginnt mit dem Denken in Unterschieden, die angeblich in der Biologie liegen oder in der Kultur oder in der Herkunft. Und selbst wenn es solche Unterschiede geben mag: Wer Rassismus ernsthaft bekämpfen will, muss dieses Denken hinterfragen.

Die Verkrampfung lösen

Damit das gelingt, müssen wir die Verkrampfung lösen, die mit dem R-Wort einhergeht. Wir alle schöpfen aus dem, was der Wissenschaftler Terkessidis "rassistisches Wissen" nennt. Damit meint er Vorurteile über Gruppen, die jedem von uns bekannt vorkommen, die sich zu einer Erzählung verweben, der sich kaum einer entziehen kann: Als mir einmal ein Kumpel mit russischen Wurzeln von einer Familienfeier erzählte, stellte ich mir automatisch vor, dass sie Wodka aus vollen Gläsern tranken, wie Wasser.

Dass auch Deutsche mit Wurzeln im Ausland Vorurteile haben, ändert nichts an der Tatsache, dass die allermeisten Jobs, Wohnungen und Noten von Menschen ohne Migrationshintergrund vergeben werden. Sie haben eher die Macht, Ressentiments in die Tat umzusetzen. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Migranten frei von Ressentiments sind.

Keiner von uns ist frei davon. Es ist auch nicht schlimm, wenn man sich bei rassistischen Denkmustern ertappt. Schlimm ist die reflexhafte Zurückweisung. Rassismus verschwindet nicht, indem man ihn leugnet.



insgesamt 118 Beiträge
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issodu 27.07.2018
1. Rassismus ist kacke, die Realität auch
Niemand sollte wegen seiner Hautfarbe oder seiner Herkunft benachteiligt, diskriminiert oder ausgegrenzt werden.
matthias.hoff 27.07.2018
2. Was soll mir dieser Text sagen?
Es ist ja nicht nur so, dass man Witze/Sprüche/Vorurteile nur gegen „Ausländer“ hat sondern auch gegen Ossis, Schluchten Sch..., Dorfis..., Düsseldorfer also eigentlich alle mit denen man nicht befreundet ist oder mit denen man normal zutun hat.
alexandercanazachambi 27.07.2018
3. Wo kommst du wirklich her ?
Auf diese Frage stelle ich mittlerweile die Gegenfragen: Warum möchten sie das Wissen? Wenn ich dann durch die Antwort merke es handelt sich bloß um naives Interesse bleibe ich freundlich und erzähle Ihnen wo mein Vater geboren ist. Wenn ich aber merke , dass diese Frage gestellt wird um mich abzuschätzen dann Frage ich stets:Was hat ihr Vater/Großvater währen der Nazidiktatur gemacht ? Manchmal sind die Leute ganz eingeschnappt und beschweren sich über mich aber bei einigen fällt der Groschen und man kann Ihnen förmlich anmerken wie sie erkennen, dass die Frage die sie gestellt haben Dumm ist und nichts mit mir als Mensch zu tun hat.
Phil2302 27.07.2018
4. Kein Rassismus
Ich habe mir auch einmal den Hashtag auf Twitter angeschaut, hier wird es ja direkt angesprochen. Wer "Woher kommst du wirklich?" als Rassismus ansieht, der verwässert den Begriff Rassismus und läuft Gefahr, genau das Gegenteil von dem zu erreichen, was er möchte. Ich sehe einige Punkte durchaus als problematisch an (keine Wohnung bei ausländisch klingendem Namen z.B.), aber die Frage, woher man wirklich kommt, respektive die Vorfahren, das ist nun wirklich kein Rassismus. Wenn man mir das jetzt vorwerfen möchte: Bitte, man tue das, aber ihr erweist damit den wirklich betroffenen Menschen einen Bärendienst - wer u.a. behauptet, dass die ESC Siegerin aus Israel rassistisch ist (cultural appropriation), der kann nicht für ernst genommen werden. Also: Wahre Probleme ansprechen, aber nicht aus einer Fliege einen Elefanten machen. Wichtig auch: "[...] in Unterschieden, die angeblich in der Biologie liegen oder in der Kultur oder in der Herkunft. Und selbst wenn es solche Unterschiede geben mag: Wer Rassismus ernsthaft bekämpfen will, muss dieses Denken hinterfragen." Ja, solch Denken muss hinterfragt werden, aber will man jetzt ernsthaft sagen, dass es zwischen Kulturen keinen Unterschied gibt? Natürlich gibt es Unterschiede! Was ist denn daran falsch, dass zu sagen? Falsch ist es, jemandem kulturelle Eigenschaften anzudichten, nur weil er südländisch aussieht! DAS ist ein Problem.
spon_4_me 27.07.2018
5. Sie machen es sich eben einfach,
indem Sie Rassismus, Xenophobie, Diskriminierung, Vorurteile alle in einen Topf schmeißen und das entstehende Gebräu Rassismus nennen. Sie machen es leider auch Ihren Kritikern, den reflexhaft empörten wie denen, die auf Differenzierung Wert legen, einfach - sieh an, der xte pädagogisch-gouvernantenhafte Kommentar irgendeines SPON-Fritzen zu diesem Thema, Haken dran. Natürlich könnt Ihr in dem von Euch selbst mitgeschaffenen Klima nicht mehr differenziert argumentieren. Natürlich könnt Ihr nicht mehr zwischen Vorurteilen (die beseitigt), Diskriminierung (die überwunden) und Rassismus (der wegen seiner strukturell-biologistischen Ausrichtung tief eingegraben ist) unterscheiden. Dabei wäre das wichtig, weil die Maßnahmen und Konsequenzen so verschieden sind. Rassisten sind für mich beispielsweise die Nazis gewesen, die Süden der USA unter Jim Crow, Südafrika unter der Apartheid - alles Systeme, die der aus ihrer Sicht minderen Rasse die Teilhabe an der gesellschaftlichen Willensbildung entzogen und persönliche Verbindungen der minderen mit der vermeintlich höheren Rasse streng bestraften. Ich denke, wir sind davon weit entfernt. Der sog. Alltagsrassismus, den Sie beschreiben und zitieren (ein Mann namens Ali bekommt keine Wohnung, Eishe keine Antwort auf ihr Bewerbungsschreiben, Träger von Kopftuch oder Davidstern werden beschimpft usw.) ist dagegen viel schwieriger strukturell zu verorten. Er tritt auch - und das unterscheidet ihn vom „echten“ Rassismus - häufig da am intensivsten auf, wo der tatsächlichen Kontakt selten oder fast nicht vorhanden ist. Wie wollen Sie beurteilen, ob ein Vermieter Rassist ist oder schlechte Erfahrungen gemacht hat, die er nicht wiederholen will? Ich behaupte, in einer wirklich rassistischen Gesellschaft würde es nicht nur keine Integrationsbemühungen (ob gute oder schlechte) geben, sondern der Staat würde aktiv versuchen, Integration und Teilhabe zu verhindern. So lange Sie das nicht darlegen, beweisen all die Beispiele in meinen Augen nur, dass es in Deutschland ungefähr den gleichen Anteil dummer, gefährlicher, kleinkarierter und/oder rückgratloser Menschen wie fast überall sonst. Das ist nicht schön und nicht entschuldigungswert, aber zu ein paar von denen kann man kommunikative Brücken bauen. Mit waschechten Rassisten geht das nicht.
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