Schwulenszene in Mexiko-Stadt Wir sehen uns im letzten Waggon

David Graham ließ sich nächtelang durch Mexikos Hauptstadt treiben und fotografierte die Schwulenszene. Bemerkenswert findet er, wie die Männer Kontakt zueinander aufnehmen.

David Graham

Ein Interview von


ZUR PERSON
  • David Graham
    David Graham, Jahrgang 1967, lebt seit mehr als 20 Jahren in New York City und arbeitet dort als Fotograf und Location-Scout, unter anderem für Regisseure wie Ang Lee, Michael Mann und Gus Van Sant. Er selbst macht Reisebilder und Street-Fotografie. Eine Auswahl seiner Fotos gibt es auf seiner Website zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat es mit dem letzten Waggon auf sich, nach dem Ihr Projekt "The Last Car" benannt ist?

Graham: In Mexiko-Stadt gilt der letzte Waggon einer U-Bahn als Treffpunkt für Schwule, vor allem abends und nachts. Ein Freund erzählte mir davon, als ich für ein anderes Projekt in Mexiko war. Dieser Geschichte wollte ich nachgehen.

SPIEGEL ONLINE: Und hat sich das Gerücht bestätigt?

Graham: Ja, so habe ich es zumindest erlebt. Auch tagsüber trifft man im letzten Waggon mehr Schwule als in der restlichen U-Bahn, das ist mein Eindruck. Die Szene in Mexiko-Stadt hat mich sowieso überrascht: Es gibt viel mehr Intimität in der Öffentlichkeit als in New York oder London. Die Leute sind offen zärtlich zueinander - nicht nur in der U-Bahn, auch auf den Straßen. Da versteckt sich niemand!

Fotostrecke

10  Bilder
Buchprojekt: Nachts in Mexiko-Stadt

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gesehen?

Graham: Ein einziges Mal habe ich wirklich Sex zwischen Männern fotografiert. Ein Blowjob auf dem Bahnsteig. Das war ein Schlüsselmoment und spiegelt für mich die Aussagekraft des ganzen Projekts wieder. Ich lebe seit den Neunzigerjahren in New York. Hier in der Christopher Street startete 1969 die Schwulenrechtsbewegung. Aber so etwas habe ich hier noch nie gesehen. Das passiert sicherlich in dunklen Ecken, aber nicht in der Öffentlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die beiden Männer auf das Foto reagiert?

Graham: Ich glaube, sie haben das gar nicht mitbekommen. Ihre Gesichter sind auch nicht zu erkennen. Generell habe ich aber versucht, meine Kamera sichtbar zu machen. Ich will eigentlich nicht heimlich fotografieren, selbst wenn die Gesichter hinterher verschwommen sind oder es nur Hinterköpfe zu sehen gibt. Manchmal, wenn ich in der Nähe stand, habe ich auch gefragt, ob es okay ist, dass ich ein Foto mache. Aber oft schauen die Leute dann her und lächeln. Das mag ich nicht. Wenn ich ansonsten merke, dass jemand Diskretion wünscht, lasse ich es einfach.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie auf ein Foto verzichtet?

Graham: Es gab zum Beispiel diesen Moment in der Rushhour. Im letzten Waggon war es sehr voll. Da waren ein Geschäftsmann und ein junger Typ. Sie tranken, küssten sich und machten in der vollen U-Bahn rum. Überall waren Leute, auch Familien. Der Geschäftsmann sah meine Kamera und warf mir einen Blick zu, der sagte: Bitte nicht! Das habe ich respektiert, obwohl es ein gutes Motiv gewesen wäre.

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David Graham:
The Last Car

Cruising in Mexico City

Kehrer Verlag; 128 Seiten; 39,90 Euro

SPIEGEL ONLINE: Sie waren für das Projekt nicht nur in U-Bahnen unterwegs, sondern auch in Bars und Klubs. Wie sah ihr Arbeitsalltag aus?

Graham: Ich habe mich immer zur Feierabendzeit aufgemacht, bin in die U-Bahn gestiegen. Später, als es dunkel war, habe ich mich treiben lassen, auf den Straßen und in den Klubs. Von einer Bar zur nächsten nahm ich wieder die U-Bahn. Die ganze Arbeit lief abends und nachts ab, oft bis drei oder vier Uhr früh. Insgesamt war ich für das Projekt acht Mal in Mexiko-Stadt, jeweils für mehrere Tage, einmal für zwei Wochen. Ich bin viel U-Bahn gefahren und durch etliche Straßen geschlendert. Das hat Zeit gekostet. Es war nicht einfach, den perfekten Moment zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie mit einigen der Männer auch ins Gespräch gekommen?

Graham: Ich habe keine Interviews geführt und überhaupt eher wenig gesprochen. Das macht für mich Street-Fotografie aus. Ich will spannende Momente von Menschen einfangen, die ich nicht kenne.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie dabei überrascht?

Graham: Die Art der Kontaktaufnahme. Das ist mir erst im Laufe des Projekts aufgefallen. Anfangs sah ich vor allem die sexuelle Geschichte, aber mit der Zeit betrachtete ich die Schwulenszene dort fast schon mit romantischem Blick. Wir nehmen heute oft nur noch Kontakt über unsere Smartphones auf. Mit Dating-Apps und per Facebook suchen wir nach Partnern, Sex oder auch einfach jemandem zum Reden. Das Konzept, das man sich auf der Straße sieht und anspricht, aus welchem Anlass auch immer, stirbt langsam in westlichen Großstädten aus. Niemand sagt mehr Hi. Es wird kaum geschaut und gelächelt. Jeder spielt auf seinem Smartphone rum. In Mexiko-Stadt sah ich viel mehr Menschen, die auf diese altmodische Art in Kontakt kamen. Das fand ich echt schön!

Das Interview führte Kathrin Fromm für das Fotoportal Seen.by.

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