Gedenkfeier für Michèle Kiesewetter "Von Zeit zu Zeit müssen die Fragen Ruhe geben"

Am zehnten Jahrestag der Ermordung von Michèle Kiesewetter versammeln sich Angehörige der NSU-Opfer in Heilbronn. Sie leiden unter den vielen offenen Fragen der Mordserie - und unter den vielen Spekulationen.

Gedenken an Michèle Kiesewetter in Heilbronn
DPA

Gedenken an Michèle Kiesewetter in Heilbronn

Von , Heilbronn


Rund 200 Menschen haben sich auf dem Weg entlang der Bahnstrecke versammelt, im Hintergrund rattern die Züge vorbei, die in den Heilbronner Hauptbahnhof ein- und ausfahren.

Alle paar Minuten muss die ehemalige Polizeipfarrerin Eva-Maria Agster ihre Trauerrede unterbrechen. Wegen des Bahnlärms, der immer mit dem Fall Kiesewetter verbunden sein wird, genauso wie die exponierte Lage des Tatorts: die Theresienwiese, ein Festplatz in der Heilbronner Innenstadt unweit des Neckars.

Im Hintergrund bauen die Schausteller ihre Fahrgeschäfte auf, wie damals am 25. April 2007, als die junge Polizistin Michèle Kiesewetter sterben musste - am helllichten Tag per Kopfschuss getötet, als sie mit ihrem Kollegen in einem parkenden Streifenwagen Pause machte.

Polizeibeamte am 25.04.2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn
DPA

Polizeibeamte am 25.04.2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn

Fünf ihrer Angehörigen sind angereist, um der getöteten Verwandten zu gedenken, dazu Vertreter aus den Familien vieler weiterer NSU-Opfer. Die Gruppe steht inmitten der Politiker und Journalisten unweit der Gedenktafel. Einzelne Zuhörer wischen sich bei den Worten der Polizeipfarrerin Tränen aus den Augen.

"Bis ins Mark traf uns ein unbeschreiblicher Schreck", sagt die Theologin. Das Leben vieler Menschen sei von einem Augenblick auf den anderen zerbrochen, die Trauer um den Verlust und die Frage nach dem Warum jedem einzelnen dauerhaft eingeschrieben.

"Von Zeit zu Zeit müssen die Fragen Ruhe geben, wenn sie nicht mehr beantwortet werden können", mahnt die Pfarrerin. Und: "Die ungelösten Fragen dürfen nicht den Blick des Herzens verstellen."

Qualen der Angehörigen

Es ist eine treffende Beschreibung der Qualen der Angehörigen, aber auch eine Zustandsbeschreibung des Falles: Das Verbrechen an Kiesewetter ist der rätselhafteste Mord, der dem NSU zwischen 2000 und 2007 zugeschrieben wird. Die anderen Morde der untergetauchten Neonazis richteten sich gegen türkisch- und griechischstämmige Kleinunternehmer.

Die Tat in Heilbronn beschäftigt Kollegen, Ermittler und die Politik bis heute. Im Stuttgarter Landtag befasst sich bereits der zweite Untersuchungsausschuss mit dem Fall, nach einem halben Dutzend anderer Gremien. Auch im Münchener NSU-Prozess ist der Mord regelmäßig Thema. Laut der Angeklagten Beate Zschäpe ging es Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos darum, sich die Dienstwaffen von Kiesewetter und ihrem Kollegen zu beschaffen, der den Angriff schwer verletzt überlebte.

Trotz der fortlaufenden Beschäftigung gibt es seit Jahren kaum Neues. Dafür gedeihen Mutmaßungen und Verschwörungstheorien. Deren Tenor: Hinter dem Mord müsse mehr stehen als der ebenso grausame wie banale Plan einer rechtsextremen Terrorzelle. Ein Komplott vieler Beteiligter, womöglich sogar unter den Augen oder mit dem Wissen von Geheimdiensten und staatlichen Stellen.

Am Vorabend des Jahrestags versammelte eine ARD-Dokumentation in raunendem Grundton die Fragen an und die diversen Theorien über den Fall. Zur Wort kamen fast ausschließlich Stichwortgeber, die ein wie auch immer geartetes dunkles Netzwerk hinter dem Mord vermuten.

Neue Spur am Trafohaus?

Als neues Indiz für eine solche Theorie führen die Filmautoren alte TV-Aufnahmen vom Tatort an. Darin ist ein Graffito mit dem Kürzel "NSU" zu sehen, welches an die Mauerwand des Trafohauses geschrieben ist, neben dem das Polizeiauto parkte. Haben die Täter oder ihre Komplizen dort einen Hinweis hinterlassen? Die Bundesanwaltschaft hat angekündigt, der Spur nachgehen zu wollen. Doch das heißt noch gar nichts, womöglich stammt die inzwischen übermalte Schrift nicht aus der Zeit des Mordes oder sie war Teil eines längeren Schriftzugs.

Die Spuren, auf die sich die Anhänger der Komplotttheorie stützen, führten bislang ins Nichts: Ein Mann, der sich mit einer Gruppe im Neckar die blutigen Hände gewaschen haben soll? Er wurde nie gefunden. Ein anderer, der unweit des Tatorts in ein wartendes Auto gesprungen sein soll? Ebensowenig. Ein Zeuge, der früh über die NSU-Täterschaft zu wissen vorgab und später in seinem Auto verbrannte? Wahrscheinlich ein Suizid. Seine Ex-Freundin, ebenfalls in jungen Jahren verstorben? An einer Lungenembolie.

Demgegenüber stehen Erkenntnisse, die klar für Böhnhardt und Mundlos als alleinige Täter sprechen. Ihr in Chemnitz angemietetes Wohnmobil wurde kurz nach der Tat 20 Kilometer entfernt von der Theresienwiese bei einer Verkehrskontrolle kontrolliert. In ihrer Zwickauer Wohnung fanden sich auf einer Jogginghose Blutflecken von Kiesewetter. Als der NSU 2011 aufflog, lagen die Dienstwaffen der Polizisten im ausgebrannten Wohnmobil.

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl
DPA

Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl

Ungeklärt bleibt aber etwa, warum sich weder von Mundlos noch von Böhnhardt DNA-Spuren an den Opfern oder am Polizeifahrzeug fanden. "Es bedrückt mich auch persönlich, dass wir nach zehn Jahren mehr Fragen als Antworten haben", sagt Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU), der aus Heilbronn stammt und an der Gedenkveranstaltung teilnimmt. Jedoch seien vorerst keine weiteren großen Erkenntnisse zu erwarten.

Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer fordert dennoch, dass Veranstaltungen für die Angehörigen verstetigt werden sollten. Noch immer gebe es nicht an allen Tatorten des NSU Gedenkstätten, zum Beispiel in der Kölner Keupstraße, wo 2004 eine Nagelbombe explodierte und 22 Menschen verletzte. Der jüngste Gedenkort ist an diesem Montag hinzugekommen: bei der Polizei Göppingen, der Kiesewetter als Bereitschaftspolizistin zugeteilt war.

Am Ende einer leisen Andacht steigen die Angehörigen in einen Gelenkbus, der sie vom Gelände bringt. Er parkt fast an der gleichen Stelle wie das Dienstauto von Kiesewetter und ihrem Kollegen, damals vor zehn Jahren.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.