Migrantenquote im Schrebergarten Laubenpieper mit Integrationsproblemen

Per Höchstquote wollten Schrebergärtner in Schleswig-Holstein die Zahl von Laubenpiepern mit ausländischen Wurzeln klein halten. Die Mehrheit der Vereinsmitglieder stellte sich hinter den Beschluss. Danach sollte es im Gartenparadies nie wieder so friedlich sein wie zuvor.

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Norderstedt - Einen Platz zur Entspannung suchten sie, wo sie gemeinsam am Wochenende werkeln können und ab und an ein bisschen Rasenmähen. Im schleswig-holsteinischen Norderstedt wurden Leonid Kantor, 46, und sein Sohn Nik, 21, schließlich im Kleingartenverein "Harksheide-Kringelkrugweg" fündig: Ein braunes Holzhäuschen hatte es ihnen angetan.

24 Quadratmeter, ein Vorgarten mit Rhododendren am Gartenzaun, ein kleiner Teich. Und ein Haken: Leonid Kantor kommt aus Russland. Deshalb durfte er die kleine Parzelle nicht mieten. Der Grund: Eine Migrantenquote, die sich der Verein selbst auferlegt hat. Es war nicht das erste Mal, dass sie aufgrund ihrer Herkunft in Deutschland diskriminiert würden, sagt Nik. Nur so offensichtlich habe es vorher noch keiner getan.

Hinter akkurat geschnittenen Hecken, Komposthaufen und Gemüsebeeten brodelte es offensichtlich schon länger. Die Integration der Menschen mit ausländischen Wurzeln funktioniere im idyllischen Schrebergärtchen nicht so wie gewünscht, erklärt der Vorsitzende Gerd Kühl. Auf Versammlungen lassen sich "die Migranten" angeblich zu selten blicken, sie grüßten die Nachbarn manchmal nicht - kurz: Sie wollten sich nicht auf die eingeschworene Gemeinschaft einlassen.

Das gehe so natürlich nicht, sagt Kühl. Deshalb wollten sich die Kleingärtner die ungeliebten Nachbarn mit einer Quote ein bisschen vom Hals halten. Eine Migrantenquote, "damit das Integrationsproblem nicht noch größer wird", sagt Kühl.

Sprachlos und entsetzt

Und so wurden bei einer Mitgliederversammlung im Oktober tatsächlich Zettel ausgeteilt, auf denen die 70 Kleingärtner darüber abstimmen sollten, wie hoch der Anteil der Migranten in Zukunft nun sein sollte: 12,6 Prozent, also dem schleswig-holsteinischen Durchschnitt entsprechend, 27 Prozent wie im benachbarten Hamburg oder, gemäß dem Bundesdurchschnitt, 19,6 Prozent.

Über die Hälfte der Mitglieder, 41 von 70, entschieden sich für die schärfste Quote, nur elf Mitglieder lehnten den Antrag ab. Damit nicht genug: Auch die Verteilung der Nationalitäten sollte festgelegt werden. Ein Viertel Türken und Araber, ein Viertel Osteuropäer. Die restlichen 50 Prozent der Parzellenmieter mit ausländischen Wurzeln sollten aus anderen Ländern stammen dürfen.

Das Ganze sei natürlich nur eine "Meinungsumfrage" gewesen, versucht Kühl die Abstimmung heute kleinzureden. Das Thema habe die "Mitte des Vereins" eben schon lange umgetrieben. Immerhin: Ein Hobbygärtner schreckte bei der Abstimmung auf, fotografierte das Protokoll der Versammlung und veröffentlichte es in einem Schaukasten.

Norderstedts Oberbürgermeister Hans Joachim Grote (CDU) habe auf die Abstimmung entsetzt reagiert, sagt der Sprecher der Stadt, Hauke Borchardt. Auch der Landesverband der Kleingärtner sei sprachlos und entsetzt. Die Stadt fordert nun vom Vorstand, sich formal von der Versammlung und der Quotenidee zu distanzieren.

"Das ist für mich reiner Rassismus"

"Sie liefern überhaupt keine greifbaren Argumente, wie es überhaupt zu einer solchen Abstimmung kommen konnte", sagt Borchardt. Sollten die Forderungen nicht erfüllt werden, könne es zu einer Kündigung des Pachtvertrags kommen. Die Stadt wolle nun die Hand ausstrecken und mit der Integrationsbeauftragten die Thematik in dem Verein aufarbeiten.

Kühl hat aber auch Fürsprecher auf seiner Seite. Die sollten ihm jedoch noch mehr zu denken geben: In einem Brief an die Stadt gratulierte ein selbsternannter "konservativer Wutbürger" dem Pensionär. "Der Mann hat Mut. Ich teile seine Sorgen." Auch die "Freien Nationalisten" aus Hamburg, eine rechtsgesinnte Kameradschaft, die von dem bekennenden Neonazi Christian Worch ins Leben gerufen wurde, nannte die Abstimmung der Kleingärtner eine "mutige Entscheidung".

Wie Integration in der Kolonie funktioniert, zeigt zwei Kilometer entfernt der Kleingartenverein Friedrichsgabe: Menschen aus elf Nationen bauen hier Gemüse an und stellen sich Gartenzwerge in den Vorgarten. Rund ein Drittel der 116 Wochenenddomizile wird von Menschen mit ausländischen Wurzeln getrimmt.

"Hier läuft es anders, weil wir schon vor sechs Jahren Migranten mit in den Vorstand genommen haben", sagt der Vorsitzende Max Stammerjohanns. Zudem werden "Nationenfeste" gefeiert, die Kinder spielen miteinander, und auch an die deutschen Ruhezeiten hätten sich inzwischen alle Pächter gewöhnt. An Quote denkt hier keiner, im Gegenteil. "Das ist für mich reiner Rassismus", wettert der polnischstämmige Richard Zak aus dem Verein in Friedrichsgabe.

"Die Fronten sind verhärtet"

Kühl indes war sich der Konsequenzen seines Vorstoßes offenbar nicht bewusst. Seitdem die Abstimmung öffentlich wurde, steht sein Telefon kaum still, ständig kommen neue Medienanfragen zur "Diskriminierung am Gartenzaun".

"Ich werde von den Medien wie ein Stier an der Nase vorgeführt", beschwert sich Kühl. Deswegen versucht er jetzt zurückzurudern: Auf ein erstes Entschuldigungsschreiben an die Stadt soll bald ein zweiter Brief folgen, in dem der Vorstand sein Bedauern über den "Fehler" kundtun will. Die Idee werde "nicht weiter verfolgt". Auf einer erneuten Versammlung in der kommenden Woche soll die Geschichte so zu einem einigermaßen versöhnlichen Ende kommen. Sowieso sei das alles ein reines Missverständnis, sagt Kühl.

Das versucht er auch der Familie Kantor klarzumachen. Die durften, nachdem die Stadt Wind von der Sache bekommen hatte, doch in ihr kleines braunes Holzhaus ziehen. Im Inneren der Hütte stehen blaue Sofas, vor den Fenstern hängen Spitzengardinen, und auf dem Couchtisch steht ein kleines Teelicht. "Genau das wollten wir", sagt Kantor zufrieden.

Dass es sich wirklich um ein Missverständnis gehandelt hat, daran glaubt er nicht wirklich. Am Ende ist es ihm egal. Kühl will den Sohn jetzt sogar in den Vorstand rufen, wo der 21-Jährige vermitteln soll. Keine leichte Aufgabe: "Die Fronten sind verhärtet", sagt der Auszubildende.

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insgesamt 127 Beiträge
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mitbestimmender wähler 10.12.2011
1. Zeichen der Unzufriedenheit und aufbäumen
Zitat von sysopPer Höchstquote wollten Schrebergärtner*in Schleswig-Holstein die Zahl von Laubenpiepern mit ausländischen Wurzeln klein halten.*Die Mehrheit*der Vereinsmitglieder*stellte sich hinter den Beschluss.*Danach*sollte es im Gartenparadies nie wieder so friedlich sein wie zuvor. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,802810,00.html
Mit 19,6% Migranten in den Schrebbergärten oder 9% im Land schon solche Probleme ? Aber wenn die Schweizer Schrebbergarten mit 60% keine Probleme haben und das Ländle mit 23% Migranten Anzeichen auf kleine Probleme.......... schon irgendwie lächerlich was da in Deutschland abgeht und schon wegen den wenigen Migranten alles massiv in die falsche Richtung abtriftet.
kupidon 10.12.2011
2. Habe ich.
Das wäre doch eine perfekte Chance für Integration für die Migranten und für die "Eingeborenen" die Tugenden eines Gartenkoloniebürgers anderen näher zu bringen . Denn was ist mehr Deutsch, als so ein kleines Häuschen mit perfektem Garten, abgeschirmt mit der Hecke von allen Nachbarn.
titanic75 10.12.2011
3. Das ist kein...
Kleingartenverein, das ist ein Kleingeisterverein.
loeweneule 10.12.2011
4.
Bei dieser Geschichte geht es weniger um Deutschland an sich, es geht um Schrebergärten. Mehr schreibe ich lieber nicht zu Ihrem Kommentar.
TomRohwer 10.12.2011
5.
*Sagen*, daß sie den Zuzug von Ausländern nach Deutschland begrenzt haben wollen oder *sagen*, daß sie Ausländer ohne gültige Aufenthaltserlaubnis schneller abgeschoben haben möchten dürfen Sie, so lange Sie möchten. Sie können auch politische Mehrheiten dafür suchen, und das politisch umsetzen. Was Sie nicht dürfen: Ausländer und ausländisch-stämmige Deutsche, die bereits in Deutschland *leben* diskriminieren, weil sie Ausländer sind. *Das* verstößt nun mal genauso gegen unser Grundgesetz wie gegen geltende Gesetze. Im übrigen waren die Norderstedter Kleingärtner einfach nur, pardon, ziemlich dusselig. Niemand würde es nämlich einer Kleingartengemeinschaft verwehren zu sagen: "Neues Mitglied wird bei uns nur, wer die Zustimmung von zwei Dritteln der alten Mitglieder erhält. Weil wir nur Mitglieder wollen, die in unsere Gemeinschaft hineinpassen." Am Rande angemerkt: falls der Kleingartenverein ein gemeinnütziger e.V. sein sollte, *muß* er von Gesetzes wegen jeden aufnehmen, der bereit ist, sich an die Vereinssatzung zu halten und seine Beiträge zu bezahlen, gemeinnützige Vereine sind nicht frei in der Auswahl ihrer Mitglieder.
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