Mehr Single-Haushalte in Deutschland Allein, allein

In Deutschland leben immer mehr Singles. Der Mikrozensus 2011 dokumentiert einen Trend zu Einzelhaushalten, viele von ihnen sind wirtschaftlich schwach. Dabei ist Alleinsein kein Phänomen des Alters. Was sagen die Zahlen aus über die Lebenswirklichkeit der Deutschen?

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Mann auf einer Allee: Jeder fünfte Deutsche lebt allein
dapd

Mann auf einer Allee: Jeder fünfte Deutsche lebt allein


Jeder Fünfte lebt heute in einem Einpersonenhaushalt, meldet das Statistische Bundesamt. Viele dieser Haushalte seien wirtschaftlich schwach. Insbesondere alleinlebende Männer seien oft arbeitslos und Einkommensschwach.

Leben wir also in einem verarmenden, vereinsamenden Land?

Ganz so einfach ist es nicht. Einsam wird es vor allem auf dem Land, wie der Blick in die Tiefen der Statistiken zeigt. Viele der aktuellen Ergebnisse des Mikrozensus sind Ergebnis von Wanderbewegungen. Die Menschen zieht es in die großen Städte, das belegen die Zahlen. Sie bedeuten auch: Die Lebensentwürfe der Menschen haben sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich geändert.

So nahm von 1991 auf 2011 die Bevölkerung in den Gemeinden unter 5000 Einwohner um rund 19 Prozent ab. Im gleichen Zeitraum wuchs die Stadtbevölkerung - bei den Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern beispielsweise um 7,3 Prozent.

Interessant wird das, wenn man eine andere Zahl in Relation setzt: 2011 lebte nur jeder siebte Kleinstädter allein, aber fast jeder dritte Großstädter. Je mehr Menschen sich also für das Stadtleben entscheiden, desto mehr Single-Haushalte gibt es. Sie sind unter anderem eine Begleiterscheinung des zunehmend urbanen Lebensstils.

Die Städte verändern sich

Der sieht heute anders aus als vor 20 Jahren. Wer heute in die große Stadt zieht, ist meist jung: Von 1991 auf 2011 stieg der Anteil der Single-Haushalte mit Bewohnern im Alter zwischen 18 und 35 Jahren in den Großstädten um satte 41 Prozent. Neuankömmlinge leben also erst einmal allein in der Stadt. Bei vielen von ihnen geschieht das nicht unbedingt unfreiwillig. Über solche Dinge geben Statistiken keine Auskunft: Single zu sein bedeutet nicht unweigerlich, einsam zu sein. Haushaltsgrößen sind kein Merkmal, mit dem man zwangsläufig Lebensqualitäten beschreiben kann.

Es gibt auch Trends, die auf massive Veränderungen in der städtischen Gesellschaft hindeuten. So stieg die Zahl der großstädtischen Single-Haushalte bei den 35- bis 65-Jährigen im erhobenen Zeitraum sogar um 61 Prozent. Anders als bei den jungen Leuten ist dies kein urbanes Phänomen. Obwohl die Zahl und Quote der Single-Haushalte in den Kleinstädten insgesamt niedriger ausfällt als in den großen Städten, steigt sie dort in diesem Alterssegment ganz besonders rapide - um 73 Prozent in 20 Jahren. Dies ist also durchaus ein Indikator, dass Lebensgemeinschaften insgesamt weniger stabil sind.

Der Blick auf die Familienstände bestätigt das. Die Zahl der Ehen ist rückläufig, dafür hat sich die Zahl der allein lebenden Verheirateten innerhalb von 20 Jahren verdoppelt. Auch hier gibt es Fälle wie den Manager, der in Hamburg lebt, während seine ebenfalls Karriere machende Frau in München werkelt. Das aber sind Ausnahmen, wie schon der Blick auf die Einkommen der Single-Haushalte andeutet: Menschen mit hohen Einkommen sind dort stark unterrepräsentiert.

Nicht nur Verheiratete leben öfter allein als früher, auch die Zahl der Haushalte mit ledigen Singles ist von 1991 bis 2011 um 67 Prozent gestiegen; die Zahl der geschiedenen Singles stieg um 81 Prozent - nur die Zahl der Witwen sinkt beständig. Das neue Alleinsein ist keine Frage des Alters.

Der Single ist tendenziell eher arm dran

All das sind vor allem Indikatoren für veränderte Lebensentwürfe und -einstellungen: Großstadt statt Land oder Kleinstadt, Single statt Ehe, größere Trennungsbereitschaft.

All das geht mit einer geringeren Wirtschaftskraft einher, und das ist logisch. Die Finanzen junger Singles mit Bafög, Ausbildungs-, Einsteiger- oder Gesellengehältern leiden, wenn sie die Haushaltskosten allein zu tragen haben. Miete, Nebenkosten, Versicherungen, selbst die Ernährung wird teurer. Dass die größte Gruppe der Singles ein Nettoeinkommen von 1100 bis 2000 Euro pro Kopf angibt, ist indes nicht überraschend: So viel Geld verdient das Gros der Arbeitnehmer in Vollzeit. Dass aber rund 40 Prozent der Single-Haushalte teils deutlich darunter liegen, liegt nicht nur an der großen Zahl junger Singles: Es ist ein Indikator für die prekäre Situation vieler solcher Haushalte.

Ist die Single-Wohnung also das Refugium der Hoffnungslosen? Mitnichten. Für viele der Singles ist die wirtschaftliche Schwäche wohl ein Zustand auf Zeit. Denn noch eine Verschiebung ist signifikant: Die des Bildungsstands bei den Single-Haushalten.

1991 waren

  • 28,1 Prozent der Singles niedrig qualifiziert,
  • 53,6 Prozent hatten einen mittleren Bildungsgrad,
  • 18,2 Prozent waren hoch qualifiziert.

2011 waren

  • 22,7 Prozent der Singles niedrig qualifiziert,
  • 54,8 Prozent hatten einen mittleren Bildungsgrad,
  • 22,2 Prozent waren hoch qualifiziert.

Aus dem höheren Qualifikationsgrad resultierte offenbar aber keine höhere Wirtschaftskraft - was auch damit zu tun haben könnte, dass sich heute ganze Branchen mit der Ausbeutung akademisch gebildeter Praktikanten gesundstoßen, die oft über Jahre ohne Einkommen arbeiten.

All das sind Faktoren und Möglichkeiten, die man der Statistik nicht auf den ersten Blick ansieht. Den Trend zum Einpersonenhaushalt einfach als generellen Trend zur Vereinsamung zu interpretieren, ist zu kurz gegriffen. Es gibt diese Phänomene: mehr zerbrechende Beziehungen, mehr Einsamkeit an einem neuen Wohnort, Isolation aus wirtschaftlicher Not. Die Zahlen des Mikrozensus aber lassen reichlich Raum für Interpretationen.

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