Altersfeststellung bei Flüchtlingen Schlecht geschätzt

Minderjährige Flüchtlinge haben Anspruch auf einen Vormund und Schulbildung. Sie kosten den Staat damit das Vielfache eines Erwachsenen. Die Behörden erklären viele Jugendliche kurzerhand für volljährig - mit zweifelhaften Methoden.

Pia Lenz/ NDR

Mujib war 14, als er sich ins Paradies bomben sollte, als Selbstmordattentäter für die Taliban. Doch Mujib konnte fliehen, mithilfe von Schleusern machte er sich von Afghanistan auf den Weg nach Europa. Weil er mit dem Tempo der Erwachsenen oft nicht mithalten konnte, trieben ihn die Schleuser mit einem Stock an. In Griechenland musste Mujib sich in einem Kühltransporter verstecken, in dem engen, sargähnlichen Behälter erfror er fast, so erzählt er es heute.

Mittlerweile ist Mujib 16 Jahre alt und in Hamburg angekommen. Die Albträume dieser Erlebnisse suchen ihn bis heute heim. "Ich möchte hier bleiben, zur Schule gehen und Fußball spielen", sagt Mujib.

Eigentlich sind seine Wünsche zum Greifen nah: Minderjährige Flüchtlinge stehen in Deutschland unter einem besonderen Schutz. Sie können nicht so schnell abgeschoben werden und landen nicht in der Erstaufnahmestelle für Erwachsene. Stattdessen kümmert sich ein Vormund um die Jugendlichen, sie bekommen bei Bedarf psychologische Unterstützung und dürfen zur Schule gehen.

Altersfeststellung durch Inaugenscheinnahme

Doch die Plätze in den Jugendeinrichtungen sind begrenzt, die Zahl der Flüchtlinge, die angeben minderjährig zu sein, hat sich in den letzten drei Jahren allein in Hamburg verfünffacht, rund 1300 waren es im vergangenen Jahr.

Für die Sozialbehörde ist das ein Problem, denn Jugendliche kosten die Stadt bis zu zehnmal so viel wie ein erwachsener Flüchtling. Also prüft die Sozialbehörde das Alter. Doch offenbar geschieht das nicht immer im Sinne der Jugendhilfe: "Es gibt Kollegen, die erzählen stolz, wenn sie wieder vier oder fünf Minderjährige für erwachsen erklärt haben und damit die Plätze freigemacht haben", berichtet ein Informant aus Behördenkreisen.

Als "völlig inakzeptabel" weist Behördensprecher Marcel Schweitzer eine solche Praxis zurück. Seine Behörde lege "Wert darauf, dass die Kräfte, die eine Alterseinschätzung vornehmen, auch immer zugunsten der Flüchtlinge entscheiden."

Bei Mujib fiel diese Entscheidung innerhalb von 15 Minuten, erzählt er. Und sie fiel nicht gut aus für ihn. Nach monatelanger Flucht landete er in der Nacht vom 6. Februar beim Kinder- und Jugendnotdienst in Hamburg-Barmbek, der für die Aufnahme aller minderjährigen Flüchtlinge in Hamburg zuständig ist. Drei Stunden durfte er schlafen, dann holten die Mitarbeiter ihn zu einem Gespräch, ein Dolmetscher war auch dabei.

Durch eine sogenannte Inaugenscheinnahme wollte die Behörde feststellen, wie alt Mujib wirklich ist. Er gab an, am 13. Oktober 1997 geboren zu sein, hatte auch eine afghanische Geburtsurkunde dabei. Die Mitarbeiter stellten ihm Fragen über Afghanistan, über seine Flucht und warum er nach Hamburg gekommen sei. "Ich habe alles so gut beantwortet, wie ich konnte", sagt Mujib. Er war froh, dass er endlich jemandem von den Erlebnissen seiner Flucht erzählen konnte.

Als Erwachsener würde Mujib abgeschoben

Für die Mitarbeiter der Behörde war es ein routinemäßiger, amtlicher Akt: "Ablehnung der Inobhutnahme" steht auf dem Zettel, der Mujibs Hoffnungen zerstörte. "Sie haben angegeben, dass Sie 16 Jahre alt sind. Diese Angabe ist unglaubwürdig, weshalb die Inobhutnahme abgelehnt wird." Auf seiner Ablehnung sind die Kriterien angekreuzt, die seine zweifelsfreie Volljährigkeit begründen sollen: "ausgeprägte Stirnfalten", "postpubertärer Körperbau" und "sicheres Auftreten".

"Diese Kriterien sind vollkommen ungeeignet, um festzustellen, ob ein Jugendlicher 15 oder 17 Jahre alt ist", sagt Anne Harms, Leiterin der kirchlichen Beratungsstelle Fluchtpunkt. Auch das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, lehnt ein solches Verfahren deutlich ab.

Wie Mujib wurden im vergangenen Jahr knapp 500 Flüchtlinge, die sich als minderjährig bezeichneten, nach einem Erstkontakt für sicher volljährig erklärt. Etwa dieselbe Zahl wurde nach einem ersten Kontakt als zweifelhaft minderjährig erklärt. Diese Jugendlichen müssen sich einer Röntgenuntersuchung des Kiefers und oft zusätzlich des Schlüsselbeins unterziehen, anhand dieser Untersuchungen schätzen Ärzte das Alter in einem Gutachten.

Dabei ist auch dieses Verfahren der medizinischen Altersbestimmung stark umstritten. "Wenn Ärzte Flüchtlinge röntgen, um ihr Alter festzustellen, ist das Körperverletzung", sagt Kinder- und Jugendmediziner Klaus Mohnike vom Uniklinikum Magdeburg. Röntgen sei nur dann medizinisch vertretbar, wenn es einen klaren Nutzen für den Patienten habe.

Das Lebensalter sei außerdem medizinisch kaum feststellbar, es könne lediglich mithilfe des Knochenalters geschätzt werden. Die Abweichung bei dieser Schätzung beträgt bis zu fünf Jahre. Auch beim Deutschen Ärztetag gab es bereits 2007 den klaren Beschluss, dass "die Beteiligung von Ärztinnen und Ärzten zur Feststellung des Alters mit aller Entschiedenheit abzulehnen ist".

Mujib muss in Obhut genommen werden

Warum lässt die Hamburger Behörde die Untersuchung dennoch weiter durchführen? "Weil es schlichtweg keine bessere Methode gibt, die aussagekräftiger ist", sagt Behördensprecher Marcel Schweitzer.

Bei Mujib hielt die Behörde eine solche Untersuchung für verzichtbar, weil bereits das Aussehen seine Volljährigkeit so eindeutig belegt haben soll. Seitdem sind über drei Monate vergangen. Mithilfe der Beratungsstelle Fluchtpunkt ist Mujib untergetaucht. Sein Versteck traut er sich nicht zu verlassen - aus Angst abgeschoben zu werden. Er hat viel Gewicht verloren, kann noch immer keine Nacht durchschlafen.

Jetzt hat ihm Fluchtpunkt einen afghanischen Pass besorgt, der in der afghanischen Botschaft bereitliegt. Er bestätigt Mujibs Geburtsdatum, den 13. Oktober 1997. Mujib hofft, dass die Sozialbehörde ihm jetzt glaubt. Doch die Behörde hat das neue Dokument gar nicht erst angefordert und beharrt gegenüber der Beratungsstelle auf ihrem Standpunkt: "Es bleibt bei unserer Entscheidung, die Inobhutnahme Ihres Klienten abzulehnen."

Doch Mujibs Geschichte ist damit noch nicht zu Ende. Aufgrund der Recherchen zu seinem Fall will sich die Behörde den Pass nun doch kommen lassen: "Wenn es diesen Pass wirklich gibt, muss Mujib in Obhut genommen werden", sagt Behördensprecher Schweitzer. Vielleicht würde dann jemand Mujib nach seiner Geschichte fragen, nicht um seine Angaben zu überprüfen, sondern um ihm zu helfen.


Mehr über Mujibs Geschichte heute bei "Panorama 3", NDR Fernsehen, 21:15 Uhr

insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
kalumeth 10.06.2014
1. unglaublich
da wird kommunal/staatlicherseits gelogen und betrogen, die Wahrheitsfindung zählt in diesem Staat nicht mehr.
Stabhalter 10.06.2014
2.
Zitat von sysopPia Lenz/ NDRMinderjährige Flüchtlinge haben Anspruch auf einen Vormund und Schulbildung. Sie kosten den Staat damit das Vielfache eines Erwachsenen. Die Behörden erklären viele Jugendliche kurzerhand für volljährig - mit zweifelhaften Methoden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/minderjaehrige-fluechtlinge-wie-behoerden-das-alter-schaetzen-a-974302.html
na und?
20099 10.06.2014
3. optional
Was spielt es für eine Rolle ob Mujib 15, 17 oder 38 Jahre alt ist? Er ist über Griechenland, also mindestens einem sicheren Drittland, eingereist und hat daher eh keinen Anspruch auf politisches Asyl in D!
bafibo 10.06.2014
4.
Zitat von sysopPia Lenz/ NDRMinderjährige Flüchtlinge haben Anspruch auf einen Vormund und Schulbildung. Sie kosten den Staat damit das Vielfache eines Erwachsenen. Die Behörden erklären viele Jugendliche kurzerhand für volljährig - mit zweifelhaften Methoden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/minderjaehrige-fluechtlinge-wie-behoerden-das-alter-schaetzen-a-974302.html
Wer einen Flüchtling mit so einer Vorgeschichte für volljährig hält, macht sich nicht klar, daß das Auf-sich-selbst-gestellt-sein über Monate und Jahre hinweg zwangsläufig das Erwachsenwerden im Kopf beschleunigt. Falten auf der Stirn in diesem Alter mögen in der Wellness-Oase Westeuropa eine Seltenheit sein, in anderen Gegenden nicht.
UdoL 10.06.2014
5.
Zitat von sysopPia Lenz/ NDRMinderjährige Flüchtlinge haben Anspruch auf einen Vormund und Schulbildung. Sie kosten den Staat damit das Vielfache eines Erwachsenen. Die Behörden erklären viele Jugendliche kurzerhand für volljährig - mit zweifelhaften Methoden. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/minderjaehrige-fluechtlinge-wie-behoerden-das-alter-schaetzen-a-974302.html
Leider wird nichts vorgeschlagen, was weniger zweifelhaft ist. Die Altersangabe einfach so zu glauben geht wohl auch schlecht. Wenn ein Vierzehnjähriger von Afgh. bis Deutschland kommt und auch noch eine Geburtsurkunde dabei hat, liegt es wesentlich näher als die Taliban-Geschichte, dass er deutlich älter ist oder gezielt eingeschleust wurde.
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