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Minderjährige Flüchtlinge: Jung, allein, traumatisiert

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Erstaufnahmeeinrichtung in Schleswig-Holstein: Zahl minderjähriger Flüchtlinge ohne Familie gestiegen Zur Großansicht
DPA

Erstaufnahmeeinrichtung in Schleswig-Holstein: Zahl minderjähriger Flüchtlinge ohne Familie gestiegen

Ein erstochener 17-Jähriger, eine ausgebrannte Unterkunft: Zwei Fälle in Hamburg rücken kriminelle jugendliche Flüchtlinge in den Blick. Für Panikmache taugen sie nicht.

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Ein 17-Jähriger aus Afghanistan hat gestanden, einen gleichaltrigen Landsmann an einer Schule im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg erstochen zu haben. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ging es bei dem tödlichen Streit um ein Mädchen. Wenige Stunden nach der Tat brannte eine Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge im Hamburger Stadtteil Hammerbrook, die Polizei geht von Brandstiftung der Bewohner aus. Sie waren den Behörden zufolge wegen Straftaten, Aggressivität und Drogenkonsums bekannt.

Beide Fälle werfen ein Schlaglicht auf die Gruppe minderjähriger unbegleiteter Flüchtlinge, ein denkbar schlechtes. Doch wie groß ist die Kriminalität unter den jungen Flüchtlingen wirklich? Wie werden sie betreut?

Tatsächlich macht diese Gruppe nur einen Bruchteil der Asylsuchenden aus - der allerdings seit Jahren wie die Zahl der Bewerber insgesamt deutlich wächst. 2014 stellten laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) 202.824 einen Asylantrag - davon entfielen 4399 auf unbegleitete Minderjährige. 2008 waren es noch 763.

Asylanträge unbegleiteter Minderjähriger seit 2008
2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Alle Antragsteller 22.085 27.649 41.332 45.741 64.539 109.580 202.824
Unbegleitete Minderjährige unter 16 324 405 535 714 598 638 1008
Unbegleitete Minderjährige ab 16 439 899 1413 1412 1498 1848 3391
Unbegleitete Minderjährige gesamt 763 1304 1948 2126 2096 2486 4399
Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
Laut Thomas Berthold vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (B-UMF) leben derzeit in Deutschland rund 14.000 junge unbegleitete Flüchtlinge, die durch die Kinder- und Jugendhilfe versorgt werden. Deutschland behandelt sie grundsätzlich anders als Erwachsene oder Familien. Sie werden nicht abgeschoben, Jugendämter nehmen sie in Obhut.

Während Asylbewerber nach einem Schlüssel in Deutschland verteilt werden, bleiben die Minderjährigen dort, wo sie sich zuerst melden oder aufgegriffen werden. Da sie in der Regel in den Metropolen entlang der Hauptreiserouten landen, Städte suchen, in denen sie Landsleute treffen, müssen vor allem Hamburg, München oder Berlin Platz schaffen - und sind damit mehr und mehr überfordert.

In Hamburg gebe es ein "großes Problem", sagt ein Sprecher der Sozialbehörde. Kinder und Jugendliche würden in den insgesamt zehn Erstversorgungseinrichtungen im Schnitt acht bis neun Monate wohnen. Als optimal gelten vier bis fünf Monate. Erst nach dieser Zeit können sie intensiv betreut werden und langfristig unterkommen. "Während des langen Aufenthalts in der Erstversorgung ist eine spezielle Hilfe für die Jugendlichen kaum möglich." Es fehlt an Betreuern und Dolmetschern.

Asylanträge unbegleiteter Minderjähriger 2013
Herkunftsland* Erstanträge
Afghanistan 691
Somalia 354
Syrien 287
Eritrea 138
Ägypten 119
Pakistan 88
Irak 86
Guinea 73
Äthiopien 53
Russische Föderation 47
Serbien 46
Iran 41
Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

* 12 häufigste Herkunftsländer
Laut dem Hamburger Landesbetrieb Erziehung und Beratung waren in der Stadt in den ersten Monaten des Jahres 522 minderjährige Flüchtlinge in Erstversorgungseinrichtungen untergebracht, es gab aber nur 390 reguläre Plätze. Insgesamt gibt es in der Hansestadt laut der Sozialbehörde rund 1900 solcher Minderjähriger. Der Betrieb schreibt, man stoße bei der Kapazität von Erstversorgung und anschließender Unterbringung an Grenzen.

Die Bundesregierung arbeitet an einem Gesetz, das künftig auch die Verteilung der minderjährigen Flüchtlinge ermöglichen soll. Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) sagte jüngst, die großen Städte könnten das Problem nicht allein lösen. Hamburg fordert eine solche Reform bereits seit längerem.

Zu wenig Plätze, zu wenig Personal, zu wenig Qualität

Aus Sicht des Senats mag der Wunsch nach anderer Verteilung der Fälle verständlich sein. Aber der B-UMF sieht die Umverteilung kritisch, ebenso wie der Hamburger Flüchtlingsrat. Im Oktober 2014 forderte er den Senat in einem offenen Brief auf, die Initiative zu stoppen. Plätze in Erstversorgungseinrichtungen und Jugendwohnungen seien in Hamburg massiv ausgebaut worden - bei einer Umverteilung müssten die Einrichtungen wieder geschlossen und Mitarbeiter entlassen werden. Experten kritisieren, dass die Odyssee der Jugendlichen im angedachten Modell auch in Deutschland fortgesetzt würde.

Wo sich die Zahl der Fälle ballt, häufen sich auch die Probleme. Das Hamburger Landeskriminalamt schrieb 2014 in einem vertraulichen Dossier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, die Jugendlichen würden schnell auch aus nichtigem Anlass aggressiv, begingen oft Straftaten: Autoknacken, Taschen- oder Ladendiebstahl. Sie verhielten sich häufig respektlos, auch gegenüber staatlichen Institutionen.

In der neuen Erstversorgungseinrichtung am Bullerdeich hatten die Behörden Ende März "besonders verhaltensauffällige" Jugendliche untergebracht. Dort sollten sie grundsätzlich lernen, wie man den Tag gestaltet. Joachim Lenders, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft in Hamburg, sieht das kritisch. Er fordert für diese jugendlichen Intensivtäter "zwingend eine geschlossene Unterbringung".

Die Polizei konstatiert aber, dass sich die Lage im Vergleich zum Vorjahr entspannt hat. Die Ermittler zählen 41 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge als Intensivtäter. Damit sei die Gruppe kriminalpolizeilich vermutlich nicht auffälliger als Deutsche unter 21 Jahren.

Traumatisiert nach Deutschland

Für Thomas Berthold vom UMF verzerren wenige Fälle ohnehin die Wahrnehmung. In Hamburg sei die Debatte stark auf Kriminalität ausgerichtet, anders als etwa in München. Auch aus der Sozialbehörde heißt es: "In der Regel sind diese jungen Leute sehr aufnahmefähig und wissbegierig."

Dass nicht alle Flüchtlinge Musterknaben sind, findet die Soziologin Claudia Diehl von der Uni Konstanz wenig verwunderlich. Sie ist Mitglied im Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Den Teenagern fehle die Präsenz der Eltern als Autoritätspersonen. Zudem kämen viele unbegleitete Minderjährige traumatisiert in Deutschland an, was auch die Polizei anerkennt.

Tatsächlich haben die Kinder und Teenager oft Schreckliches hinter sich: die strapaziöse und oft gefährliche Flucht, die Trennung von den Eltern. Manche waren als Kindersoldaten rekrutiert worden, andere erlitten eine Genitalverstümmelung, wurden zwangsprostituiert oder zwangsverheiratet. "Traumata können zu aggressivem Verhalten führen", sagt Diehl.

Anne Harms erlebt in Hamburg, wie die Teenager mit ihren Erlebnissen alleingelassen werden. Harms leitet Fluchtpunkt, eine kirchliche Hilfeeinrichtung für Flüchtlinge in der Hansestadt. Harms beklagt, die Stadt begegne den jugendlichen Flüchtlingen mit Misstrauen.

Vor allem fordert sie ein Ende der Versuche, das Alter der Flüchtlinge zu erraten. Biologisch lasse es sich nun einmal nicht zweifelsfrei bestimmen. Deshalb sei ein pädagogisches Clearingkonzept angebracht, in dem psychologische Reife und Hilfsbedarf geprüft werden. Statt "Wie alt ist der?" müsse die Frage lauten: "Welche Hilfe braucht der?"


Zusammengefasst: In Hamburg werden minderjährige unbegleitete Flüchtlinge als kriminelle Gruppe wahrgenommen. Tatsächlich stuft die Polizei nur einen kleinen Teil der Jugendlichen als Intensivtäter ein. Die Stadt ist wie viele andere mit der Versorgung der Kinder und Jugendlichen überfordert.

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