Miss Atom 2009 "Ein Fest für die Frauen"

Russland setzt auf Atomenergie - und das nicht zu knapp. Mitarbeiterinnen der 31 Reaktoren, die zurzeit im Land am Netz sind, dürfen sich für den Titel der "Miss Atom 2009" zur Wahl stellen. Die Veranstalter hoffen so, "das Klischee der gefährlichen und bedrohlichen Atomenergie" zu bannen.

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Hamburg - Man stelle sich vor: Der Stromkonzern Vattenfall ruft seine attraktivsten Mitarbeiterinnen auf, an der Wahl zur "Miss Atom Germany" teilzunehmen. Vor der gespenstischen Kulisse der Kraftwerks Krümmel räkeln sich Bikinischönheiten im Blitzlicht der Kameras. Aufgebrachte Atomkraftgegner pilgern nach Brunsbüttel oder Biblis, halten Mahnwachen und bewerfen langbeinige Blondinen mit Tomaten, Farbbeuteln oder gar Steinen.

Die Tagesschau berichtet, in den Internet-Blogs wird die Geschmacklosigkeit und PR-Sucht der Manager angeprangert. Bei Eon und RWE rollen die Köpfe, weil keiner der dortigen Werbestrategen auf die glorreiche Idee gekommen ist, Sex und Energiewirtschaft auf so ansprechende Art und Weise zu verquicken.

Eine Fiktion, die in Russland längst Realität geworden ist - allerdings skandalfrei und ohne jede Aufregung. "Wir wollten den Frauen ein Fest veranstalten", sagt der Leiter des Schönheitswettbewerbes "Miss Atom 2009", Ilja Platonow vom Info-Portal Nuclear.Ru. Der junge PR-Mann hat auf seiner Seite Dutzende hübsche, krummbeinige, langnasige, aber auch aufregend schöne Frauen aus der GUS versammelt, die "Miss Atom 2009" werden wollen.

Mindestens so groß wie das Einzugsgebiet der Konkurrentinnen sind auch die Unterschiede der Anwärterinnen. Sie sind moppelig oder mager, verführerischer Vamp oder verhuschtes Hausmütterchen. Die eine posiert mit Krönchen auf der Dauerwelle, die andere im goldenen Glitzerkleid auf dem heimischen Diwan. Andere schlängeln sich in sexy Pose auf dem Schreibtisch oder klammern sich vor sommerlicher Schwarzmeer-Kulisse an einen Laternenpfahl.

Sportliche Typen wie die 27-jährige Yoga-Verfechterin Milana Arestova lassen sich gar zu unkonventionellen Verrenkungen hinreißen: "Dieses Formular habe ich mit dem linken Fuß ausgefüllt", lässt sie das Wahlvolk wissen.

Ansonsten herrscht das ganz normale Mittelmaß, manch einer mag die "russische Seele" hinter den teilweise rührenden Kommentaren der Teilnehmerinnen wittern: Die einen lieben Bücher und Bonbons, die anderen züchten Kakteen. Maschinenbaustudentin Swetlana besucht eine Modelschule und trägt bereits den Titel "Miss Eleganz 2008". Sie mag Fitness, Frisuren und sorgt sich um den Weltfrieden: "Ich wollte, es gäbe nicht so viel Negatives auf der Erde, sondern mehr Ruhe, Freude und Liebe."

Motorradbraut Dschulia Leonowa (Haarfarbe "Mahagoni") aus dem sibirischen Schelesnogorsk dichtet: "Ich kann ein Tiger sein, mit meinen Zähnen Angst verbreiten, ich kann zum Adler werden, frei fliegend in der Luft (…) Ich spiele Hunderte Rollen - und wähle nur die, die mir gefällt."

Doch es geht auch prosaischer: Bei der Frage nach den Maßen kommt schon mal die Antwort "Hab ich nicht gemessen" - und auch sonst regiert trotziges Selbstbewusstsein. Bei der Beschreibung ihrer selbst verfahren die meisten Mädels nach dem "Du-darfst-Prinzip": "Ich will so bleiben wie ich bin - egal ob mich jemand mag oder nicht".

Die Teilnahmebedingungen sind freundlich. Zwischen 18 und 35 Jahre alt dürfen die Atom-Mädels sein. Nach einer einmonatigen Bewerbungsphase wählen Besucher der Seite "Miss Atom 2009" online ihre Favoritin. Am 5. März steht die Gewinnerin fest, im Mai startet die große Galaveranstaltung in Moskau.

Die drei Erstplazierten gewinnen Reisen nach Kuba, Marokko und an die Adria. Trotz zahlungskräftiger Sponsoren gibt es aber keine Preisgelder für die oft alleinerziehenden, berufstätigen Mütter. "Bargeld ist eine so grobe Form der Belohnung", erläutert Platonow. "Wir möchten, dass die Frauen Spaß haben, neue Leute kennenlernen und ein bisschen herumkommen. Um die finanziellen Fragen kümmern sich der Staat und die Arbeitgeber der Damen."

In Zeiten neu erwachter Vaterlandsliebe darf auch eine gute Portion Patriotismus nicht fehlen. So schwenkt eine der Bewerberinnen vor dramatischer Bergkulisse aufgeregt die russische Flagge - und verhält sich damit vorbildlich, wenn es nach den Veranstaltern geht. Eine andere, die 25-jährige Kristina Pogosjan aus der Nähe von Moskau, erklärt: "Ich brauche keine Model-Kurse, ich bin schließlich Mitarbeiterin des Unternehmens 'Atomtrudresurcy'".

"Wir wollen zeigen, dass in der Branche ganz normale Menschen - und eben auch sehr hübsche Mädchen - beschäftigt sind", sagt Projektleiter Platonow. Natürlich handele es sich bei dem Wettbewerb auch um eine Imagekampage - man wolle das "Klischee der gefährlichen und bedrohlichen Atomenergie" ein für alle Mal aus den Köpfen verbannen. Spätestens nach dem GAU im Reaktor von Tschernobyl 1986 hat der Ruf der einst gefeierten sowjetischen Atomindustrie schwersten Schaden genommen.

Zum sechsten Mal in Folge veranstaltet Nuclear.Ru. den Beauty-Contest - und hat dabei nicht nur finanzkräftige, sondern vor allem mächtige Unterstützer an seiner Seite. Als Hauptsponsor fungiert die Aktiengesellschaft "Atomenergoprom", eine vor zwei Jahren gegründete Holding, die aufs engste mit der russischen Atomenergiebehörde "Rosatom" verwoben ist. Letztere kontrolliert sowohl die zivilen als auch militärischen Bereiche der Branche - und damit fast das gesamte nukleare Material des Landes.

Russland baut Atommeiler in Indien, China und Iran, verdient außerdem kräftig mit dem Export von atomarem Brennstoff. Im Land selbst sind 31 Reaktoren am Netz, fünf wurden abgeschaltet. Vor drei Jahren kündigte "Rosatom" an, 40 neue Reaktoren im Gesamtwert von 60 Milliarden Dollar bauen zu wollen. Damit soll der Anteil der Kernenergie an der Stromgewinnung von derzeit etwa 17 Prozent auf 25 angehoben werden.

Die berufliche Zukunft der fleißigen Atom-Missen scheint also gesichert. Durchsetzungsstarke Blondinen wie Natalja Antonowa setzen von jeher auf die Kraft des Logos. In der Rubrik "Über mich" schreibt sie ganz unbescheiden und knapp: "Das ewige Strahlen des reinen Verstandes."



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