Aufarbeitung des Domspatzen-Skandals Eine Frage des Mitgefühls

Muss sich Kardinal Müller für die verschleppte Aufarbeitung des Domspatzen-Skandals entschuldigen? Der frühere Regensburger Bischof sieht das nicht ein - und geht den Missbrauchsbeauftragten an. Doch der lässt nicht locker.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller Anfang Juli im Mainzer Dom
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Kardinal Gerhard Ludwig Müller Anfang Juli im Mainzer Dom

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Die Details, die der Abschlussbericht zu den Missbrauchsfällen bei den Regensburger Domspatzen offenbarte, waren erschütternd, die Zeugenberichte entlarvend, die Forderungen der Opfer nach Anerkennung und nachhaltigen strukturellen Veränderungen mehr als verständlich.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und mit der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals betraut, der 2010 bekannt geworden war. Er hätte angesichts der neuerlichen öffentlichen Empörung etwas sehr Naheliegendes tun können: sich im Namen der katholischen Kirche entschuldigen. Vielleicht sogar eigene Versäumnisse bei der Aufklärung eingestehen.

Stattdessen forderte er jetzt seinerseits eine Entschuldigung. Und zwar vom Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Im Interview mit der "Passauer Neuen Presse" warf Müller dem Beauftragten "Falschaussagen und falsche Informationen" vor. Er selbst, so Müller, habe die Aufarbeitung der Taten doch "erstmals in Gang gebracht", die "Initialzündung" gegeben. Das sei "nach den Möglichkeiten und dem Kenntnisstand, den wir damals hatten", geschehen.

Der Missbrauchsbeauftragte Rörig hatte Müller zuvor aufgefordert, sich für die verschleppte Aufarbeitung in seinem Bistum zu entschuldigen. Für den Geistlichen offenbar ein Affront. "Ich weise den Vorwurf der Verschleppung zurück, weil er den Tatsachen diametral widerspricht", so Müller weiter. Rörig möge sich doch die "neunseitige Chronologie der Aufarbeitung durch die Diözese anschauen - die er auch kennt, deren Faktenlage er jedoch offensichtlich nicht akzeptieren will".

"Das wäre ein wichtiges Signal"

Rörig meldete sich aus dem Urlaub und erklärte: "Es tut mir für die Opfer der Gewalttaten bei den Regensburger Domspatzen außerordentlich leid, dass Kardinal Müller jetzt erneut die Chance verpasst, empathisch und mitfühlend zu reagieren." Er vermisse ein Signal der Wertschätzung und Anerkennung für die Betroffenen, denen es "maßgeblich zu verdanken ist, dass der Aufarbeitungsprozess nach jahrelangem Ringen jetzt eine positive Entwicklung nehmen konnte", so Rörig. "Das wäre auch ein wichtiges und Mut machendes Signal für alle in der katholischen Kirche, die aktuell oder zukünftig mit Aufarbeitungsprojekten betraut sind."

Johannes Rörig
imago/ photothek

Johannes Rörig

Dem Abschlussbericht zufolge wurden bei den Domspatzen jahrzehntelang Schüler schwer misshandelt, gedemütigt und sexuell missbraucht. Etwa 500 Jungen wurden Opfer körperlicher Gewalt, 67 waren von sexueller Gewalt betroffen.

Viele Opfer hatten beklagt, dass ein Dialog mit Müller unmöglich gewesen sei. Der Kardinal habe auf die Analyse von Einzelfällen gesetzt, anstatt das System hinter dem Missbrauch öffentlich zu machen, kritisierte der Verfasser des Abschlussberichts, Rechtsanwalt Ulrich Weber. Müller trage die Verantwortung für "strategische, organisatorische und kommunikative Schwächen bei der Aufarbeitung".

Der Regensburger Generalvikar Michael Fuchs hatte sich öffentlich entschuldigt und darauf hingewiesen, dass es nicht richtig gewesen sei, darauf zu warten, dass sich Betroffene meldeten. Man hätte vielmehr aktiv auf die Menschen zugehen müssen.

Müller scheint das Problem nicht erkannt zu haben. Er ist offenbar immer noch der Meinung, es sei ein Leichtes für schwer traumatisierte Opfer, mit der Institution in Kontakt zu treten, in deren Obhut sie misshandelt wurden. Im Interview räsoniert er: "Man fragt sich, warum suchen die Betroffenen nicht das Gespräch mit den damaligen Vertretern des Bistums im Stiftungsrat der Domspatzen?"

Er selbst sei zu Gesprächen mit den Betroffenen bereit, so Müller. "Ich darf aber feststellen, dass ich im gleichen Alter bin wie viele der Opfer. Auch ich habe so manches erlebt in meiner Schulzeit. Ohrfeigen und Stockschläge haben wir genug bekommen - es war übrigens keine kirchliche Schule. Freilich muss ich zugeben: Sexueller Missbrauch ist noch eine ganz andere Kategorie als pädagogische Übergriffe."

Bisher wurden etwa 50 Betroffene finanziell entschädigt

Müller war nicht nur als Bischof, sondern auch als Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan für die Aufklärung von Missbrauchsfällen zuständig. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, auch in Rom die Aufarbeitung solcher Fälle behindert zu haben.

Erst Müllers Nachfolger in Regensburg, Bischof Rudolf Voderholzer, soll persönliche Gespräche mit den Opfern geführt haben. Unter seiner Ägide wurde Weber als unabhängiger Ermittler eingesetzt, ein Konzept für therapeutische Hilfen erstellt und Opfer entschädigt.

Je nach Art, Intensität und Dauer der Gewalt werden die Opfer jetzt zwischen 5000 und 20.000 Euro bekommen. Bisher seien etwa 50 Betroffene ausgezahlt worden, sagte die für die Anträge zuständige Professorin Barbara Seidenstücker bei der Präsentation des Berichts. Insgesamt gebe es 300 Anträge, es tue sich trotz Hilfestellung zur Antragstellung "eine Lücke" auf. Manche machten aus Scham keine Eingabe, einige Opfer seien bereits verstorben, "aber es gibt auch solche, denen es gar nicht ums Geld geht", so Seidenstücker.

Der Missbrauchsbeauftragte Rörig sorgt sich um die Opfer: "Ich hoffe sehr, dass die nach meinem Eindruck insbesondere auf Abwehr zielende Reaktion von Kardinal Müller bei Betroffenen nicht zu erneuten Belastungen führt und ihnen dadurch der Weg versperrt wird, für sich abschließen zu können."

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