Missbrauch bei Oxfam und Co. Wenn Helfer zu Tätern werden

Ein Bericht des britischen Parlaments beleuchtet Vergehen von Hilfsorganisationen gegen Schutzbedürftige. Der Report konstatiert eine "weit verbreitete Kultur von sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch".

Frauen in Haiti vor einem Oxfam-Hinweis an einer Wand
REUTERS

Frauen in Haiti vor einem Oxfam-Hinweis an einer Wand

Von Sascha Zastiral, London


Sexpartys mit Prostituierten, Ausbeutung verzweifelter Frauen, Mobbing und Drohungen gegen Kollegen: Die Vorwürfe gegen Oxfam-Mitarbeiter in Haiti stürzten die Hilfsorganisation Anfang des Jahres in eine tiefe Krise. Die Enthüllungen zu dem Fall waren empörend - auch weil sie so gar nicht zum Bild passen, das Hilfsorganisationen gerne von sich verbreiten: Die vermeintlich Guten nutzen die verzweifelte Situation Hilfsbedürftiger aus, der Menschen, denen sie eigentlich helfen sollen?

Nachdem der Skandal im Februar bekannt geworden war, machten sich die Mitglieder des Ausschusses für Internationale Entwicklung des britischen Parlaments daran, das Problem systematischer zu erfassen. Nun haben sie ihren Bericht "Sexuelle Ausbeutung und Missbrauch im Hilfssektor" vorgelegt. Was die Parlamentarier zusammengetragen haben, gleicht einer Generalabrechnung mit dem Hilfssektor.

Dass Mitarbeiter von Organisationen hilfsbedürftige Frauen und Mädchen sexuell missbrauchten, sei ein "endemisches Problem". Statt dagegen vorzugehen, sorgten sich viele Organisationen offenbar vor allem um ihr Ansehen.

Whistleblower müssten oft mit Repressalien rechnen, wenn sie auf Fehlverhalten von Kollegen hinwiesen. Mutmaßliche Täter seien oft in der Lage, zu kündigen, wenn sie mitbekämen, dass intern gegen sie ermittelt werde. Oft gelinge es ihnen dann, bei einer anderen Hilfsorganisation unterzukommen. Bei vielen Organisationen herrsche eine "Selbstgefälligkeit, die an Mittäterschaft grenzt".

"Weit verbreitete Kultur von sexueller Ausbeutung und von sexuellem Missbrauch"

Einer der Autoren des Reports ist der Abgeordnete Chris Law von der Scottish National Party (SNP). "Als wir die Arbeit an dem Bericht aufgenommen haben, wussten wir nicht, was daraus werden würde. Denn in der Vergangenheit ist relativ wenig über sexuellen Missbrauch im Hilfssektor berichtet worden, zumindest öffentlich", sagt Law auf Anfrage.

Was er seitdem erfahren habe, beschreibt er als schockierend: "Zu Beginn waren wir davon ausgegangen, dass das Problem nur einige wenige Organisationen betrifft. Aber es wurde schnell klar, dass es schon lange eine weit verbreitete Kultur von sexueller Ausbeutung und von sexuellem Missbrauch gibt. Und das Problem geht weit über ein einzelnes Land oder einzelne Organisationen hinaus."

Fälle von sexuellem Missbrauch und von sexueller Ausbeutung gebe es sicher auch in anderen Teilen der Gesellschaft, etwa in der Politik und in der Geschäftswelt, sagt Law. "Aber der Unterschied beim humanitären Sektor ist, dass Vorwürfe oft unterdrückt oder nicht weiterverfolgt worden sind, aus Sorge um das Ansehen der Organisationen."

Chris Law, Mitglied des britischen Unterhauses
Scottish National Party

Chris Law, Mitglied des britischen Unterhauses

Stellvertretend dafür steht Oxfam: Die Organisation erfuhr bereits 2011, dass einige ihrer Mitarbeiter nach dem schweren Erdbeben in Haiti im Jahr zuvor Sex mit Prostituierten hatten, von denen einige minderjährig gewesen sein sollen. Mitarbeiter der Organisation sollen zudem gemobbt und bedroht worden sein.

Doch anstatt die Vorwürfe öffentlich zu machen und die Behörden auf Haiti zu informieren, hat Oxfam offenbar versucht, die Vorfälle zu vertuschen. Vier der Beschuldigen wurden damals entlassen, drei weitere durften kündigen. Auch der damalige Landesdirektor Roland van H. durfte damals kündigen - und fing prompt an, für eine andere Organisation zu arbeiten.

Der Skandal löste Empörung aus. Tausende Spender stellten ihre monatlichen Zahlungen ein. Die Regierung fror Zahlungen in Millionenhöhe ein. Auch gegen Mitarbeiter weiterer Organisationen mehrten sich die Vorwürfe.

Es wäre allerdings falsch zu sagen, dass die Probleme erst mit dem Oxfam-Skandal begannen. Chris Law und seine Kollegen führen in ihrem Bericht Vorfälle auf, die bis ins Jahr 2001 zurückreichen. Die Muster freilich gleichen sich: Hinweise auf Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter seien von Vorgesetzten häufig ignoriert worden. Auch das Entwicklungsministerium habe es versäumt, in dieser Frage engagiert zu handeln.

Die Oxfam-Vorsitzende Caroline Thomson bezeichnete die Lektüre des Berichts als "schmerzhaft für den gesamten Hilfssektor" und entschuldigte sich abermals dafür, dass es die Organisation versäumt hat, hilfsbedürftige Frauen auf Haiti zu schützen. Thomson erklärte, Oxfam habe seit dem Jahresbeginn das Budget für Schutzmaßnahmen verdreifacht und eine Telefonhotline eingerichtet, bei der Whistleblower anrufen könnten. Andere Organisationen berichteten von ähnlichen Maßnahmen.

Ob das ausreicht, ist aber fraglich. Der Bericht nennt konkrete Maßnahmen:

  • Unter anderem empfiehlt er sicherzustellen, dass die Empfänger humanitärer Hilfe über ihre Rechte Bescheid wüssten. Organisationen sollten sich aktiv nach einem möglichen Fehlverhalten ihrer Mitarbeiter erkundigen und konsequent einschreiten, falls es Anhaltspunkte auf Vergehen gebe.
  • Der Bericht schlägt zudem die Einrichtung eines internationalen Registers für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor, das verhindern soll, dass ahnungslose Organisationen Mitarbeiter einstellen, die zuvor wegen Fehlverhaltens aufgefallen sind.
  • Zudem sollte es dem Bericht zufolge Anlaufstellen geben, an die sich Menschen wenden können, wenn sie Probleme mit Mitarbeitern von Hilfsorganisationen gehabt hätten, sagt der Abgeordnete Law. "Es muss sehr viel einfacher werden, Beschwerden einzureichen."

Entwicklungsministerin Penny Mordaunt begrüßte die Veröffentlichung des Berichts. Sie verwies auf einen internationalen Gipfel in London im Oktober, der sich mit dem Thema befassen soll. Bis dahin möchte die Regierung in London strengere Richtlinien dazu erlassen, wann Organisationen das Fehlverhalten von Mitarbeitern melden müssen. "Es muss an vorderster Stelle stehen, dass die Stimmen von Betroffenen gehört und dass sie ernst genommen werden", sagte Mordaunt.

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gruener00 02.08.2018
1. Der Mensch ist nun mal in erster Linie Egoist
Wer übermäßigen Altruismus vor sich her trägt - egal ob Individuum oder Organisation - verbirgt dahinter in der Regel egoistische Motive. Wäre es anders, würden Religion, Kommunismus und andere Weltverbesserungsideologien funktionieren. Tun sie aber nicht. Der gemäßigte Egoist ist daher sympathischer als der übermäßige Altruist.
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