Missbrauch in der katholischen Kirche Bernds Vermächtnis

Viele Missbrauchsopfer leiden ein Leben lang an den Folgen der Taten. Bernd rieb sich in der Bewältigung und im Kampf um Anerkennung auf - bis zu seinem Tod.

Bernd 2016 in Wilhelmshaven
SPIEGEL ONLINE

Bernd 2016 in Wilhelmshaven

Von


Vor wenigen Tagen bekam ich eine WhatsApp-Nachricht. Darin stand: "Hallo, Bernd ist gestern im Hospiz gestorben. Einen lieben Gruß, seine Schwester."

Mir schossen augenblicklich die Tränen in die Augen. Bernd war Missbrauchsopfer, ein Interviewpartner, der es mir schwer gemacht hatte, professionelle Distanz zu wahren. Ein misstrauischer und sehr, sehr wütender Mann. Aber auch einer, der ebenso krachnüchtern wie verletzlich sein Schicksal auf den Tisch legte, sich anvertraute, wie ein großes Kind.

Ich weinte um Bernd. Ich weinte auch, weil es uns versagt blieb, seine Geschichte so zu erzählen, wie wir es geplant hatten - unorthodox, in Auseinandersetzung mit allen, die versucht hatten, ihn selbst und seine Geschichte auszusitzen. Doch die Krankheit kam dazwischen. Der alte Tumor, die Kraftlosigkeit, Chemotherapie.

Ich hatte Bernd 2016 in seiner aufgeräumten Wilhelmshavener Wohnung besucht, wo Fußboden und Wände gekachelt waren. Im Wohnzimmer hing ein Bild, ein blutrotes Quadrat mit orangefarbenem Rand, das in der Mitte von einem blauen Strich in zwei Hälften geteilt wurde.

Bernd erzählte seine Geschichte: Mutmaßlicher Missbrauch durch den katholischen Priester Franz N. von der Christus-König-Kirche in Wilhelmshaven. Tatzeitpunkt: 1963 bis 1966, da war Bernd sieben, acht, neun und zehn Jahre alt.

Undatiertes Foto von Bernd
privat

Undatiertes Foto von Bernd

Ich schaute mir alte Fotos an, sichtete Unterlagen, las die Briefe der katholischen Kirche und Berichte der Lokalmedien. Vieles von dem, was ich sah, ähnelte dem, was mir andere Missbrauchsopfer berichtet hatten. Bernds Fall erschütterte mich, weil er zeigte, wie verheerend sich sexuelle Gewalt gegen Kinder auf deren Leben auswirkt. Ich verstand, was die Angst vor Flashbacks bedeutet, wie Verdrängung funktioniert - und wie schwer es ist, gegen eine diffuse Erinnerung und einen mutmaßlichen Täter zu kämpfen, der strafrechtlich wegen Verjährung nicht belangt werden kann und von der Kirche verschont wird. Der zum Geist wird, zum bösen Geist.

Ein einziges Mal, erzählte mir Bernd, sei er diesem Gespenst nahegekommen. Das war an Heiligabend vor sieben Jahren, als Pfarrer N. bereits im Seniorenheim lebte. Bernd rief ihn an und schrie in den Hörer: "Viele Grüße aus Wilhelmshaven, du Dreckschwein." Der Mann am anderen Ende der Leitung fing jämmerlich an zu weinen. Bernd legte auf.

Drei Stunden später kollabierte er in seinem Bad, kam mit heftigen Brustschmerzen wieder zu Bewusstsein und legte sich ins Bett - ein bisschen Schlaf, es würde schon werden. "Sie hatten einen Herzinfarkt", konstatierte Jahre später ein Kardiologe.

Das Gespenst war für einen kurzen Moment besiegt worden. 30 Sekunden Genugtuung darüber, dem Mann, der ihm jahrelang nachgestellt hatte, Angst eingejagt zu haben. Bernd war laut eigener Aussage sieben, als der Missbrauch begann. Er half als Messdiener in der Christus-König-Kirche in Wilhelmshaven. Sonntags durfte er vor dem Gottesdienst zu Pfarrer N. in die Wohnung, zum "Frühstücken". Eine Auszeichnung.

"Allerdings wurde da nicht gefrühstückt", sagte Bernd. Was tatsächlich während dieser Treffen zwischen ihm und dem Geistlichen geschah, hatte Bernd in einem hermetisch abgeriegelten Raum in seinem Kopf abgespeichert, so verschlossen, dass er selbst nicht drankam. So tief, dass die Erinnerungen ein Eigenleben entwickelten und bisweilen mit ihm machten, was sie wollten. Manchmal fiel Bernd in Ohnmacht, einfach so. "Das passiert, wenn ich mich beleidigt oder schlecht behandelt fühle", erklärte er. Schon früher, im Gottesdienst, sei ihm das passiert, nach dem "Frühstück". "Wachstumsstörungen", sagten die Erwachsenen. Ansonsten sagten sie nicht viel.

Undatiertes Foto von Bernd
privat

Undatiertes Foto von Bernd

Zur "Belohnung" für seine Verdienste als Messdiener durfte Bernd in den Sommerferien mit ins Zeltlager nach Bethel. "Da ging es dann richtig rund", sagte er. "Niemand hat uns geschützt." Einer seiner Leidensgenossen sei Harald gewesen, der Lieblingszögling des Pfarrers. Harald habe später geheiratet und Kinder bekommen. Mitte der Siebzigerjahre habe er sich erhängt. "Die Vergangenheit hat ihn nicht losgelassen. Er ist daran zerbrochen", war Bernds Einschätzung.

Irgendwann nahmen Bernds Eltern ihren Sohn aus der katholischen Kirche heraus. Davon erfuhr er erst viele Jahre später, mit der ersten Gehaltsabrechnung. "Religion: keine" stand da schwarz auf weiß. Hatte jemand die Eltern über die Schandtaten des Pfarrers informiert? Der kleine Bernd nicht, denn der hatte dichtgehalten. "Niemand sprach über so etwas." Kurz vorm Tod der Eltern versuchte er noch mal, sie zum Reden zu bewegen. Vergeblich. "Das Thema war ihnen unangenehm und peinlich."

Die verdrängten Erinnerungen hatten viel Zeit, sich in der Seele von Bernd breit zu machen. Dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte, merkte er, als ihn ein Mädchen auf einer Party küssen wollte. Es waren die Siebziger, man trank Cola-Rum und spielte Flaschendrehen, kam sich beim Engtanz näher. "Aber ich bin weggerannt und habe eine Stunde lang unter einer Brücke gesessen und geheult. Ich war total erschüttert."

Diese Erschütterung blieb, und sie machte Beziehungen für Bernd unmöglich. Er blieb allein, arrangierte sich mit der Ohnmacht, den vagen Erinnerungen, die ihn überfluteten, wenn er es am wenigsten erwartete. Und er wurde krank: Depressionen, Schlafstörungen, Diabetes, der Herzinfarkt, Speiseröhrenkrebs. 1987 machte er einen Drogenentzug - sein Cannabiskonsum war so gestiegen, dass er selbst die Bremse zog. "Ich habe das als Schmerzmittel genommen, um die Seele zu betäuben", sagte er. Gesprächstherapien begleiteten den Entzug, er wurde lange krankgeschrieben, dann frühverrentet.

Im Zuge des Missbrauchsskandals schrieb Bernd im März 2010 einen ersten Brief an den kirchlichen Missbrauchsbeauftragten, beschrieb seinen Fall und forderte Aufklärung. In seinen Mails der kommenden Jahre fanden sich viele zornige Ausrufezeichen und noch mehr Fragezeichen. Wurde der Geistliche nach Münster und Delmenhorst versetzt, weil seine Straftaten bekannt waren? Wie viele weitere Opfer gab es? Hatte keiner der Kollegen von Franz N. etwas mitbekommen?

Doch der tatverdächtige Priester verweigerte laut der Bischöflichen Kommission in Münster jede Kooperation und tauchte auch nicht zur Anhörung durch die Kirchenoberen auf.

Einschulung in Wilhelmshaven
privat

Einschulung in Wilhelmshaven

Daraufhin wurde dem 82-Jährigen Anfang März 2010 die Ausübung jeder priesterlichen Tätigkeit untersagt. N., bereits 2003 emeritiert und offenbar damals schon dement, zog in ein Altenheim. Die vom Bistum Münster eingeschaltete Staatsanwaltschaft stellte im April 2010 die Ermittlungen ein - wegen Verjährung. Auch die Verjährungsfrist für ein kirchliches Verfahren war der Kirche zufolge abgelaufen.

"Sie wollen doch sicherlich Geld?", soll ein Vertreter des Generalvikariats Münster Bernd gefragt haben. Ja, er wollte Geld. Bernd hatte die 7. und 9. Klasse wiederholt und nach der 10. Klasse das Gymnasium verlassen. Nicht, weil ihm der Stoff zu schwer war, sondern weil er durch den mutmaßlichen Missbrauch schwer traumatisiert war. Sein Geld verdiente er als Groß- und Einzelhandelskaufmann - bis er krank wurde.

"Alles wäre anders gewesen"

Seine Anwältin forderte 50.000 Euro, überwiesen bekam er "nach einigem Geschachere" 14.000 Euro. "Immerhin mehr als die 5000 Euro, mit denen andere Opfer abgespeist werden", sagte Bernd. "Aber mein Leben kann ich mir dafür auch nicht zurückkaufen." Ohne den Missbrauch, da war er sich sehr sicher, wäre sein Leben völlig anders verlaufen. "Ich hätte eine Familie, Kinder, ein glückliches Leben. Alles wäre anders gewesen."

Bernd wollte eine Entschuldigung der Kirche, ein Schuldbekenntnis des Priesters, er wollte sich mit anderen Betroffenen austauschen, er wollte genaue Angaben über den Umfang der Verbrechen, die der vor zehn Monaten verstorbene Pfarrer N. mutmaßlich begangen hatte.

Darüber, dass die Zahl der Missbrauchsopfer von Franz N. höher war als bekannt, bestand in der Kirche offenbar kein Zweifel: "Ich bin überzeugt, dass es mehr Opfer gibt", schrieb ein Vertreter des bischöflichen Generalvikariats Münster in einer E-Mail vom Februar 2015. Zum damaligen Zeitpunkt lautete die offizielle Bilanz: Fünf Betroffene in Wilhelmshaven, vier in Delmenhorst, sieben in Münster und Handorf, eine anonyme Meldung. "N. hat eine halbe Schulklasse missbraucht, und ein Kirchensprecher aus Vechta redet von einem 'Einzelfall', es ist zum Kotzen", empörte sich Bernd.

"Manche sagen, solche schrecklichen Straftaten sind mit Geld nicht aufzuwiegen. Ich finde das ist ein dümmliches Argument. Die Opfer müssen angemessen entschädigt werden. Es kann doch wohl nicht sein, dass die reichste Kirche der Welt die niedrigsten Summen zahlt!" Nein, das kann eigentlich nicht sein.

Nach unserem Gespräch sind Bernd und ich an der Promenade von Wilhelmshaven essen gegangen. Es war sehr heiß, ungewöhnlich windstill, und wir konnten ganz gut zusammen schweigen. Tschüss Bernd.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.