Missbrauch in Südafrika Alle zehn Minuten eine Vergewaltigung

Sie sehen Frauen nur als Lustobjekte: Einer Studie zufolge hat in einigen Regionen Südafrikas jeder vierte Mann schon einmal eine Frau zum Sex gezwungen. Experten im Land sind alarmiert und warnen: "Vergewaltigungen sind gesellschaftlich akzeptiert."

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Hamburg - Die Zahlen klingen so unvorstellbar, dass man sie kaum begreifen kann: Alle zehn Minuten wird in Südafrika eine Frau vergewaltigt, laut Polizeistatistik 86 erwachsene Frauen und 64 Minderjährige am Tag. Rund 30 Prozent der heranwachsenden Südafrikaner gaben im Rahmen einer Studie an, ihre ersten sexuellen Erfahrungen basierten auf einer Vergewaltigung.

Protest von Mitgliedern des Aids Legal Network (ALN) vor dem Gericht in Kapstadt: "Die Täter sehen sich im Recht, sie glauben, ihr Verhalten sei legitim"
AP

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Pro Jahr gibt es in dem Land nach offiziellen Angaben rund 55.000 Vergewaltigungen. Doch das ist nur der Teil der Wahrheit, der ans Licht kommt - die meisten Taten werden nicht aktenkundig.

Die University of South Africa schätzte vor einigen Jahren, es gebe gar eine Million Vergewaltigungen pro Jahr. Wenn diese Zahl stimmt, würde alle 30 Sekunden eine Frau am Kap zum Sex gezwungen. Für eine in Südafrika geborene Frau sei die Wahrscheinlichkeit, sexuell missbraucht zu werden, höher als die, lesen und schreiben zu lernen, lautete damals die zynisch anmutende Schlussfolgerung der BBC.

Ein weiterer Fakt aus der Statistik: 16 Prozent der Männer im Land, die ein Vergewaltigungsopfer kennen, sind der Meinung, dass die Frau die Tat genossen und gewollt hat.

"Vergewaltigungen sind gesellschaftlich akzeptiert"

Dass die Täter gefasst und zur Rechenschaft gezogen werden, ist unwahrscheinlich. Schätzungen zufolge wird nur jede neunte Tat zur Anzeige gebracht, viele der Verdächtigen werden nicht gefasst - und viele der Gefassten nicht verurteilt. Von 25 Männern, die angeklagt werden, werden laut der Kinderrechtsorganisation ActionAid 24 freigesprochen.

Nicht einmal jeder zehnte zur Anzeige gebrachte Fall endet mit einer Verurteilung. Häufig übt die Familie so lange Druck auf die Frauen aus, bis diese die Anzeige - nicht selten gegen einen Bekannten oder gar einen Angehörigen - zurückziehen.

In Südafrika gibt es nur wenige Einrichtungen, die sich um Opfer und Täter kümmern, dabei ist der Bedarf riesig. Eine der Institutionen ist die "Teddy Bear Clinic" in Soweto. Viele der Jungen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren, mit denen die Sozialarbeiter sich hier beschäftigen, glauben, ein Mädchen müsse von Natur aus devot sein, müsse sich ihnen unterordnen.

Es ist das Muster, das sie häufig von klein auf zu Hause vorgelebt bekommen - und allzu oft auch auf der Straße oder im Fernsehprogramm sehen können. Viele der Jugendlichen wissen nicht einmal, was eine Vergewaltigung ist. In der "Teddy Bear Clinic" versuchen Sozialarbeiter, ihnen Verantwortungsbewusstsein beizubringen, sie für das Thema zu sensibilisieren.

"Es gibt viel Gewalt in der Öffentlichkeit in Südafrika, das ist ein großer Teil des Problems", sagt Professorin Rachel Jewkes SPIEGEL ONLINE. Gemeinsam mit ihrem Team vom staatlichen Medical Research Council (MRC) hat sie die sexuelle Gewalt in Südafrika repräsentativ untersucht. Das erschreckende Ergebnis: Mehr als ein Viertel der befragten 1738 Männer aus den Provinzen KwaZulu-Natal und Ostkapland, die aus allen Bevölkerungsgruppen stammten, hat angegeben, schon mindestens einmal ein Mädchen oder eine Frau vergewaltigt zu haben. Nach den Ergebnissen des MRC war ein Großteil der Vergewaltiger HIV-positiv. Die Resultate im Überblick:

  • Drei Viertel der Männer sagten, sie seien bei der ersten Tat jünger als 20 Jahre alt gewesen.
  • Die Hälfte der Männer gab an, mehrmals Frauen zum Sex gezwungen zu haben.
  • Jeder Fünfte Vergewaltiger war HIV-positiv.
  • Rund zehn Prozent der Befragten gaben an, zum Zeitpunkt der Vergewaltigung erst zehn Jahre alt oder gar jünger gewesen zu sein.

"So zynisch das klingen mag, überrascht haben uns die Zahlen nicht", sagt Forscherin Jewkes. "Aus anderen Untersuchungen konnten wir ahnen, in was für einer Größenordnung wir uns bewegen würden."

Eine Studie der Nichtregieungsorganistion CIET Trust aus dem Jahr 2008 hatte gezeigt, dass sexuelle Gewalt auch unter Schülern des Landes ein Massenphänomen ist. Der Untersuchung zufolge sind 40 Prozent aller Schüler unter 18 Jahren mindestens einmal vergewaltigt worden. Die Forscher hatten 1200 Jugendliche an südafrikanischen Schulen befragt. In 20 Prozent der Fälle gaben die Opfer an, der Täter sei ihr Lehrer gewesen.

"Grundsätzlich lässt unsere Untersuchung den Schluss zu, dass Vergewaltigungen in Südafrika gesellschaftlich akzeptiert sind. Sie erscheint den Tätern als Weg, die eigene Männlichkeit und Überlegenheit zu demonstrieren. Die Täter sehen sich im Recht, sie glauben, ihr Verhalten sei legitim", sagt Jewkes. Der Missbrauch einer Frau habe immer mit dem Machtstreben des Mannes zu tun.

"Nur wer Macht hat, kann sie missbrauchen"

Die Studie zeigt allerdings auch, dass nicht nur die Chancenlosen und Ärmsten der Armen zu Tätern werden. Männer mit einem Schulabschluss, einem Einkommen und zumindest gelegentlicher Arbeit wurden sogar häufiger zu Tätern als diejenigen, die in Schule und Job chancenlos waren.

"Vor allem die etwas gebildeteren Männer glauben, sie seien berechtigt, die Frauen so zu behandeln", begründet die Forscherin die auf den ersten Blick überraschenden Erkenntnisse. "Nur wer Macht hat, kann sie missbrauchen." Außerdem stammten viele der Vergewaltiger aus zerrütteten Familien.

Die Männer, die gesellschaftlich besonders angesehen seien, eine besonders gute Ausbildung, einen besonders guten Job und ein besonders hohes Einkommen hätten, besäßen dagegen andere Möglichkeiten, um ihre Macht zu demonstrieren - und seien deshalb in der Studie wenig repräsentiert.

Unter den jungen Männern sei es ein "weit verbreiteter Mythos", dass erst eine Vergewaltigung einen Mann zu einem mächtigen Mann mache. "Jugendliche werden in Südafrika vor allem durch Gleichaltrige aufgeklärt. Sie übernehmen, was sie bei ihren Freunden sehen." Viele Jugendliche wüchsen zudem mit der Gewalt gegen Frauen auf. "In der Öffentlichkeit ist es an der Tagesordnung, dass Frauen erniedrigt werden - und niemand eingreift. Auch das trägt zu einem falschen Weltbild bei."

Schwieriger als die Ursachen des Problems zu identifizieren, ist es freilich, Lösungen zu entwickeln. Jewkes rät, bereits in den Schulen anzusetzen - allerdings muss der Sexualkundeunterricht auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler eingehen. Oft wissen Sieben- und Achtjährige sehr viel über die physiologischen Details des Geschlechtsverkehrs, aber nichts über die damit einhergehende Verantwortung.

"Und es gibt ein grundsätzliches Problem", sagt Forscherin Jewkes: "Wir brauchen mehr engagierte Väter. Es mangelt in diesem Land an Vorbildern."



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