Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Missbrauch: Jesuiten-Bericht bringt grausige Details ans Licht

Prügelattacken, Vergewaltigung, Schweigen: Die Beauftragte für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Jesuitenorden hat ihren detaillierten Abschlussbericht vorgestellt. Opfer und Zeugen berichteten von schlimmen Erfahrungen - und von systematischer Vertuschung.

Missbrauchsbeauftragte Ursula Raue: 205 Fälle wurden ihr bekannt Zur Großansicht
DDP

Missbrauchsbeauftragte Ursula Raue: 205 Fälle wurden ihr bekannt

München - Die Ergebnisse sind dramatisch: In Einrichtungen der Jesuiten sollen mindestens 205 Opfer missbraucht und misshandelt worden sein. Das geht aus dem Abschlussbericht hervor, den die Missbrauchsbeauftragte Ursula Raue an diesem Donnerstag in München vorstellte. Die Anwältin glaubt jedoch, dass die tatsächliche Zahl der Opfer noch weit größer ist: "Wir können nicht davon ausgehen, dass wir bisher alles gehört haben. Im Gegenteil", sagte Raue.

Laut dem Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, gingen bei der Beauftragten darüber hinaus mehr als 50 Meldungen ein, die nicht die Jesuiten, sondern "andere - meist katholische - Einrichtungen" betrafen.

Raue zählt in ihrem Bericht die einzelnen Beschuldigten mit veränderten Namen auf, schildert deren Werdegang, die Vorwürfe gegen sie und - falls vorhanden - die Reaktion auf die Opfermeldungen. So heißt es über den bereits verstorbenen Pater Eckhart vom Canisius Kolleg, dass er "viel und gerne geprügelt" habe. Über den ebenfalls verstorbenen Pater Michael ist in dem Bericht zu lesen, dass er "ein Sadist war, der gerne und häufig den nackten Hintern der Schüler verprügelte. Dabei schaute er, wer eine Erektion hatte."

Ein weiterer Pater habe angeblich den Beinamen "Grabbelanton" getragen, ein anderer habe eine 14-Jährige vergewaltigt und eine Neunjährige im Beichtstuhl missbraucht.

Systematische Vertuschung

Die Beschuldigungen im Jesuitenorden richten sich gegen zwölf Patres, von denen sechs bereits verstorben sind, sowie gegen zwei weltliche Mitarbeiter. Ihnen wird von mehr als einem Opfer oder Zeugen Missbrauch, grobe Gewalttätigkeit oder beides vorgeworfen. 32 weitere Personen, darunter Patres, weltliche Lehrer oder Erzieher, werden jeweils von nur einem Opfer oder Zeugen belastet. Die meisten Fälle ereigneten sich in den siebziger und frühen achtziger Jahren.

Bei den Vorwürfen handelt es sich häufig um eine Mischung aus sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt. Schüler berichteten, dass Patres offensichtlich sexuell erregt gewesen seien, während sie ihre Schützlinge geprügelt hätten. Darüber hinaus habe es aber ebenso eindeutigen sexuellen Missbrauch sowie ausschließlich körperliche Übergriffe gegeben.

Neben den konkreten Missbrauchsfällen werden in Raues Bericht die Vertuschungen durch Angehörige des Ordens kritisiert. Die Beauftragte ist sicher, dass die Vorgesetzten mehrerer pädophiler Patres die Täter deckten: "Man wusste, da ist einer, der fummelt gerne rum, und der andere hat den Spitznamen 'Pavian'." Die zwei mutmaßlichen Haupttäter waren im Laufe der Jahre am Berliner Canisius Kolleg und an weiteren Jesuiten-Schulen tätig - nach Missbrauchsvorwürfen gegen sie wurden sie stillschweigend an andere Orte versetzt.

Die Missbrauchsbeauftrage kritisiert das Verhalten der Institutionen in ihrem Bericht deutlich: "Zu fragen ist, warum der Orden nach außen hin so unbekümmert mit stichhaltigen Informationen über häufige Vorfälle sexuellen Missbrauchs in seinen Einrichtungen umgegangen ist."

Orden spricht von "Scham und Schande"

Die Opfer beschuldigen Mitarbeiter verschiedener Institutionen, die dem Jesuitenorden angehören. Dazu zählen:

  • das Canisius Kolleg in Berlin
  • das Kolleg Sankt Blasien
  • das Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg
  • die Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg
  • Jugendeinrichtungen in Hannover und Göttingen
  • sowie das heute nicht mehr von Jesuiten getragene Immaculata Kolleg in Büren/Westfalen.

Auch wenn viele Taten bereits lange zurückliegen, belasten sie die Betroffenen noch immer, so Raue in ihrem Bericht: "Heute über 70-jährige Männer erzählten, wie sehr die harten körperlichen Strafen und teilweise brutalen sexuellen Aggressionen in den fünfziger und sechziger Jahren ihr Leben verdunkelt und schwer gemacht haben."

Stefan Dartmann, der Provinzial der Jesuiten in Deutschland, bat die Opfer im Namen des Ordens um Verzeihung. "Das Ergebnis der Untersuchung von Frau Raue lässt eine skandalöse Wirklichkeit zutage treten, die unserem Orden zu Scham und Schande gereicht", sagte er. Dartmann bot außerdem an, bei jedem Opfer auch persönlich um Entschuldigung zu bitten und Gespräche zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle zu vermitteln.

Zu möglichen finanziellen Entschädigungen, die von mehreren Opfern verlangt werden, äußerte er sich aber zurückhaltend. Der Jesuitenorden wolle den Entscheidungen des Runden Tisches der Bundesregierung nicht vorgreifen.

Nachdem die Fälle bei den Jesuiten im Januar bekannt geworden waren, wurde die Flut der Missbrauchsvorwürfe gegen katholische Geistliche und Institutionen ausgelöst. Im Februar hatte Raue einen Zwischenbericht ihrer Arbeit vorgelegt, bis dahin waren ihr 115 bis 120 Fälle gemeldet worden.

tro/apn/dpa/afp

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 580 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
frozenplasma 27.05.2010
Zitat von sysopPrügelattacken, Vergewaltigung, Stillschweigen: Die mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Jesuitenorden beauftragte Ursula Raue hat ihren detaillierten Abschlussbericht vorgestellt. Opfer und Zeugen berichteten von schlimmen Erfahrungen - und von systematischer Vertuschung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,697115,00.html
was will man doch noch viel hinzufügen...nichts mehr, es ist die letzten wochen alles gesagt worden was zur moralischen meinungsbildung über die kirche und ihre einrichtungen nötig war. an dieser nummer werden sie hoffentlich hunderte von jahren zu knabbern haben... die moralische vorbildfunktion der kirche ist jedenfalls dahin. und jeder pfarrer der auf der kanzel steht und von moral und anstand predigt macht sich doch lächerlich... ganz grosses kino die letzten jahrzehnte, wohl jahrhunderte....ganz grosses kino... vielen dank, wir haben verstanden!
2. Und was mit Konsequenzen ?
Daniel Hoogland, 27.05.2010
Mein Leben lang habe ich mir nichts daraus gemacht, daß ich mal (Katholisch) getauft worden bin. Seit einigen Monaten ist das anders. Zu dieser Institution die sich Kirche nennt, muß man offen Abstand nehmen. Ich habe denn auch dafür gesorgt das ich als Katholik endgültig "gestrichen" bin. Ich wünsche, viele Andere zeigen in derselben Weise Ihren Abscheu über diese Institution, die kene Kirche, sondern ein perfides Machtkonstrukt ist, und leider noch viel zu lange als lebendiger Dinosaurier in unser Mitte Ihr Unwesen treiben darf. Ich hoffe es wird in Richtung deutlicher Trennung von Kirche und Staat gehen. Bessere Kontrolle der sogenannten christlichen Vereine und Einrichtungen ist ein muß. Letztlich sollte die "Verkündung" nicht länger hingenommen werden. Also verweltlichung des Religionsunterrichts. Es reicht meine Herren Pfaffen und sonstige Katholiban. Und nein, ich habe keinen Haß auf irgendeine Kirche, ich hoffe nur daß wir dieses düstere Kapittel in der Geschichte abshließen und hinter uns lassen werden.
3. ..
tetaro 27.05.2010
Da bin ich selbst der Kirche gegenüber kritisch erzogen aufgewachsen, kenne das, was de Sade, Balzac u. a. sich über die Exzesse der Kirchenleute ausgemalt haben, und kann das nun alles dennoch nicht recht glauben. Am meisten bin ich davon überrascht, dass mich das alles überraschen kann.
4. Immaculata!
AKI CHIBA 27.05.2010
Die Unbefleckten waren am Wirken! Es wurde empfangen! Immer druff! Das sind doch olle Kamellen. Die Stinkefinger sind doch nach wie vor am Wühlen. Fiese Äuglein orten Erektionen. Danach sucht!
5. hm ?
meon 27.05.2010
Zitat von Daniel HooglandMein Leben lang habe ich mir nichts daraus gemacht, daß ich mal (Katholisch) getauft worden bin. Seit einigen Monaten ist das anders. Zu dieser Institution die sich Kirche nennt, muß man offen Abstand nehmen. Ich habe denn auch dafür gesorgt das ich als Katholik endgültig "gestrichen" bin. Ich wünsche, viele Andere zeigen in derselben Weise Ihren Abscheu über diese Institution, die kene Kirche, sondern ein perfides Machtkonstrukt ist, und leider noch viel zu lange als lebendiger Dinosaurier in unser Mitte Ihr Unwesen treiben darf. Ich hoffe es wird in Richtung deutlicher Trennung von Kirche und Staat gehen. Bessere Kontrolle der sogenannten christlichen Vereine und Einrichtungen ist ein muß. Letztlich sollte die "Verkündung" nicht länger hingenommen werden. Also verweltlichung des Religionsunterrichts. Es reicht meine Herren Pfaffen und sonstige Katholiban. Und nein, ich habe keinen Haß auf irgendeine Kirche, ich hoffe nur daß wir dieses düstere Kapittel in der Geschichte abshließen und hinter uns lassen werden.
verstehe ich nicht. was muss dieser haufen von organisierten verbrechern denn noch machen, bevor man die institution kirche hasst? dieses "düstere kapitel der geschichte" können "wir" abschliessen - indem die kath. kirche in D verboten wird. zeit wird es allemal!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Beratungstellen
Polizei
Auf der Seite polizei-beratung.de finden Sie durch Eingabe von Postleitzahl oder Wohnort Polizeiberatungsstellen in Ihrer Nähe.
Nummer gegen Kummer
Wenn Kinder und Jugendliche nicht wissen, an wen sie sich wenden können, hilft eine Telefon-Hotline weiter, die in ganz Deutschland zu erreichen ist - und zwar kostenlos, selbst mit leerer Handy-Karte. Die "Nummer gegen Kummer" lautet 0800-111 0 333. Im Jahr 2008 haben dort rund 3000 Kinder und Jugendliche angerufen, um über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Mit den Leuten an der Hotline kann man auch über andere Probleme reden, etwa wenn man Stress mit den Eltern hat.
N.I.N.A. e.V.
Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen (N.I.N.A.)
Hotline: 01805/123465 (montags 9 bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags 13 bis 17 Uhr; Anrufe kosten im Festnetz 14 Cent pro Minute)
Steenbeker Weg 151, 24106 Kiel
http://www.nina-info.de/
Zornrot e.V.
Die Beratungsstelle unterstützt Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, die direkt oder indirekt von sexualisierter Gewalt betroffen sind.
Hotline: 040/7217363 (montags bis freitags, 10 bis 12 Uhr, freitags auch 16 bis 17 Uhr)
Vierlandenstraße 38, 21029 Hamburg
http://www.zornrot.de/
Katholische Kirche
Bundesweite Telefon-Hotline „Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs“
Telefon: 0800 120 1000 (kostenfrei), Di, Mi, Do von 13 bis 20.30 Uhr, www.hilfe-missbrauch.de
Odenwaldschule
Die Odenwaldschule hat als externe Ansprechpartnerin die Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller beauftragt.
Telefon: 0611/373258
Spiegelgasse 9, 65183 Wiesbaden
http://www.kanzlei-burgsmueller.de/


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: