Sexueller Missbrauch: Katholische Kirche zieht Bilanz für Opfer-Hotline

8500 Anrufe in knapp zwei Jahren: Die katholische Kirche hat eine Bilanz ihrer Hotline für Missbrauchsopfer vorgelegt. Seit Jahresbeginn ist die telefonische Anlaufstelle nicht mehr zu erreichen - laut Bischofskonferenz gab es kaum noch Anrufe.

Trier - Zwei Jahre lang konnten sich Missbrauchsopfer in der katholischen Kirche an eine Beratungshotline wenden. Seit Jahresbeginn ist damit Schluss - die kostenlose Hotline wurde eingestellt. Nun hat die Deutsche Bischofskonferenz den Abschlussbericht des Projekts vorgelegt.

Demnach wurden zwischen 2010 und Ende 2012 rund 8500 Gespräche geführt. Mehr als 60 Prozent der Anrufer gaben an, selbst Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. Der Abschlussbericht stützt sich auf die Auswertung der Daten von 1.824 Fällen.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sagte bei der Vorstellung des Berichts, es sei "das besonders perfide und für mich als Bischof auch abscheuliche", dass die Beschuldigten häufig systematisch die psychische Wirkung von Riten wie der Beichte oder dem Gebet ausgenutzt hätten. Der Bischof sprach von einer "Spiritualität des Verbrechens".

Jene Priester und Diakone hätten "sich das Vertrauen von Kindern erschlichen und diese dann auf schändliche Weise missbraucht" - in der Kirche, in Heimen und in Internaten. Es habe keine Hinweise auf "zufalls- oder überfallartige Taten" gegeben, sagte Ackermann. "Besonders erschüttert hat mich, dass die Täter den Minderjährigen vortäuschten, ihre Handlungen seien ein Ausdruck liebender Verbundenheit mit Gott."

Zweifel am Aufklärungswillen der Kirche

Die kostenlose Telefonseelsorge war im Bistum Trier angesiedelt. Sie war im Frühjahr 2010 als erste Anlaufstelle für Missbrauchsopfer eingerichtet worden. Anfang April 2012, als das Ende des Projekts beschlossen wurde, war von 8200 Gesprächen und 400 Internetberatungen die Rede. Ende 2012 wurde die Hotline gekappt - nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz, weil es kaum noch Anrufe gab.

"Wir finden es sehr bedauerlich, dass die Hotline eingestellt wurde", sagte Christian Weisner von der Bewegung "Wir sind Kirche". Die Missbrauchserfahrungen beschäftigten die Opfer ein Leben lang und kämen immer wieder hoch. "Die Kirche braucht eine solche Zuhör-Nummer", sagte er. Es wäre ein gutes Zeichen gewesen, die Hotline geschaltet zu lassen, um zu zeigen: "Wir sind weiter bereit, auf Euch zu hören".

Bischof Ackermann kündigte an, die Aufklärung auch nach dem Ende des Telefon-Services fortsetzen zu wollen. Die Bischöfe würden sich "weiterhin mit gleichbleibender Intensität und Konsequenz um eine gründliche und transparente Aufarbeitung bemühen".

Angesichts jüngster Ereignisse gibt es allerdings viele Beobachter, die am Aufklärungswillen der Kirche zweifeln: Die wissenschaftliche Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche ist vorerst gescheitert, dafür steht der Klerus in der Kritik. Opfer sexuellen Missbrauchs halten die Kirche mit der Aufklärung für überfordert. Auch drei Jahre nach den ersten Veröffentlichungen sei das Ausmaß der Missbrauchsfälle unklar, kritisierte die Betroffenengruppe "Eckiger Tisch".

Ackermann sagte, der Stopp der Missbrauchsstudie sei zwar "ein herber Rückschlag" bei der Aufarbeitung gewesen. Die Studie werde aber "zeitnah und solide" neu angegangen. Es gebe bereits mehrere Interessenten. "Ich werde an dem Thema dranbleiben", so Ackermann.

ulz/dapd/dpa

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