Missbrauchsbeauftragte Bergmann geht Die verwaiste Stelle

War da was? Eineinhalb Jahre lang erschütterte die Debatte über sexuelle Gewalt die Öffentlichkeit, die Bundesregierung richtete die Stelle einer Missbrauchsbeauftragten ein. Nun hat Christine Bergmann ihre letzten Arbeitstage - Nachfolge und Ausgestaltung ihrer Stelle sind völlig unklar.

Missbrauchsbeauftragte Bergmann: Nachfolge unklar
dapd

Missbrauchsbeauftragte Bergmann: Nachfolge unklar

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Berlin - "Ich will Ergebnisse sehen", sagte die Ministerin forsch. "Wir haben eine Verantwortung gegenüber den Opfern." Das verkündete Bundesfamilienministerin Schröder (CDU) vor genau eineinhalb Jahren entschlossen. Inzwischen hat ihr Engagement deutlich an Schwung verloren. Schröder weigert sich beharrlich, Auskunft darüber zu geben, wie die Position der sogenannten Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs künftig ausgestaltet werden - und wer sie besetzen soll.

Bisher machte Christine Bergmann (SPD) die Arbeit, und alle sind sich einig, dass sie das so entschlossen wie einfühlsam tat. An diesem Dienstag hält Bergmann ihre letzte Pressekonferenz, zum Ende des Monats scheidet sie aus dem Amt. Sie mag die nervenaufreibende Tätigkeit nicht mehr machen, kann sie aus persönlichen Gründen nicht mehr ausüben. Das Kernteam werde nach ihrem Weggang weiterarbeiten. Wie es mit ihrer Position weitergehen soll, weiß aber auch Bergmann selbst nicht. Sie hinterlässt eine Leerstelle.

"Ich hätte die Stelle der Unabhängigen Beauftragten gegen sexuellen Kindesmissbrauch natürlich gerne persönlich übergeben", sagte Bergmann SPIEGEL ONLINE. "Denn es geht um wichtige und sensible Fragen."

Als sie ihre Arbeit aufnahm, war es die Kanzlerin selbst, die der Aufarbeitung höchste Priorität einräumte. Angela Merkel berief die angesehene Politikerin als Unabhängige Beauftragte.

Die Bundesregierung schweigt über die Nachfolge. Drei Bundesministerinnen sitzen am Runden Tisch, keine mochte sich äußern, wie es nach Bergmanns Abgang weitergehen soll.

"Man schafft den Stuhl der Beauftragten ab"

In der Betroffenenszene herrschen Irritation und Wut. Da ist von Missachtung der Arbeit Bergmanns die Rede. Von der nachträglichen Demontage einer Frau, "die in die Seelen der Betroffenen geschaut hat", wie es ein Opfer sexueller Gewalt formuliert. "Ich befürchte, dass der politische Wille zur Fortführung dieser so wichtigen Position nicht mehr da ist", sagte Julia von Weiler von Innocence in Danger, einem Verein zum Schutz vor sexueller Gewalt.

"Man lässt Bergmann erst nach Hause gehen - und sägt dann den Stuhl der Beauftragten gegen sexuelle Gewalt ab", klagt Christian Bahls von "Mogis - eine Stimme für Betroffene" an. "Sie hat ihren Job einfach zu gut gemacht, sie stand auf unserer Seite."

Christine Bergmann, 72, hat die Position der Unabhängigen Beauftragten so interpretiert, dass die Menschen verstehen konnten, wie verbreitet sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft ist. Ihr Nottelefon deckte für eine breite Öffentlichkeit die Dimensionen einer ungeheuerlichen Parallelwelt auf. Als Bergmann einen Fernsehspot mit Wim Wenders gestaltete und die Plakataktion "Das Schweigen brechen" startete, standen die Telefone nicht mehr still, quollen die Briefkästen in der Berliner Glinkastraße über. 20.000 Anrufe und Briefe gingen ein.

Bergmanns Intention war es, nicht selbst die Stimme der Betroffenen zu sein, sondern ihnen ihre Stimme zu geben. Manche schrieben Fortsetzungsbriefe, andere malten ihre Geschichte, eine 89-Jährige rief an und berichtete, was ihr widerfahren war. Noch heute gehen täglich 40 bis 60 Anrufe ein, um Missbräuche zu melden oder sich über Beratung zu informieren.

Wo die Stelle künftig angedockt werden soll, ist unklar

Eineinhalb Jahre lang stand das Thema sexualisierte Gewalt im Zentrum des öffentlichen Interesses. Kurz nach dem Bekanntwerden des Missbrauchs in katholischen Internaten und Schulen wie dem Bonner Aloisius-Kolleg oder dem Kloster Ettal flog auch der systematische Missbrauch von Schülern der Odenwaldschule auf. Es wurden perfekt-perfide Missbrauchssysteme sichtbar.

Bergmann konnte die kriminellen sozialen Substrukturen zutage fördern - weil sie prominent und zugleich unabhängig war. Bei der Pressekonferenz am Mittwoch zog sie ein durchmischtes Fazit ihrer Arbeit: "Die schönsten Empfehlungen nutzen nichts, wenn sie nicht umgesetzt werden", mahnte Bergmann. So gebe es nach wie vor Defizite bei Beratungen und Therapien für Opfer. Zudem seien die Missbrauchsfälle in vielen Institutionen noch nicht aufgearbeitet.

Wer künftig anstatt Bergmann darauf pochen wird, dass Aufarbeitung notwendig ist, bleibt offen: Klar ist lediglich, dass es weiter eine Missbrauchsstelle geben soll. Aber wird sie dem Familienministerium ein- oder zugeordnet? Wird gar ein Beamter Kristina Schröders das Büro wechseln und in "unabhängig" umgetauft? Von Bergmanns eigenem Vorschlag, die Stelle mit einem Sachverständigenrat aufzuwerten oder gar ein Bundesamt gegen sexualisierte Gewalt zu schaffen, ist die Politik inzwischen meilenweit entfernt.

"Nur die Besetzung der Stelle mit einem externen prominenten Experten gewährleistet, dass die Rechte der Betroffenen wirksam vertreten werden", sagt Julia von Weiler - und sieht besorgt auf den bevorstehenden Gesetzgebungsprozess für die Empfehlungen des Runden Tischs. Bergmanns Stelle verwaist just in dem Moment, wo Therapiemöglichkeiten, Präventionsangebote und verlängerte Verjährungsfristen des Missbrauchs in Gesetze gegossen werden sollen.

Bergmann sagt: "Es wäre ein wichtiges Signal an die Opfer sexuellen Missbrauchs gewesen, dass ein nahtloser Übergang gewährleistet ist. Die Betroffenen müssen sich anerkannt und ernst genommen fühlen."

Mit Material der dpa



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