Missbrauchsfälle in der Kirche Benedikt verlässt den Bunker

Lange hat der Papst geschwiegen, sich eingeigelt, die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche nur schwach verurteilt. Jetzt findet Benedikt XVI. die Kraft, die Opfer um Vergebung zu bitten. Doch es könnte zu spät sein.

Von Philipp Gessler


Das Ambiente war wohl gewählt: Vor mehr als 10.000 Priestern aus aller Welt, die im strahlenden Sonnenschein schwitzten, bat Papst Benedikt XVI. zum Abschluss des von ihm ausgerufenen Priesterjahres auf dem Petersplatz in Rom um Vergebung. Um Vergebung wegen der unzähligen Fälle sexuellen Missbrauchs durch seine Geistlichen.

Gekleidet in unschuldiges Weiß und mit der ihm eigenen, leicht zittrigen, hohen Stimme sagte der Pontifex Maximus während einer prachtvollen Messe auf seinem Thron: "Wir bitten Gott und die betroffenen Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, dass wir alles tun wollen, um solchen Missbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen." Der Skandal sei ein Ruf nach der Reinigung der Kirche. Das Priesterjahr, so sagte der 83-Jährige, hätte ein Jahr der Freude sein sollen. Stattdessen habe es "Sünden von Priestern" ans Tageslicht gebracht "vor allem den Missbrauch der Kleinen".

Die Bitte um Entschuldigung von oberster Stelle in der Hierarchie ist nicht die erste, die Papst Benedikt XVI. in den vergangenen Monaten geäußert hat - aber es ist zweifellos die klarste und spektakulärste.

Ungefähr seit Anfang des Jahres wird vor allem die katholische Kirche in Deutschland von immer neuen Enthüllungen über die sexuellen Verbrechen katholischer Priester an Kindern und Jugendlichen erschüttert. Zwar liegt die große Mehrheit der Missbrauchsfälle Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Dennoch wurde in der öffentlichen Diskussion und Empörung immer wieder der Ruf nach einer Entschuldigung des jetzigen Papstes laut: Denn offenbar wurde, dass es sich hier nicht um einzelne Verfehlungen sündiger Priester handelte, sondern um einen Skandal, den die Kirche über Jahre systematisch verdrängt hatte oder verdrängen wollte.

Lange wurde auf ein klares Wort vom Papst gewartet

Zwar gab es einzelne Bischöfe in Deutschland, die in den vergangenen Monaten für ihr Bistum solche Bitten um Vergebung aussprachen. Auch die deutsche Bischofskonferenz hat schon im Februar Sätze der Scham gefunden - das große, öffentliche Wort des Papstes aber, die doch so christliche Bitte um Vergebung durch den Oberpriester in Rom vor aller Welt und im Namen der ganzen Kirche mit ihren 1,1 Milliarden Menschen, fehlte.

Nur zur Erinnerung: Allein für die relativ kleine katholische Kirche in Irland geht eine staatliche Untersuchungskommission von etwa 14.500 Opfern in den vergangenen Jahrzehnten aus. In den USA, wo der Missbrauchsskandal schon vor etwa zehn Jahren mit voller Wucht anrollte, gehen Schätzungen seriöser Wissenschaftler davon aus, dass bis zu 5000 Priester seit den sechziger Jahren ihre Schutzbefohlenen missbraucht haben.

Es ist nicht übertrieben, von einem offensichtlich strukturellen Problem in der Kirche zu sprechen. Aber die größte und älteste Glaubensgemeinschaft der Welt hat sich schon immer schwer damit getan, strukturelle Fehler oder Sünden einzugestehen. Zwar hat Benedikts Vorgänger auf dem Papstthron, Johannes Paul II., im Jahr 2000 ein öffentliches und feierliches "Mea Culpa" zu verschiedenen Verbrechen in der fast 2000-jährigen Kirchengeschichte geäußert.

Schon damals aber bezog sich diese Bitte um Vergebung beim genauen Hinsehen auf die Sünden einzelner Schäfchen und "im Namen" der Kirche. Die theologische Logik dahinter: Die Kirche ist nach diesem Verständnis eben nicht nur eine irdische, sondern auch eine jenseitige Organisation. Und sie kann, als Ganzes und auf Dauer, nicht fehl gehen, so glaubt es die katholische Theologie.

"Die größte Verfolgung der Kirche von Feinden kommt nicht von außerhalb"

Dieses Selbstverständnis ist wohl auch der wesentliche Grund dafür, dass sich der jetzige Papst in den vergangenen Monaten um deutliche Bitten um Vergebung gedrückt hat - oder sie zumindest nicht so in Worte zu fassen vermochte, dass sie glaubhaft wirkten. Am deutlichsten wurde er immerhin nach wochenlangem Schweigen auf einem Flug zu einer Visite in Portugal Mitte Mai. Da verurteilte Papst Benedikt XVI. den Missbrauchsskandal scharf und sagte: "Heute sehen wir in wirklich erschreckender Weise, dass die größte Verfolgung der Kirche von Feinden nicht von außerhalb kommt, sondern aus der Sünde innerhalb der Kirche entsteht".

Ja, die "Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Innern. Die Sünde existiert im Innern der Kirche", sagte Joseph Ratzinger. Das ließ aufhorchen, da hier erstmals nicht einzelnen Sündern im Priesterrock alle Verantwortung zugeschoben wurde, sondern eine Schuld der ganzen Kirche für die Vergehen während des priesterlichen Dienstes eingeräumt wurde.

Mit der jüngsten Erklärung auf dem Petersplatz versucht der Vatikan erneut, verzweifelt und sehr spät, wieder in die Offensive zu kommen, nachdem er sich nun fast ein halbes Jahr lang eingebunkert hatte vor der Welt da draußen. Wie sehr die Wagenburgmentalität in der Kirchenzentrale am Tiber verbreitet war, zeigte etwa die ungewöhnliche, dafür um so feierlichere Ergebenheitsadresse des Dekans des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano, während der Ostermesse auf dem Petersplatz Anfang April.

Die Missbrauchsdebatte als "grobe Propaganda gegen den Papst"

Der oberste Kardinal sicherte dem Papst da mit klaren Bezug auf die Kritik an ihm wegen des Missbrauchsskandals die Solidarität der Gläubigen gegen das "Geschwätz des Augenblicks" zu: "Die ganze Kirche ist mit Ihnen", sagte er dem Papst. Noch schlimmer war die Vatikanzeitung "Osservatore Romano", die in dieser Zeit die Missbrauchsdebatte lediglich als eine "grobe Propaganda gegen den Papst und die Katholiken" beschrieb.

Diese Strategie des Wegduckens, des Vertuschens und Verleugnens scheint jetzt zumindest an der Spitze der Kirche erst einmal beendet zu sein. Nun aber kommt die Zeit des Blutens - denn klar ist, dass auf die Kirche erneut eine Welle an Entschädigungsforderungen zurollt. Allein in den Vereinigten Staaten hat die katholische Kirche in den Jahren 2007 und 2008 fast eine Milliarde Dollar an Entschädigung gezahlt.

Wie teuer der Missbrauchsskandal für die katholische Kirche in Deutschland wird, ist noch nicht absehbar. Nach den Worten des Papstes auf dem Petersplatz haben die Opfer aber die besten Argumente, sich nicht abspeisen zu lassen.

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