Missbrauchsfälle: Vatikan sieht Papst als Opfer einer Kampagne

Der Vatikan reagiert pikiert auf die Enthüllungen neuer Missbrauchsfälle in Deutschland: Papst Benedikt XVI. solle offenbar unter allen Umständen in die Skandale "hineingezogen" werden. Seit 2001 wurden dem Petersdom 3000 Vorfälle weltweit gemeldet.

"Gewisse Verbissenheit": Papst Benedikt XVI. Zur Großansicht
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"Gewisse Verbissenheit": Papst Benedikt XVI.

Rom - Der Vatikan sieht Papst Benedikt XVI. als Opfer einer Kampagne im Skandal um sexuelle Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in Deutschland. "In den letzten Tagen gab es einige, die mit einer gewissen Verbissenheit in Regensburg und in München nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchs-Fragen mit hineinzuziehen", kritisierte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi am Samstag in Rom. Diese Versuche seien jedoch "gescheitert".

Lombardi bezog sich dabei auf neu bekanntgewordene Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen, die Benedikts Bruder Georg Ratzinger lange Zeit geleitet hatte, sowie auf einen Fall in München, in dem Ratzinger als damaliger Erzbischof von München und Freising der Versetzung eines wegen Kindesmissbrauchs vorbelasteten Priesters von Essen nach München zugestimmt hatte. Der Mann wurde in München wieder in einer Gemeinde eingesetzt, fiel erneut mit pädophilen Handlungen auf und wurde deshalb auch verurteilt.

In dem Münchner Fall sei deutlich, dass der damalige Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger nichts zu tun gehabt habe mit Entscheidungen, "nach denen es später dann zu den Missbräuchen kommen konnte", betonte der Papst-Sprecher. Der frühere Generalvikar Gerhard Gruber in Ratzingers alter Diozöse bezeichnete den Einsatz des Mannes in der Pfarrseelsorge mittlerweile als "schweren Fehler" und übernahm die volle Verantwortung.

300 Priester pädophiler Übergriffe bezichtigt

Gleichzeitig wurde bekannt, dass der Vatikan seit 2001 von rund 3000 Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche aus den vergangenen 50 Jahren erfahren hat. Diese Zahlen nannte ein Vertreter der päpstlichen Glaubenskongregation, Charles Scicluna, am Samstag der italienischen Bischofszeitung "Avvenire".

Von 2001 bis 2010 habe es rund 3000 Beschwerden über Geistliche gegeben. In rund 60 Prozent der Fälle sei es um gleichgeschlechtliche Kontakte gegangen. Bei 30 Prozent der Beschwerden handelt es sich demnach um heterosexuelle Kontakte, nur in zehn Prozent der Fälle gehe es um pädophile Übergriffe Geistlicher. Insgesamt seien in neun Jahren damit 300 von 400.000 Priestern weltweit der Pädophilie bezichtigt worden.

In zehn Prozent der Beschuldigungen, bei denen es sich laut Scicluna um "besonders schwere Fälle mit unzweifelhaften Beweisen" handelte, wurde den beschuldigten Priestern das Recht entzogen, Sakramente wie die Beichte zu spenden. Weitere zehn Prozent hätten selbst darum gebeten. Gegen 60 Prozent der Betroffenen strengte die Kirche seinen Angaben zufolge keine Prozesse, sondern lediglich disziplinarische Maßnahmen an. Der Grund war laut Scicluna meistens das "fortgeschrittene Alter" der Beschuldigten.

Neue Debatte um Zölibat

Angesichts der sich häufenden Meldungen über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche plädiert Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, für eine Aufhebung des Zölibats für Priester. Die Kirche müsse Konsequenzen struktureller Art ziehen und dabei überlegen, ob es kirchenspezifische Bedingungen für den Missbrauch gebe, sagte Glück der "Süddeutschen Zeitung". "Dazu gehört zweifellos eine Auseinandersetzung mit dem ganzen Thema Sexualität, angefangen vom Umgang damit bis hin zur Auswahl des kirchlichen Personals."

Die Lockerung des Pflichtzölibats sei ein Weg, sagte der CSU-Politiker. Allerdings sei das Problem damit allein nicht gelöst.

Papst Benedikt XVI., der sich am Freitag vom Vorsitzenden der Bischofskonferenz Robert Zollitsch über das Ausmaß der Affäre unterrichten ließ, hält dagegen am Zölibat fest. Die Ehelosigkeit der Priester sei ein Geschenk Gottes, das nicht dem Zeitgeist geopfert werden solle, sagte der Papst.

Auch der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke stellt die Pflicht zum Zölibat in Frage. Im Gespräch mit dem "Hamburger Abendblatt" plädierte er dafür, auch katholischen Priestern die Ehe zu erlauben. Eine Koexistenz von Zölibat und verheirateten Geistlichen sollte möglich sein. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der großen Zahl von Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen und dem Zölibat sieht Jaschke aber nicht. "Allerdings kann die zölibatäre Lebensform auch Menschen anziehen, die eine krankhafte Sexualität haben", sagte der katholische Geistliche der Zeitung.

Missbrauch bei den Domspatzen noch in den Neunzigern

Im Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen haben sich unterdessen neue Betroffene zu Wort gemeldet. Ein Ex-Schüler berichtete dem SPIEGEL, dass er bis in die neunziger Jahre sexuelle Gewalt erlebt hätte. Bislang waren nur Fälle aus den fünfziger und sechziger Jahren bekannt. Der Ex-Schüler Thomas Mayer berichtet dem SPIEGEL, er habe sexuelle und körperliche Gewalt bis zum Verlassen des Internats 1992 als allgegenwärtig erlebt.

Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche ist nach Ansicht der Reformbewegung "Wir sind Kirche" eine Entschuldigung von Papst Benedikt XVI. überfällig. "Wir sind enttäuscht, dass der Papst bisher kein mitfühlendes Wort für eine Bitte um Vergebung und Versöhnung gefunden hat", sagte "Wir sind Kirche"-Sprecher Christian Weisner am Samstag in München.

Die Grünen fordern eine unabhängige Untersuchung der Missbrauchsfälle nach dem Vorbild Irlands. "Die Bundesregierung darf die Aufklärung nicht allein der Kirche oder anderen Institutionen wie der Odenwaldschule überlassen", sagte Grünen-Chefin Claudia Roth der "Bild am Sonntag" laut einer Vorabmeldung. Statt Runder Tische müsse sie "eine nationale unabhängige Untersuchungskommission einsetzen und mit den nötigen Mitteln ausstatten". Als Vorbild benannte Roth Irland, wo eine solche Kommission erfolgreich gearbeitet habe.

Kritik am Runden Tisch

Die Bundesregierung lädt zu zwei getrennten Runden Tischen - einem der Familien- und Bildungsministerinnen Kristina Schröder und Annette Schavan (beide CDU) und einem der Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP). Dabei soll es auch um Entschädigungszahlungen gehen.

Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer bezeichnete den Runden Tisch als "Ausdruck von Hilflosigkeit" ohne "parlamentarische Legitimation". An einem Runden Tisch müssten auch Vertreter der Opfer sitzen.

Der Präsident des Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, sagte in der "Rheinpfalz am Sonntag" laut Vorabmeldung, das Problem des Kindesmissbrauchs lasse sich mit Runden Tischen nicht lösen. Die Opfer bräuchten Schadenersatz und eine Erstattung der Therapiekosten, egal wie lange der Missbrauch zurückliege.

yas/Reuters/dpa/AFP/APN

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Forum - Missbrauchsfälle - tut die katholische Kirche genug zur Aufklärung?
insgesamt 9062 Beiträge
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    Seite 1    
1. @all
güti 03.03.2010
1.Bessere Auwahl der Priesteramtskandidaten(überprüfung der Persönlichkeit 2.Längere Ausbildung auch psychologisch 3. Regelmäßig Psychologische Gutachten einholen 4. Regelmäßige geistige(seelsorgerisch) und psychologische Begleitung von Priestern. 5. Höhere Wachsamkeit, 6. Methoden zur Aufklärung von Kindern über diese mögliche Verbrechen entwickeln Was haltet ihr davon ?
2.
Klo, 03.03.2010
Zitat von güti1.Bessere Auwahl der Priesteramtskandidaten(überprüfung der Persönlichkeit 2.Längere Ausbildung auch psychologisch 3. Regelmäßig Psychologische Gutachten einholen 4. Regelmäßige geistige(seelsorgerisch) und psychologische Begleitung von Priestern. 5. Höhere Wachsamkeit, 6. Methoden zur Aufklärung von Kindern über diese mögliche Verbrechen entwickeln Was haltet ihr davon ?
Sind alles gute Ansätze, die allerdings der Prävention dienen. Zur Aufklärung der bereits geschehenen Verbrechen braucht man noch weitere Dinge: 7. Öffnen der kirchlichen Archive für die Staatsanwaltschaft 8. freie Hand für die Ermittlungsbehörden in allen kirchlichen Einrichtungen 9. Aussagen aller Zeugen, auch der Priester 10. Geständnisse und Reue Und schließlich: 11. Bereitschaft, die Täter auszuliefern 12. Aktive Trennung von Tätern und Schutzbefohlenen für alle Zeiten 13. Bereitschaft zur Reform des Kirchenrechts Da gibt es noch viel, war man im Sinne der Menschen und vor allem der Opfer zu könnte. Aber wie immer wird vermutlich gar nichts davon unternommen werden. Das Klo.
3.
Piri 03.03.2010
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Was muss die katholische Kirche zur Aufklärung der Missbrauchsfälle tun?
Zunächst sauber analysieren. Ich habe heute einen sehr sachlich gehaltenen Zeitungsbericht über die Vorfälle in einem Essener Nonnenkloster in die Hände bekommen, nach dessen Lektüre ich wahrscheinlich recht blass war. Die Rede war v.a. von der quälenden Behandlung teils behinderter und sozial benachteiligter Kindern in den 50er und 60er Jahren. Eines wurde dabei noch einmal deutlich: Man muss verschiedene Facetten sehen, die sich möglicherweise in den einzelnen Einrichtungen, aus denen Missbrauchsfälle bekannt geworden sind, anders zusammensetzen. Bezogen auf den Bericht: 1. Der viel beschworene und heute immer auch gern als Alibi für eigenes Tun herangezogenen Zeitgeist ist in Rechnung stellen. Diesen hat die Kirche damals weitaus stärker beeinflusst als heute, aber nicht nur. Wenn die Kinder lediger Mütter als minderwertig betrachtet und auch so behandelt wurden, so ist das sicher auf kirchliche Maßgaben zurückzuführen, die von der Gesellschaft allerdings weitgehend hingenommen wurden. Die Prügelorgien hatten hingegen auch sehr weltliche Ursachen. Sie waren sowohl in den Elternhäusern, als auch in den Schulen gang und gäbe. Beides zusammen genommen führte zu einem Verständnis, das aus heutiger Sicht kriminell ist, damals aber einem anderen Maßstab folgte. 2. Auch auf die Gefahr hin, es mir mit einigen Foristen hier zu verscherzen: Ich möchte keinesfalls verallgemeinern, aber Nonnen waren früher nicht immer nur die freiwilligen Bräute Jesu, die ganz und gar selbst bestimmt, aus tiefer Überzeugung auf ein Leben als Frau und Mutter verzichteten. In so manchem Nonnenkloster herrschte alles andere als eine fröhliche, entspannte Atmosphäre im Dienst des Herrn. Ich habe gravierende Unterschiede zwischen zupackenden Nonnen in der Mission und solchen erlebt, die aus unerfüllter Liebe oder unter dem Druck der Eltern hinter dicken Mauern verschwanden. 3. Unrechtsbewusstsein war natürlich, aber in manchen Dingen erst ab höheren Schwellenwerten entwickelt. Dann setzten wohl in vielen der in Rede stehenden Fällen diejenigen Mechanismen ein, die man aus der täglichen Zeitungslektüre kennt: Ein Subalterner macht Mist, die Etage über ihm erfährt davon und lässt die Akten verschwinden, irgendjemand meldet das Ganze nach oben, Schweigeorder mit Belohnung und /oder Drohungen , die Sache fliegt doch auf, der Chef will nichts gewusst haben und opfert einen Bauern. Menschen sind von niederen Instinkten nicht frei. Menschliches Macht-, Rangordnungs- und Territorialverhalten ist ein potenter Widersacher altruistischen Denkens. In der Regierung, in der Wirtschaft, an Institutionen wie der Schule, und auch an Klöstern. Dem Zorn muss nun eine ehrliche, umfassende Analyse folgen, die nicht so angelegt sein darf, dass man den Missbrauchsskandal aus seinem u.U. vielschichtigen Kontext herauslöst. Sonst kann man ihn weder gerecht ahnden, noch eine sinnvolle Prophylaxe betreiben. Die Zeit ist inzwischen fortgeschritten, das Denken von damals überholt, es gelten andere Maßstäbe. Diese sind, was Pädophilie betrifft, gottlob strenger (was nicht jedem gefällt, siehe HU). Was die allgemeine Sexualisierung betrifft, sind sie hingegen so lasch wie nie zuvor. Hierüber sollte ebenso schonungslos gesprochen werden, damit in Zukunft keine Schäden auftreten, die wir jetzt vermeiden können.
4.
Markus Heid, 03.03.2010
Zitat von sysopDie Diskussion über die Missbrauchsfälle in Einrichtungen der katholischen Kirche hält an. Was muss die katholische Kirche zur Aufklärung der Missbrauchsfälle tun?
Verstehe die Frage nicht. Genau so gut könnte man fragen "Was muss die Mafia zur Aufklärung der eigenen Verbrechen tun?". Der Rechtsstaat ist gefordert. Wieder einmal hat sich erwiesen, dass religöse Gemeinschaften zu gefährlich sind, um sie eigenständig agieren zu lassen. Aber das ist keine neue Erkenntnis. Zu dieser Einsicht ist schließlich schon Otto von Bismark gekommen.
5.
soulseeker 03.03.2010
Unfassbar, was im Namen der Kirche immer wieder aufgedeckt wird. Noch unfassbarer, dass die Kirche auch heute noch so viel Mitspracherecht hat und sowohl Kirche als auch deren Anhänger zum Teil immer noch nicht in der Gegewart angekommen sind. Wenn ich von solchem kranken Mist wie Zölibat lese, Missbrauch durch Prieser, Züchtigungen und Demütigungen kann man die gesamte Institution doch nur in Frage stellen. Und das alles im Namen Gottes? Na herzlichen Dank, ist bestimmt echt super im Himmel.
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