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Missbrauchsnotruf-Betreuerin Gedächtnis der gequälten Seelen

Katharina B.: Das Ohr des Missbrauchs
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2. Teil: "Wenn ich austrete, kann ich ihm gar nicht mehr ans Bein pinkeln"

Katharina B. formuliert akkurat, schnitzt jeden einzelnen Satz mit großer Präzision, das ist ihr Kapital. Es können Halbsätze sein, die einen Redefluss am anderen Ende des Hörers vertrocknen lassen, die ein gutes Gespräch abrupt beenden. Es ist ein sorgsames Vor- und Abtasten, wie ein Blinder muss sich B. im Leben der Anonymen orientieren: Welche Frage kann ich stellen? Wie bringt man einen Mann, der vorgibt, den Missbrauch nur beobachtet zu haben, dazu einzugestehen, dass er selbst der Täter ist?

"Ich muss sie zum Reden bringen", sagt B. schlicht. Sie ist keine Psychologin, keine Therapeutin, keine Kirchenfrau, keine offiziell Beauftragte. Sie ist nur das Ohr des Elends. Frau Katharina läuft beim Telefonieren umher, mal sitzt sie in der Küche mit dem sperrigen Sofa, dann wieder im Arbeitszimmer, das bis unter die Decke voll ist mit Büchern. Manchmal, bei schönem Wetter, geht sie raus in den Garten. Aber nur, wenn nicht die Gefahr besteht, jemand könnte mithören.

Das, was B. erfährt, bleibt bei ihr. Sie läuft keine Gefahr, sich zu verplappern - denn niemand weiß, dass sie hier, in ihrer Oase der Ruhe, so etwas ist wie das Missbrauchsgedächtnis der katholischen Kirche. Bei ihr landen die Schandtaten, die Kirchenmänner und -frauen begangen haben. Und bei ihr, in diesem liebevoll eingerichteten Haus mit Backformen und Kreuzen an der Wand, versacken sie wie in einem Vakuum.

Aus dem Haus dringt nichts - nur die Musik, wenn B. einmal die Luft von draußen und die Musik aus den Boxen durch die Räume dringen lässt. Es ist, als würde sie ihre Seele durchlüften.

"Meine Kirche hat mich so enttäuscht"

Es gibt einen Ordner, schwarz und aus Plastik. Ein gelber Klebezettel ist darauf gepappt, auf ihm steht "Opfer!". B. macht sich verschlüsselte Notizen, denn sie weiß nie, ob jemand ein zweites Mal anrufen wird, oder gar ein sechstes und siebtes Mal. Die Notizen versteckt sie in einem Zimmer, das sie eigens abschließt, wenn sie nicht zu Hause ist. "Wenn ich einmal so alt bin, dass ich sterbe, werde ich all die Unterlagen verbrennen."

B. macht all das freiwillig, ehrenamtlich, unentgeltlich. Bis zu acht Stunden am Tag, in den Hochzeiten Anfang des Jahres hat sie sich wochenlang von Toastbrot ernährt. Sie hatte alles für das Mittagessen eingekauft, doch kaum lag das Schnitzel in der Pfanne, schrie das Telefon schon wieder. So blieb das Fleisch auf dem Herd liegen, roh und unbeachtet. Und B. telefonierte. Sie engagierte sich sogar eine Hilfe für den Garten. Der ist eigentlich ihr Fluchtpunkt, nie zuvor hatte die Rentnerin für die Arbeit fremder Unterstützung bedurft. Doch es war nicht mehr anders möglich.

Ettal, Canisius, die Regensburger Domspatzen - altehrwürdige Institutionen der katholischen Kirche wurden zu Chiffren des Missbrauchs. Beinahe täglich kamen neue Fälle ans Licht. An diesen Tagen im Frühjahr verlor B. ihr Gefühl für Zeit. Kaum hatte sie aufgelegt, klingelte das Telefon erneut. Manchmal bis abends um acht. Wenn sie nicht mehr konnte, schaltete sie den Anrufbeantworter ein. Sobald die rote Lampe blinkte, flammte auch ihr schlechtes Gewissen auf.

B. kämpft gegen die Institution Kirche, die Betroffene mit dürren Worten abspeist und den Missbrauchsskandal "aussitzen will", sagt sie. Sie kämpft gegen diese Kirche, weil sie "ihre Kirche" retten will. Als junge Frau hatte sie geschworen, auszutreten, sollte Josef Ratzinger, dieser Konservative, je Papst werden. Am Tag des Konklaves saß sie fassungslos vor dem Fernseher, "Habemus Papam", sagte Kurienkardinal Jorge Arturo Medina Estevez.

Und B. dachte: "Um Himmels Willen, nicht Ratzi-Fatzi! Meine Kirche hat mich so enttäuscht."

Mit ihrem Vorhaben musste sie trotzdem brechen, wenn auch sehr ungern, denn B. ist eine stolze Frau. Es war die Wahl zwischen Elend und Ohnmacht. Sie hat sich für das Elend entschieden: "Wenn ich austrete, kann ich ihm ja gar nicht mehr ans Bein pinkeln." Sie blieb.

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Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs
Das "Wir sind Kirche"-Nottelefon hat die Rufnummer 0180-3000862. Die Hotline wurde 2002 eingerichtet. Bei dieser von der Kirche unabhängigen Anlaufstelle können Opfer über ihre Erfahrungen sprechen. Ihnen werden dann weitere Beratungsstellen genannt. Auf Wunsch der Opfer gibt Katharina B. den Namen des Täters ans Bistum weiter.






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