Missbrauchsskandal bei der BBC: Die Demaskierung des Jimmy Savile

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Jimmy Savile war jahrzehntelang der Pop-Onkel Großbritanniens, ein bisschen schräg, ein bisschen zu laut, aber mit einem guten Herzen. Nach seinem Tod stellt sich heraus: Über Jahre missbrauchte der BBC-Moderator offenbar Kinder und Jugendliche. Der Sender schwieg damals - und tat es bis heute.

Verstorbener Kult-Moderator: Der Missbrauchsskandal um Jimmy Savile Fotos
Getty Images

Die Attribute, mit denen die Nachrufe für Jimmy Savile überschrieben waren, konnten sich sehen lassen. Ein herausragender Discjockey sei er gewesen, eine Fernsehikone, ein unermüdlicher Kämpfer für die gute Sache. Rund 40 Jahre lang arbeitete Savile für die BBC, er war die Stimme Großbritanniens, vor allem der Jugend, egal wie alt er selber war. Er war das Gesicht der Chart-Show "Top of the Pops", Erfinder des Familienprogramms "Jimm'll fix it", in dem er Kindern ihre Träume erfüllte.

Er war ein guter Freund Margaret Thatchers, mit der er allweihnachtlich essen ging, wurde von der Queen zum Ritter geschlagen, vom Hochbegabtenverein Mensa aufgenommen, von den Fans geliebt, von den Stars hofiert. Jimmy Savile war der Mann mit den flusig gefärbten Haaren und der lilafarbenen Sonnenbrille, mit dem Jogginganzug und den Klunkern.

Er war ein Clown, aus der Zeit gefallen, eine Karikatur seiner selbst. Laut, schrill, bunt. Er war Kriegskind, Marathonläufer, Muttersohn, ein Gönner, der 40 Millionen Pfund an Krankenhäuser und Schulen spendete. Und die Kinder dort offenbar zu Oralsex und Geschlechtsverkehr zwang. In den Nachrufen stand davon nichts. Spekuliert aber wurde darüber schon lange vor Saviles Tod; auch die Polizei hatte bereits zu seinen Lebzeiten ermittelt - aber die Staatsanwaltschaft hatte keine Anklage erhoben.

Als Jimmy Savile am 29. Oktober 2011 im Alter von 84 Jahren starb, beerdigte Großbritannien die BBC-Legende, den komischen Vogel und passionierten Gutmenschen. Nicht den Pädophilen.

Es gab Gerüchte - doch niemand versuchte sie zu erhärten

Wenig später nahmen Reporter des BBC-Programms "Newsnight" die Arbeit auf. Sie mündete in einen Beitrag, der nicht weniger war als eine Demaskierung des lustigen Pop-Onkels. Der Film war zugleich eine Demontage der BBC, dieser altehrwürdigen, urbritischen Institution, die Savile jahrzehntelang nicht nur groß gemacht, sondern auch geschützt hatte. Die Geschichte Jimmy Saviles ist untrennbar verknüpft mit der Geschichte der BBC. Doch der Beitrag über den Pädophilen Jimmy Savile wurde bei der BBC nicht wie geplant im November ausgestrahlt, sondern von dem verantwortlichen Leiter des Programms "Newsnight", Peter Rippon, gestoppt. Die wahren Gründe versuchen inzwischen mehrere Kommissionen zu ergründen. Der Journalist ist suspendiert.

Rippon musste stellvertretend für die BBC mit ihren rund 20.000 Mitarbeitern die Verantwortung tragen, der sich jahrzehntelang niemand gestellt hatte. Die Polizei ermittelt inzwischen in Hunderten Fällen des sexuellen Missbrauchs, rund 200 mutmaßliche Geschädigte haben sich gemeldet, Scotland Yard spricht von "Missbrauch nicht gekannten Ausmaßes".

Saviles Geschichte erschüttert die Briten, weil sie Vertrauen zerstört: dass ein Prominenter wie Savile, der einen Großteil seines Vermögens spendete, zu solchen Taten fähig ist; seine Prominenz gar nutzte, um sie zu begehen; Mädchen und offenbar auch Jungen gezielt in seine Umkleide lockte, um sie zu missbrauchen.

Savile verbarg seine Neigung hinter Schrulligkeit

Sie sind erschüttert, weil es Gerüchte gab, die niemand versuchte zu erhärten. Es blieb bei einem Raunen. In Artikeln, die lange vor Saviles Tod erschienen sind, finden sich Andeutungen, Wortspiele. Fragen werden aufgeworfen, doch ganz offenbar hat sie niemand beantwortet.

Die Briten sind entsetzt, weil es Savile jahrzehntelang gelang, seine Taten zu verbergen. Am wenigsten ist das den Opfern vorzuwerfen, die Savile offenbar systematisch in den Einrichtungen rekrutierte, die er mit viel Geld unterstützte. Er tat, was viele Pädophile tun: Er suchte die Nähe von besonders verletzlichen Kindern und Jugendlichen; in Heimen, Krankenhäusern. Die Labilität der Opfer schützt die Täter auf besonders perfide Art. Savile war übermächtig groß in ihrer Gegenwart. Er hatte noch ein bisschen mehr Macht als ohnehin schon. Und er musste die Enttarnung noch weniger fürchten. Wer glaubt schon einem Mädchen, das eine Schule für schwer Erziehbare besucht? Savile kaschierte seine Neigung gekonnt mit viel Schrulligkeit und Extravaganz.

Die Briten schockiert, dass es nun, nach Saviles Tod, offenbar Beweise gibt für sein Handeln. Es gibt Gesichter zu den Gerüchten. Wie das von Karin Ward, die den Journalisten von "Newsnight" von ihren Erfahrungen berichtete. Die schütteren grauen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, sitzt sie auf einer Couch und sagt mit monotoner Stimme Sätze wie: "Ich sollte ihn (Savile - d. Red.) anfassen, streicheln, oral befriedigen. Aber ich wollte das nicht. Und er versprach mir, dass ich und meine Freundin dann in seine Sendung kommen dürfen. (…) Ich war 14. Natürlich wollte ich in die Fernsehsendung. Aber ich wollte ihn nicht oral befriedigen. Aber ich habe es gemacht. (…) Ich ekele mich so vor mir selbst, ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich gemacht habe. Ich kann noch immer nicht glauben, dass ich nicht sofort von den Dächern geschrien habe: Aufhören! Aufhören! Es soll aufhören!"

Durch die Selbstzensur steht die BBC im Verdacht, Savile geschützt zu haben

Mindestens genauso erschreckend wie die Tatsache, dass es den Missbrauch durch Savile in offenbar großem Umfang gegeben hat, ist für die Briten die Tatsache, dass ausgerechnet die BBC es war, die Wards Worte ein Jahr lang unter Verschluss hielt. Der im November 2011 gedrehte Beitrag wurde erst jetzt ausgestrahlt - nachdem der private Sender ITV am 3. Oktober ein Stück über den Pädophilen Savile gesendet hatte. In einem Beitrag arbeitete in dieser Woche nun das BBC-Format "Panorama" die Versäumnisse innerhalb des Senders auf - und zeigte das bislang zurückgehaltene Material aus dem November 2011.

Es ist, als habe die BBC, indem sie den eigenen Beitrag stoppte, Savile postum ein weiteres Mal gewähren lassen. Als habe sie ein weiteres Mal weggeschaut, belastende Informationen gar zurückgehalten, um sich nicht der eigenen Geschichte zu stellen. Denn der Missbrauch soll in mehreren Fällen auf dem Gelände des Senders passiert sein. Es wirkt so, als habe man versucht, an der Fernsehikone Savile festzuhalten. Als habe ihn die übermächtige BBC über seinen Tod hinaus geschützt - und die Opfer so ein weiteres Mal missbraucht: für die Interessen des Senders. Die Vertuschung ist der Grund, warum die Debatte in Großbritannien derzeit so heftig geführt wird. Warum wurde die Ausstrahlung gestoppt? Und wer ordnete das an?

Durch die Selbstzensur deckte die BBC den Täter, das System, dessen Teil sie war. Denn nur im Schutze der riesigen Einrichtung konnte Savile sich sicher wähnen.

Dem "Guardian" sagte er im April 2000: "Ich habe mich immer daran gehalten, das Leben nur in kleinen Schlucken zu genießen, aber es nie herunterzustürzen. Gott beschütze die Frauen. Sie sind phantastisch! Aber nur, so lange du sie nur in Schlückchen genießt. (…) Und dann gehst du alleine ins Bett und wenn du aufwachst, bist du nicht desillusioniert." Der Journalist der Zeitung fragte ihn damals, ob er nie die Nacht mit jemandem verbracht habe. "Beim Campen", antwortete Savile. Und mit einem Sexualpartner? "Nicht wirklich."

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insgesamt 20 Beiträge
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1. ein Kind zu sein, die Kindheit, das sind die göttlichsten und wichtigsten
2049er 24.10.2012
Momente im Leben eines jeden Menschens. Wer diese Zeit zerstört oder andere beim Zerstören schützt, gehört nicht in diese Welt.
2.
roflem 24.10.2012
ein Kind zu sein, die Kindheit, das sind die göttlichsten und wichtigsten Momente im Leben eines jeden Menschens. Wer diese Zeit zerstört oder andere beim Zerstören schützt, gehört nicht in diese Welt. vielen dank für diesen guten Kommentar. Die BBC reiht sich nahtlos in die Katholische Kurie ein, die sich genauso verhalten hat. vertuschen, verschweigen, verhindern. Genau deswegen geht es weiter...
3. Bitte...
anomie 25.10.2012
Zitat von 2049erMomente im Leben eines jeden Menschens. Wer diese Zeit zerstört oder andere beim Zerstören schützt, gehört nicht in diese Welt.
...profilieren sie sich nicht auf kosten der missbrauchten.
4. während die körperliche Grausamkeit
mhwse 25.10.2012
die von Männern verübt wir noch relativ leicht nachzuweisen ist, ist es mit der seelischen Grausamkeit die von Frauen in leitenden Positionen an Kindern (oft männlichen Geschlechts) verübt wird, schon wesentlich schwieriger .. Wer glaubt schon einem Jungen mit schlechten Leistungen, dass er von der Schulleiterin gemobbt wird? ("Der ist sicherlich nur faul.") Die meisten Leiter von Einrichtungen die sich mit Kindern beschäftigen sind nun mal Frauen...
5.
wakaba 25.10.2012
Saville ist wohl nur Teil des pädophilen Netzwerkes der BBC. Das Programm ist proppenvoll mit Kindershows mit "suspekten" Hosts. TV-Sender sind ein Sammelbecken für Selbstdarsteller mit problematischen Neigungen.
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