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Missbrauchsskandal: Zahl der Kirchenaustritte 2010 deutlich gestiegen

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Es ist Ausdruck des Unmuts: Nach den Missbrauchsfällen im vergangenen Jahr sind 180.000 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik könnte ihre Zahl damit höher liegen als die der kirchenmüden Protestanten.

Kirchenaustrittsschild auf der Frankfurter Buchmesse: Bezifferbarer Schaden Zur Großansicht
dapd

Kirchenaustrittsschild auf der Frankfurter Buchmesse: Bezifferbarer Schaden

Hamburg - Viele hatten sich mehr erhofft im Juni 2010. Im Januar waren die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg bekannt geworden, es folgten immer neue Nachrichten über Heime, Internate, Gemeinden an denen Kinder von Geistlichen missbraucht worden waren. Betroffene äußerten sich öffentlich, viele sprachen erstmals über das Unrecht, das ihnen widerfahren war. Doch der Papst schwieg. Viele zähe Wochen lang.

Beim Ökumenischen Kirchentag dann endlich eine Botschaft des Kirchenoberhaupts. "Es gibt das Unkraut gerade auch mitten in der Kirche und unter denen, die der Herr in besonderer Weise in seinen Dienst genommen hat", ließ Benedikt XVI. per Botschaft verlautbaren. Echte Anteilnahme sieht anders aus, monierten viele Christen.

Der Schaden für die katholische Kirche war enorm, so viel stand fest. Beziffern ließ er sich allerdings nicht. Die Rede war von verlorengegangenem Vertrauen, von einem Verlust der Glaubwürdigkeit. Schon rund vier Wochen nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle ergab eine repräsentative Umfrage des "Kölner Stadt-Anzeigers", dass nicht mal ein Drittel der Deutschen die Kirche für ehrlich hielten. Für eine Organisation, deren Kapital der Glaube ist, verhängnisvoll.

Genauer ließ sich der Schaden, der der Kirche durch vertuschen, leugnen und schweigen entstand, zunächst nicht beziffern. Nun aber liegen erstmals Zahlen vor, die belegen, wie viel Vertrauen die Missbrauchsfälle und das viel zu späte, teilweise dilettantische Krisenmanagement die katholische Kirche gekostet hat.

Rund 180.000 Menschen haben die Kirche 2010 verlassen. Die Zahl derer, die ihr den Rücken gekehrt haben, auf dem Papier aber noch immer Mitglied sind, dürfte weit höher liegen.

"Jeder Austritt ist für uns ein menschlicher Verlust"

Die Zahl beruht auf einer Umfrage der "Zeit"-Beilage "Christ&Welt" in den 27 deutschen Bistümern. 24 von ihnen nannten Zahlen, die Diözesen Freiburg, Hildesheim und Limburg äußerten sich nicht. Insgesamt sind es 50.000 Austritte mehr als 2009, das entspricht einem Anstieg von rund 40 Prozent.

Erstmals könnten in der Geschichte der Bundesrepublik damit mehr Katholiken als Protestanten aus der Kirche ausgetreten sein: Nach Schätzungen der Evangelischen Kirche in Deutschland werden die Kirchenaustritte 2010 leicht unter 150.000 liegen.

Kaum sind die Zahlen veröffentlicht, ist die Rede erneut vom Vertrauen, gerade so als handle es sich um ein abstraktes Gut, dass der Kirche auf wundersame Weise abhanden gekommen sei - und dass man auf genauso wundersame Weise wieder zurückgewinnen könne.

"Jeder Austritt ist für uns ein vor allem menschlicher Verlust", sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Die Krise des vergangenen Jahres sei nicht wegzureden, aber: "Wir schauen nach vorne." Die katholische Kirche wolle die verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

"Das ist schmerzlich für uns, weil offenbar viele Menschen den Kirchenaustritt als ihre persönliche Form des Protests und der Abscheu vor diesem Skandal gewählt haben", sagte der Kölner Generalvikar Dominik Schwaderlapp "Christ und Welt".

"Wir bitten Gott und die Menschen inständig um Vergebung"

Wie aber will die Kirche die Menschen zurückholen? Was tut sie, um nach vorne zu schauen? Kopp verweist auf den unter deutschen Bischöfen angestoßenen "Gesprächsprozess". "Wir werden alles tun, um die Austrittszahlen wieder geringer werden zu lassen", sagte er. Dass aber reden alleine hilft, kann bezweifelt werden.

Denn viel zu lange haben die Kirchenoberen im vergangenen Jahr geschwiegen. Es waren nicht alleine die Missbrauchsfälle, die dazu führten, dass die Menschen sich von der Kirche abwandten. Viele der Fälle lagen Jahrzehnte zurück, waren aus juristischer Sicht lange verjährt. Es war vielmehr die Art und Weise, wie die katholische Kirche mit dem Thema umging - man blieb in der Deckung, statt die Missstände offen anzuprangern und den Tätern habhaft zu werden. Lange geschah nichts.

Täter wurden geschützt, oft mit Verweis auf ihr Alter. Verfahren würden intern nach Kirchenrecht abgewickelt, das diene dem Schutz der Opfer, hieß es. Vielen Betroffenen erschien es eher wie eine Verhöhnung. Hölzern wirkte die Entschuldigung, die Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, bei der Frühjahrskonferenz im Februar verlas.

Das Verhalten haben viele Opfer als besonders infam erlebt. Statt aus der Kirche auszutreten haben sie versucht, als Teil der Kirche für ihre Rechte zu kämpfen. Nicht selten handelte es sich bei den Missbrauchten und Männer und Frauen, die in der Obhut von Ordensschwestern oder Mönchen aufgewachsen waren. Die Kirche verging sich an denen, die sie eigentlich schützen sollte, die ihr anvertraut waren. Das hat die Aufarbeitung für viele Opfer besonders erschwert.

Wochen dauerte es, bis der Papst sich überhaupt erstmals zu den Missbrauchsffällen äußerte - so verklausuliert, dass Vatikan-Sprecher Federico Lombardi bemüht war zu betonen, der Papst habe tatsächlich die Missbrauchsfälle gemeint, als er sagte: "Angesichts der Angriffe der Welt, die über unsere Sünden spricht, erkennen wir die Notwendigkeit zur Buße, erkennen, was in unserem Leben falsch ist." Das war bei einer Messe im Vatikan im April 2010.

Im Juni folgte schließlich die deutlichste Bitte um Entschuldigung: "Wir bitten Gott und die Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, dass wir alles tun wollen, um solchen Missbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen." Es war der Versuch, nach Monaten der Defensive wieder in die Offensive zu gehen - vermutlich Monate zu spät.

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