Missbrauchsstudie der Bischofskonferenz Dunkelkammer Kirche

Die katholische Kirche stellt ihre umstrittene Studie zu sexuellem Kindesmissbrauch vor. Welche Tätertypen haben die Forscher identifiziert? Und wie reagieren die Betroffenen?

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"Man kann nicht an Gott glauben und gleichzeitig Mafioso sein", predigte Papst Franziskus unlängst in Palermo. Das sehen Menschen, die von katholischen Geistlichen missbraucht wurden, bisweilen anders.

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Heft 39/2018
Der Papst und die katholische Kirche in ihrer größten Krise

Mitte September kamen in Berlin Betroffene zu einem Kongress zusammen - und einige sind der Meinung: Die Kirche selbst ist eine kriminelle Organisation mit mafiösen Strukturen, die Missbrauch provoziert, toleriert und vertuscht. Ein Staat im Staate mit strikten Hierarchien, einem verqueren Elitedenken, Vasallentreue und Omertà, Verschwiegenheit bis in den Tod.

Es ist ein Verdienst der Überlebenden klerikalen Missbrauchs, dass immer mehr Licht in die Dunkelkammern kirchlicher Kriminalität gedrungen ist. Ihre Berichte, etwa über systematische Misshandlungen und Vergewaltigungen bei den Regensburger Domspatzen, haben greifbar gemacht, wie perfide Kinder im System Kirche malträtiert und fürs Leben gezeichnet wurden.

Es gibt zahlreiche, methodisch sehr unterschiedliche Studien zu Missbrauch in katholischen Einrichtungen. Die jüngste wurde von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben und soll heute präsentiert werden. Der SPIEGEL hatte über die wichtigsten Ergebnisse vorab berichtet - das Studium der gesamten Untersuchung bestätigt nun ihre Schwächen.

Kirche blockiert Aktenzugang

So ist es hochproblematisch, dass die beteiligten Forscher keinen direkten Zugriff auf Personalakten oder Archive hatten. Sie mussten vielmehr mit der Auswahl an Dokumenten vorliebnehmen, die von Diözese-Angestellten getroffen worden war.

Zweifel an der Vollständigkeit sind berechtigt - in mindestens zwei Diözesen wurden schon vor Studienbeginn nachweislich Akten vernichtet oder manipuliert. Weil die Mehrzahl nicht mit Seitenzahlen versehen war, sei es ein Leichtes gewesen, Teile daraus zu entfernen, schreiben die Autoren der Studie. 13 von insgesamt 27 untersuchten Diözesen wussten nichts von einer Aktenvernichtung - wollten sie aber auch nicht ausschließen.

Etliche Straftaten dürften erst gar keinen Eingang in die Personalakten gefunden haben, weil sie aktiv vertuscht oder nie entdeckt wurden. Die Autoren wissen, dass eine Personalaktendurchsicht quantitativ nur bedingt aufschlussreich ist: "Drei Viertel der Fälle bleiben im Dunkeln."

Die Studie ist also weder repräsentativ noch vollständig unabhängig. "Es ist, als würde Dracula eine Blutbank erforschen", sagt Peter Saunders, selbst Betroffener klerikalen Missbrauchs und geschasstes Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission.

Die beteiligten Forscher haben versucht, aus der schlechten Ausgangslage das Beste herauszuholen. Insgesamt 38.156 Personal- und Handakten wurden auf Hinweise zu Sexualstraftätern untersucht. Letztlich machte man 1670 tatverdächtige Kleriker aus, mindestens 3677 Minderjährige sollen zwischen 1946 und 2014 in allen deutschen Diözesen missbraucht worden sein. "Das ist nur die Spitze des Eisberges", sagt Saunders.

Dennoch offenbart das Hellfeld Einblicke - vor allem in die Welt der Täter. Die Forscher haben Interviews mit 50 Beschuldigten geführt, sie haben Strafakten analysiert und nicht beschuldigte Kleriker befragt, um Vergleichswerte zu bekommen. Der Haken: Die Gesprächspartner haben einem Interview freiwillig zugestimmt - die Anzahl der renitenten Straftäter unter ihnen dürfte gering sein. Auch ist die Vergleichsgruppe zahlenmäßig kleiner.

Die Forscher haben drei Tätertypen ausgemacht:

Kirchliche Missbrauchsstudie: Die Tätertypen
Fixierter Typus
Der fixierte Tätertyp wird früher straffällig, ist häufiger Mehrfachtäter und eher pädophil veranlagt - seine Opfer sind im Durchschnitt 10,6 Jahre alt. Für ihn ist die katholische Kirche attraktiv, weil sie Kontaktmöglichkeiten zu Minderjährigen bietet. Die Autoren betonen: Pädophile Präferenzstörungen münden nicht zwangsläufig in Missbrauchshandlungen, sondern können kontrolliert oder kompensiert werden, etwa durch Weiterbildung, Supervision, Gesprächsgruppen oder Psychotherapie.
Narzisstisch-soziopathischer Typus
Vertreter des narzisstisch-soziopathischen Tätertyps sind durchsetzungsstark und dominant. Sie zeigen auch bei schweren Tatbeständen kein Unrechtsbewusstsein. Sie nutzen ihre Amtsautorität bewusst, um Taten anzubahnen oder zu vertuschen. Diese Persönlichkeiten sollten den Autoren der Studie zufolge rechtzeitig identifiziert werden, weil sie nicht für ein kirchliches Amt geeignet seien.
Regressiv-unreifer Typus
Der regressiv-unreife Typus ist eher homosexuell. Er wird relativ spät nach der Priesterweihe straffällig und zeigt psychosoziale Defizite sowie sexuelle Unreife. Angesichts der katholischen Sexualmoral und Homophobie wählt er häufig ein Leben als Priester, da es ihm als Ausweg aus einem Dilemma erscheint: ein Leben unter Männern, aber ohne Sünde. Beschuldigte des regressiven Typus machten am häufigsten die Kirche mitverantwortlich für ihre Tat. Bei diesem Typus ist laut Studie vor allem eine bessere Priesterausbildung gefordert, eine Tabuisierung von Homosexualität sollte vermieden werden.

Was alle drei Typen vereint: Sie nutzen die Gutgläubigkeit ihrer minderjährigen Zöglinge gezielt aus, von denen 40 Prozent erklärten, sie hätten ein besonderes Vertrauensverhältnis zu ihrem späteren Peiniger gehabt. Was sagen die befragten Beschuldigten?

  • 33 der 50 Beschuldigten bagatellisierten ihre Tat, oft wurden die Folgen für die Opfer unterschätzt.
  • Die Hälfte interpretierte das Geschehen als einvernehmlich.
  • Fast ein Drittel fühlte sich gar "provoziert" und "verführt".
  • Acht führten ihre Tat auf eine psychische Krankheit zurück, weshalb sie nur bedingt verantwortlich seien.
  • Vier bestritten die Tat.
  • 18 deuteten sie als eine Prüfung Gottes, die sie nicht bestanden hätten. Diese Befragten erhofften sich Vergebung von Gott und Gnade von der Kirche.

Der Studie zufolge nutzten die Beschuldigten die Beichte nicht nur als Möglichkeit, ungestört übergriffig zu werden. 38 Prozent von ihnen beichteten auch ihre eigenen Missetaten. In diesem Zusammenhang sollten Priester darauf aufmerksam gemacht werden, welche Möglichkeiten sie haben, auf Geständnisse schwerster Sexualstraftaten zu reagieren. Laut Kirchenrecht wird die Verletzung des Beichtgeheimnisses mit Exkommunikation belegt. Ein Priester kann aber bei fehlender tätiger Reue die Absolution verweigern und zum Beispiel auf eine Selbstanzeige des Täters hinwirken.

Selbstmitleid

Ein großer Teil der Beschuldigten fühlte sich nach Bekanntwerden der Tat von der Kirche unzureichend geschützt, ausgegrenzt und nicht verstanden. Ebenfalls beklagt wurden die durch den Tatvorwurf erlittenen gesellschaftlichen, beruflichen oder psychischen Nachteile. Häufig fehlte es den Befragten an Empathie für die Opfer, gut zwölf Prozent setzten die Betroffenen sogar herab und bezichtigten sie der Lüge.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer sollte die kirchliche Studie ursprünglich durchführen, stieg aber aus, als klar wurde, dass man ihn zensieren wollte. Er lobt, dass die Autoren der Studie die Folgen des Klerikalismus gut herausgearbeitet haben. Die Grundhaltung vieler Priester, zwischen Gott und dem Volk zu stehen, etwas Besonderes zu sein, habe bei den Tätern zur Folge, dass sie glaubten, das Recht zu haben, ihre sexuellen Bedürfnisse an Kindern zu befriedigen.

"Diese Überheblichkeit kommt aus einem falschen Verständnis des Priesterberufs, aber auch aus der extremen Hierarchie der Kirche. Nach oben bücken, nach unten treten", sagt Pfeiffer. Die "Machtasymmetrie zu den Betroffen" sei maximal, die Folgen gravierend, schreiben die Autoren der Studie.

Der kirchliche Missbrauch dauert an, überall auf der Welt, weil die Strukturen, die ihn ermöglichen, die gleichen sind. Dennoch ist zu beobachten, dass in Deutschland die Zahl der Beschuldigten seit den fünfziger bis in die achtziger Jahre hinein am höchsten war und seitdem abgenommen hat. Für Pfeiffer eine logische Entwicklung: "In dieser Zeit größter sexueller Verklemmung war Missbrauch häufiger." Damals sei Homosexualität noch strafbar gewesen, viele Missbrauchstaten seien Ersatzhandlungen an Kindern gewesen, weil der originäre Wunschpartner nicht zur Verfügung stand.

"Je liberaler der Umgang der Gesellschaft mit Sexualität wurde, desto leichter wurde es für Priester, ihre Sexualität zu leben", sagt Pfeiffer. Laut Studie geben 56 Prozent der Beschuldigten an, der Zölibat sei ihnen bei der Berufswahl "ziemlich egal" gewesen.

Der wahre Skandal, den die Studie aufdeckt, ist der unterschiedliche Umgang mit Missbrauchsfällen in den verschiedenen Diözesen. In einem Viertel der Bistümer war eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft nicht obligatorisch, ein Drittel verzichtete offenbar auch auf eine Meldung an die Glaubenskongregation in Rom. In knapp 30 Prozent der Diözesen war ein kirchenrechtliches Verfahren nicht vorgeschrieben.

Der Geiz der Betuchten

Noch ärgerlicher ist der ungleiche Umgang der Bistümer mit den Betroffenen. Seit 2010 können Missbrauchsopfer "Leistungen in Anerkennung des Leids" beantragen. Ursprünglich wollte die Kirche die Täter zur Kasse bitten. Wenn diese nicht zahlen wollten oder konnten, wurde ein Regelbetrag von 5000 Euro in Aussicht gestellt. Insgesamt zahlten die Diözesen etwa 5,5 Millionen Euro - eine lächerliche Summe in Anbetracht des Kirchenvermögens, das Kritiker auf bis zu 200 Milliarden Euro geschätzt haben.

Die regionalen Unterschiede waren immens: Das Bistum mit den geringsten Leistungen zahlte 4000 Euro, das mit den höchsten 736.000 Euro. Zwanzig Diözesen gaben an, auch für Anwalts- oder Gutachtenkosten und Kosten für Psychotherapien aufgekommen zu sein. Die Kriterien der Bewilligung oder Bemessung sind aber auch hier intransparent.

"Das ist das zentrale Problem", sagt Kriminologe Pfeiffer, "das Riesenspektrum an Ungleichbehandlung der Opfer und die Gesichtslosigkeit derer, die Aufarbeitung verhindern und Präventionsansätze schlampig oder gar nicht umsetzen." Es gebe viele Bischöfe, die Schuld auf sich geladen hätten. "Aber wir wissen nicht, wer es ist." Dabei müssten eben diese Geistlichen ausgetauscht und durch glaubwürdige Nachfolger ersetzt werden. "Die organisierte Verantwortungslosigkeit muss ein Ende haben."

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