Modellprojekte: Kinderschützer und Kinderklauer in einem Boot

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Wohin sollen Kinder psychisch Kranker gehen, wenn die Eltern im Wahn versinken? Wer hilft ihnen, im Notfall richtig zu handeln? Ein Modellprojekt im schwäbischen Günzburg bringt Psychiatrie und Jugendamt gemeinsam an den Start - erfolgreich.

Luke und Lena sind hübsche, ein wenig blasse Kinder mit großen, klugen Augen. Sie haben Pläne, wollen Künstler werden oder Forscherin, heiraten und selber Kinder kriegen. Dass es ihnen auch angesichts eines schwer suizidalen und manisch-depressiven Vaters gut geht, dass sie "unauffällig" und verantwortungsbewusst sind, zur Schule gehen und Freunde haben, ist ein Glücks- aber beileibe kein Zufall. Im Herbst 2006 kamen die beiden das erste Mal zu "Fips", einer Beratungsstelle für Familien mit einem psychisch erkrankten Elternteil im schwäbischen Günzburg. Der Vater war inzwischen in einer Klinik untergebracht, die Mutter schwer an Rheuma erkrankt und arbeitsunfähig geworden. Zu der schwierigen Situation in der Familie kamen finanzielle Ängste.

"Die Gesprächsgruppe hat uns enorm geholfen", sagt Luke. Oft sei er „innerlich ausgerastet“, hin- und hergerissen zwischen Wutanfällen und Euphorie. Im Gespräch mit anderen Jugendlichen lernte er, dass sie mit einer ähnlichen Flut von Gedanken und Gefühlen zu kämpfen hatten. Hinzu kam die Erleichterung, endlich darüber reden zu können: Fast alle Angehörigen von psychisch Kranken fürchten Stigmatisierung und gesellschaftliche Abgrenzung – häufig zu Recht. Auch Luke erklärt mit Nachdruck: "Wir haben es nie jemandem erzählt. Niemand weiß es."

"Heftige Schuldgefühle"

Einem Arbeitskreis am Bezirkskrankenhaus Günzburg entstammt die Idee, ein Bindeglied zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie zu schaffen. Seit März 2006 betreut Familientherapeutin Susanne Kilian das öffentlich und privat finanzierte Modellprojekt "Fips". Die hochgewachsene Rothaarige steckt ihr ganzes Engagement in eine halbe Stelle, kümmert sich um Eltern und Kinder, die ihr direkt von der Klinik-Station oder dem Jugendamt vermittelt werden.

"Wie stoßen oft auf Widerstand - nicht nur bei den Kranken selbst, sonder auch bei den Angehörigen, die ja in die Hilfsmaßnahmen einbezogen werden sollen", sagt Kilian. Da gelte es "Barrikaden einzureißen". Fast immer gehe es in den Gesprächen um heftige Schuldgefühle. „Die Kinder denken, sie hätten die Krankheit durch ihr Verhalten ausgelöst, die Eltern fühlen sich schuldig, weil sie nicht funktionieren und Defizite haben.“

Es sei jedoch bemerkenswert, dass sich gerade in problematischen Familien, selbst wenn die Eltern ihre Kinder vorübergehend dem Jugendamt anvertrauen müssten, so etwas wie Erleichterung einstelle. "Die Katze ist aus dem Sack, das Problem hat einen Namen, und die Eltern können sich endlich um sich selbst und die dringend notwendige Therapie kümmern, ohne sich Sorgen um ihre Kinder machen zu müssen."

Denn das, so Kilian, sei einer der Gründe, warum viele Mütter eine Therapie abbrächen - sie haben niemanden, der sich um den Nachwuchs kümmert. Die Erfahrung zeige: Die meisten Männer verlassen eine psychisch kranke Frau über kurz oder lang, während die Frauen bei ihren kranken Männern bleiben.

Kinderschützer und Kinderklauer

Gerade nach einem stationären Aufenthalt eines Elternteils - also in dem Moment, in dem die Krankheitseinsicht in der Regel am höchsten ist - sollen Notfallpläne entworfen, Gesprächsangebote und Patenschaften vermittelt sowie soziale Netze geknüpft werden.

Seit Oktober 2005 nimmt das Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz (KICK) private wie öffentliche Träger in Sachen Kindswohlgefährdung vermehrt in die Pflicht. Das Dilemma: Die Jugendämter bieten zahlreiche Hilfsmöglichkeiten für Kinder und Erwachsene - die allerdings werden von der Zielgruppe nur selten genutzt. Der Grund ist offensichtlich: Noch immer wird die Behörde in ihrer Doppelfunktion als Kinderschützer und „Kinderklauer“ von den Eltern gefürchtet und nach Möglichkeit gemieden.

Länderübergreifende Modellprojekte wie "Guter Start ins Kinderleben" machen es möglich, Mütter mit psychischen Störungen bereits in der Schwangerschaft und gleich nach der Geburt intensiv zu betreuen. "Solche Projekte kosten sehr viel Geld", sagte der Bundesgeschäftsführer der Kinderschutzzentren, Arthur Kröhnert, SPIEGEL ONLINE. "Aber sie sind jeden Cent wert, denn sie haben sich als sehr hilfreich erwiesen."

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