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Mohrs Herzschlag: Erst die Impfung, dann das Fieber

Die Impfung gegen die Schweinegrippe ist in aller Munde - und inzwischen in vielen Armen. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr hat sich impfen lassen, weil er schwer herzkrank ist und deshalb als Risikopatient gilt. Womit er nicht gerechnet hatte? Dass ihn die Nebenwirkungen so hart erwischen.

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DDP

Impfung gegen die Schweinegrippe: "Das müssen wir melden"

Kein Schwein soll mich anstecken, keines dieser fiesen Schweinegrippen-Viren mir etwas anhaben können. Mehrere zehntausend Menschen in Deutschland hat der globale Krankheitserreger bereits befallen - ich will nicht dazu gehören.

Was aber hilft gegen dieses Influenza-A-Virus des Subtyps H1N1? Entweder auf eine einsame Insel ziehen ohne Kontakt zu anderen Menschen (Kann ich kurzfristig leider nicht umsetzen). Hoffen, Glück zu haben (Dabei kann man schnell Pech haben). Oder sich impfen lassen - genau!

Ich gelte unbestritten als Risikopatient für die Schweinegrippe. Ich bin chronisch herzkrank, kam mit mehreren Herzfehlern zur Welt, habe mehrere operative Eingriffe an meinem Herzen hinter mir und leide bis heute an schweren Herzrhythmusstörungen.

Bei allen in den vergangenen Wochen vorgebrachten Argumenten für und gegen die Impfung schien es mir in meinem Fall äußerst sinnvoll, mich impfen zu lassen. Risikominimierung per Spritze: Viele der an der Krankheit Verstorbenen rund um die Welt waren Menschen mit schweren Grunderkrankungen, eben Risikopatienten wie ich.

Also marschiere ich zu einer der zentralen Impfstellen in Hamburg, einer Arztpraxis in der Neuen Großen Bergstraße. Eine junge, freundliche Ärztin verabreicht mit die Injektion in den linken Oberarm: Impfstoff "Pandemrix, Lot: A81CA074A".

Ich bekomme eine Impfbescheinigung und, nur für den Notfall natürlich, ein Kärtchen mit der Telefonnummer der Arztpraxis. Was ich in diesem Moment noch nicht ahne - das Kärtchen sollte ich noch brauchen!

Schüttelfrost, Schwitzen, Fieber, unruhiger Schlaf

Geimpft werde ich am Vormittag genau um 9.45 Uhr, ich habe auf die Uhr geschaut. Das Mittagessen um 12 Uhr schmeckt mir noch, am Nachmittag fühle ich mich an meinem Schreibtisch allerdings zunehmend unwohler.

Ich denke mir aber nichts dabei.

Gegen 18.30 Uhr starte ich mit dem Fahrrad nach Hause. Die 30-minütige Fahrt, ansonsten immer eine Freude und wahrlich kein Leistungssport für mich, wird zur Qual: Jede einzelne Pedalumdrehung strengt mich an, ich kann nur in kleinem Gang fahren, zu Hause bin ich nass geschwitzt.

Vielleicht hätte ich mir diesen Spaß schenken und mir mehr Ruhe gönnen sollen?

Beim Abendbrot esse ich keinen Bissen. Ich fange an zu frieren, bekomme Gliederschmerzen. Um 21 Uhr will ich nur noch eines: schnellstens ins Bett. Ich messe Fieber und habe 38,8 Grad!

Und das ist leider kein Spaß für mich! Denn bei Fieber rastet mein Herz besonders gerne aus und startet seine irren Herzrhythmusstörungen. Fieber ist für mich eine echte Gefahr, Fieber hat mich schon wiederholt ins Krankenhaus gezwungen. Ich schlucke eine Paracetamol-Tablette, um meine Körpertemperatur zu senken - und habe Angst.

Die Nacht ist schrecklich, eine richtige Grippe-Nacht: Schüttelfrost, Schwitzen, Fieber, unruhiger Schlaf. Immer wieder quälen mich Magenkrämpfe - und Sorgen um mein Herz.

"Das müssen wir melden"

Am nächsten Morgen gegen 8.30 Uhr habe ich eine Temperatur von 38 Grad. Die Gliederschmerzen sind weniger geworden. Dafür fühle ich mich unfassbar matt, völlig zerschlagen, ohne jede Kraft. Ich kann kaum aufstehen. Ich bleibe den ganzen Tag im Bett, esse nichts, schlafe viel.

Zwischendurch rufe ich in der Impf-Praxis an. Dort nimmt eine Helferin meine Nebenwirkungen auf ("Das müssen wir melden") und bietet an, ich könne gern vorbei kommen und mit einem Arzt reden. Dazu fühle ich mich nicht in der Lage.

Bis zum Abend ist das Fieber glücklicherweise nicht mehr gestiegen, ich habe weiter 38 Grad. Ich bin unendlich erleichtert, dass mein Herz bisher durchgehalten hat, und hoffe, dass es weiter mitmacht.

Am nächsten Tag habe ich zwar keine erhöhte Temperatur mehr, bin aber immer noch viel zu schlapp, um in die Redaktion zu gehen. Immerhin schmeckt mir zu Mittag ein Teller Nudeln mit Pilzen und Karotten - langsam scheint es aufwärts zu gehen.

Die Impfung sei mit mir

Ein Drittel aller Geimpften leidet unter Nebenwirkungen, habe ich gelesen. Dazu zählen auch die, denen nur der Oberarm ein wenig brennt. Das tut meiner übrigens auch - na und?

Ich habe auch gehört, dass einzelne Menschen Fieber bekommen. Aber dass es mich derart hart erwischt, das habe ich mir nicht träumen lassen. Zumal ich mich jeden Herbst gegen die saisonale Grippe impfen lasse. Auch dieses Jahr habe ich das getan, und außer einem Pieks war nie etwas gewesen.

Ich wollte mit der Impfung gegen die Schweinegrippe meinem besonderen Risiko durch meine Herzkrankheit Rechnung tragen, habe mich jedoch durch das impfbedingte Fieber einem anderen Risiko ausgesetzt. Nun, die Medizin ist eben kompliziert. Aber eine Schweinegrippe-Erkrankung verliefe wahrscheinlich viel schwerwiegender als meine Impf-Reaktion und würde ein viel größeres Risiko bedeuten.

Drei Tage nach der Spritze fühle ich mich noch immer ziemlich schlapp, sitze aber wieder in der Redaktion. Ich hoffe, jetzt zumindest für den Winter geschützt zu sein. Die Impfung sei mit mir.

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