Mohrs Herzschlag Paracelsus - Arzt und Rebell

Paracelsus, geboren kurz vor 1500, wird als Begründer der modernen Medizin gefeiert. Für den herzkranken SPIEGEL-ONLINE-Kolumnisten Joachim Mohr ist er ein Vorbild, weil er wild entschlossen für den Forschritt kämpfte - und sich dafür auch mit Autoritäten seiner Zeit überwarf.

Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493 - 1541): Rebell seiner Zeit
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Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493 - 1541): Rebell seiner Zeit


Hamburg - Er ist kleinwüchsig, schleppt den Ansatz eines Buckels mit sich herum und stottert. Über seine Jugend im Wallfahrtsort Einsiedeln im Schweizer Kanton Schwyz wird er einmal in trauriger Erinnerung schreiben, dass "wir in Armut und Hunger unsere Jugend verzehrt haben".

Theophrastus Bombastus von Hohenheim, so sein Geburtsname, kommt Ende 1493 oder Anfang 1494 zur Welt, und vom ersten Tag an muss er sich durch ein höchst widriges Leben kämpfen. Doch sein Wille, auf sich aufmerksam zu machen und sich zu behaupten, ist gewaltig.

Berserkerhaft wird der auffällige Außenseiter voranschreiten und unter dem Namen "Paracelsus" als einer der großen Streiter und Erneuerer des ausklingenden Mittelalters in die Geschichte eingehen. Bis heute wird Paracelsus vor allem als Begründer einer neuen Medizin gewürdigt - und von Vertretern der Schulmedizin genauso verehrt wie von Anhängern alternativer Behandlungsmethoden.

Bereits in seiner Kindheit wird er durch seinen Vater, einen Landarzt, mit vielfältigen menschlichen Leiden und Krankheiten sowie allerlei Fragen und Methoden der damaligen Medizin konfrontiert. Wann und wo Paracelsus anfängt zu studieren, liegt im Dunkeln. Unstrittig ist aber, dass er sein Studium in der oberitalienischen Stadt Ferrara mit der Promotion zum Dr. med. abschließt, wohl um das Jahr 1515 herum.

Von innerer Unruhe und widrigen Umständen getrieben, zieht er sein Leben lang durch weite Teile Europas, teils zu Fuß, wohl aber auch zu Pferd und per Kutsche. Seine Wanderschaft führt ihn unter anderem nach Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, die Niederlande, England, Schweden, Preußen, Russland und Ungarn.

Das fragile Gleichgewicht der Körpersäfte

Teilweise verdingt er sich als Feld- und Militärarzt; in Salzburg lässt er sich als praktizierender Arzt nieder, in Straßburg wird er Zunftmitglied als Wundarzt, in Basel zum Stadtarzt und Professor ernannt.

Immer wieder eckt er mit seinem streitbaren Wesen an, fordert er Auseinandersetzungen mit Dienstherren ebenso wie mit anderen Medizinern heraus. So schreibt er später: "Sie trieben mich aus Litauen, danach aus Preußen, danach aus Polen, was nicht genug war. Ich gefiel den Niederländern auch nicht."

Schon während seiner Studienzeit und der ersten Jahre des Umherziehens sammelt Paracelsus ärztliches Wissen nicht allein bei akademischen Lehrern, sondern er interessiert sich auch für die Volksmedizin von Badern, Hebammen und Apothekern.

Das medizinische Angebot seiner Zeit ist so vielfältig wie zweifelhaft: Neben studierten Medizinern bieten einfache Wundärzte, Bader und Barbiere, sesshafte Heiler wie auch umherziehende Quacksalber oder Wunderweiber ihre für den Patienten manchmal hilfreichen, manchmal auch lebensverkürzenden Dienste an.

Die an Universitäten gelehrte Schulmedizin des Mittelalters folgt weitgehend blind dem Wissen der Antike - den griechischen Ärzten Hippokrates von Kos, geboren um 460 vor Christus, und Galenos von Pergamon, geboren wahrscheinlich 129 nach Christus. Auf deren Lehren beruhte die sogenannte Humoralpathologie, nach der eine Krankheit ihre Ursache stets in einer Störung des Gleichgewichts der vier Körpersäfte Blut, Schleim, Galle und schwarze Galle hat.

Er lehrt auf Deutsch - und bleibt magischen Ansätzen verhaftet

Paracelsus greift die klassische medizinische Lehre seiner Zeit und ihre Vertreter an. So schreibt er im Juni 1527, damals Professor in Basel, in einer Einladung zu einer seiner Vorlesungen: Seine eigenen Lehrbücher seien "nicht etwa aus Hippokrates und Galenos oder irgendwelchen anderen Lehrbüchern zusammengebettelt, sondern vermitteln das, was mich die höchste Lehrerin Erfahrung und eigene Arbeit gelehrt haben. Demnach dienen mir als Beweishelfer Erfahrung und eigene Erwägung statt Berufung auf Autoritäten".

Dies ist eine Attacke auf die damalige Ärzteschaft und die gültige Medizin-Lehre. Die Aufregung seiner Gegner verstärkt Paracelsus noch, indem er mehrere seiner Vorlesungen in deutscher Sprache abhält, nicht wie üblich in Latein. Eine Frechheit, ein wahrer Skandal aus Sicht der Akademikerschaft! Er ist der erste Gelehrte, der an einer Universität medizinische Vorlesungen auf Deutsch vorträgt.

Einerseits leistet Paracelsus für den Fortschritt einiges: So beschreibt er als erster eine Berufskrankheit, die sogenannte Bergsucht, die Leiden der Bergwerksarbeiter; er stellt zutreffend verschiedene Formen der Syphilis dar; er weiß um die harntreibende Wirkung von Quecksilber; er erwähnt den Zusammenhang von Trinkwasser, Mineralien und Kropfbildung; er kennt antiseptische Lehren in der Wundbehandlung.

Ein Leben zwischen "Trunk und Prasserei"

Gleichzeitig bleibt er spekulativen, intuitiven, magischen Ansätzen des Mittelalters verhaftet. So macht er etwa auch Einflüsse der Sterne für Gebrechen verantwortlich und scheut nicht davor zurück, für die Genesung seinen Patienten drei Ave Maria zu empfehlen. Es ist, als trüge er zwei Gesichter, von denen eines in die Vergangenheit und eines in die Zukunft blickt, wie beim römischen Gott Janus.

Paracelsus führt das Leben eines Abenteurers, zeitweise das eines Herumtreibers. Einer seiner Famuli beschreibt sein Wesen in einem kritischen Brief wenig schmeichelhaft: Paracelsus sei "ganze Tage und Nächte … dem Trunk und der Prasserei ergeben" gewesen. Mit "Pillen so groß wie Mäusedreck … brüstete er sich so, dass er nicht zögerte zu behaupten, dass er durch (deren) Gebrauch allein Tote zu Lebenden machen könne".

Dass Paracelsus von großer Geltungssucht durchdrungen war, erkannte der Schüler schnell: "Er (Paracelsus) drohte, dass er einst Luther und den Papst, nicht weniger als jetzt Galen und Hippokrates, in die Schranken weisen würde."

Woher übrigens der Name Paracelsus stammt, ob er ihn sich selber gab, oder ihm ein Freund oder Kumpan diesen Rufnamen verpasste - das Rätsel ist bis heute ungelöst.

So unstet sein Leben war, so wild muss man sich Paracelsus auch als Denker vorstellen. Er hinterließ ein kolossales Werk medizinischer, theologischer, naturkundlicher und philosophischer Schriften. Gelang es ihm zu Lebzeiten nur wenig zu publizieren, erschienen nach seinem Tod schon ab Mitte des 16. Jahrhunderts Hunderte Ausgaben seiner Werke.

Bis heute sind rund 10.000 Seiten veröffentlicht, zahlreiche Texte warten noch auf eine Edition. Viele Geistesgrößen lasen Paracelsus, Johann Wolfgang von Goethe nahm in seinem "Faust" Ideen und Motive von ihm auf.

Keines anderen Knecht sei, wer sein eigener Herr sein kann

Der Mythos Paracelsus gründet sicherlich auf seinem gewagten Leben - vor allem aber auf seiner aufrührerischen Ader, seiner trotzigen Entschlossenheit, sich keinerlei Würdenträgern unterzuordnen, ohne Rücksicht auf sich selbst gegen tradierte Glaubenssätze und Normen zu rebellieren.

Gerade als Arzt hat Paracelsus viele seiner Nachfolger ermutigt, die überkommenen alten Lehren anzuzweifeln und neue Fragen zu stellen. Nicht umsonst hat Paracelsus für sich den Wahlspruch gewählt "Alterius non sit, qui suus esse potest" (Keines anderen Knecht sei, wer sein eigener Herr sein kann).

Mit seinem Widerspruchsgeist bricht er aus dem Dunkel des Mittelalters auf. Ohne Kerle wie ihn, wäre die Medizin heute nicht so weit, und viele Menschen hätten vielleicht schon früher das Zeitliche gesegnet.

Nur 47 Jahre alt, stirbt Paracelsus am 24. September 1541 in Salzburg. Seine Todesursache ist bis heute ungeklärt. Moderne gerichtsmedizinische Untersuchungen vor wenigen Jahren ergaben erhöhte Quecksilberwerte in von ihm erhaltenen Knochen.

Dazu würde eine der Vermutungen über sein Lebensende passen: Paracelsus habe bei sich eine Mittelohrentzündung diagnostiziert und diese mit Quecksilber behandelt, worauf er an Quecksilbervergiftung gestorben sei. Demnach wäre er an seiner eigenen Therapie zugrunde gegangen.



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