Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Mohrs Herzschlag: Wie erkenne ich, ob mein Arzt was taugt?

Manchmal sind es die kleinen Dinge, die Bände sprechen. Zum Beispiel, wenn man sich als Patient fragt, ob man bei seinem Arzt in guten Händen ist. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr meint, dass schon das Ambiente einer Praxis Aufschluss über die Qualität des Mediziners gibt.

"Sagen Sie mal Aaaaa": Sind Sie bei Ihrem Arzt in guten Händen? Zur Großansicht
DDP

"Sagen Sie mal Aaaaa": Sind Sie bei Ihrem Arzt in guten Händen?

Aufgrund meiner schweren Herzkrankheit durfte ich seit meiner Kindheit unzählige Arztpraxen aufsuchen: Allgemeinmediziner natürlich, sehr viele Kardiologen, aber auch Internisten, Hautärzte, Hals-Nasen-Ohrenärzte, Chirurgen, Orthopäden, Radiologen, Urologen, Augenärzte und Zahnärzte. Sogar Endokrinologen, die haben es mit den Hormonen, Hämatologen, die analysieren das Blut, und Pulmologen, die kümmern sich um die Lunge, musste ich konsultieren.

So betrieb ich, wenn auch nicht ganz freiwillig, intensive Studien zum Thema Arztpraxis: Ambiente, Ausstattung, Personal, Öffnungszeiten, Wartezeiten, Kontaktmöglichkeiten und vieles mehr wurde von mir in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder aufs Neue erlebt, erduldet, bewundert. Im Laufe der Zeit entwickelte ich meinen ganz persönlichen Arztpraxen-Check.

Also: Mittels welcher Kriterien kann ich eine gute von einer schlechten Praxis unterscheiden?

1) Die Kontaktaufnahme

Sie wollen per Telefon einen Termin vereinbaren, hängen aber erst einmal zwölf Minuten in der Warteschleife - glauben Sie mir: Dieser Arzt wird kein Interesse an Ihnen haben. Denn entweder will er überhaupt keine Patienten oder keine neuen. Zumindest will er Sie nicht!

2) Die Arzthelferinnen

Was zeichnet eine Dame am Empfangsschalter einer Praxis aus? Sie ist freundlich, aber streng. Warum streng? Kranke können egoistisch, rücksichtslos, anstrengend sein. Diese Launen muss eine gute Arzthelferin bändigen - im Interesse aller Patienten. Gelangweilte Arzthelferinnen sind die Pest, freundlich-desinteressierte auch nicht viel besser.

3) Das Wartezimmer

Licht, frische Luft und genug bequeme Stühle, das braucht ein Wartezimmer auf jeden Fall. Wenn Ihnen morgens noch der Mief des gestrigen Tages entgegenschlägt und der Papierkorb überquillt, gehen sie wieder. Wenn es schon an guter Luft mangelt, mag noch manch anderes fehlen bei diesem Medizinmann.

4) Die Zeitschriften

Es liegt nichts zum Lesen bereit - schlecht; es liegen nur abgegriffene Lesezirkel-Ausgaben billiger Sensationsheftchen herum - noch schlechter. Ich bin zutiefst überzeugt, dass ein Zusammenhang zwischen der Qualität der in einer Praxis ausgelegten Zeitungen und der Qualität des Arztes besteht. Also: Achten Sie auf gute Lektüre!

5) Die Wartezeit

Dass Sie nicht immer exakt zur vereinbarten Zeit drankommen, das lässt sich nicht verhindern. Allerdings sollte Ihnen die Arzthelferin, wenn Sie kommen, eine realistische Wartezeit nennen können. Werden aus dem Spruch "Das kann ein paar Minuten dauern" zwei Stunden, ist das ein untrügliches Zeichen für Dummheit oder Missmanagement.

6) Die Erfrischungen

Ein Glas Wasser tanken zu können muss bei einem Arzt selbstverständlich sein. Schon, damit der Patient vor unangenehmen Untersuchungen seine Nervosität bekämpfen kann. Ob das Nass allerdings aus einer Flasche oder einem neumodischen Spender kommt, ist völlig egal.

7) Die Toiletten

Wenn Toiletten irgendwo auf der Welt in erstklassigem Zustand sein müssen, dann in Arztpraxen. Ohne die Möglichkeit, sich die Hände nicht nur waschen, sondern auch desinfizieren zu können, sind sie zumindest in unseren Breitengraden heute inakzeptabel.

8) Die Eigenwerbung

Darf die Frau oder der Herr Doktor in seiner Praxis für sich selber werben? Klar, warum denn nicht? Ein gesundes Selbstbewusstsein kann auch einem Arzt nicht schaden. Ist die Reklame aber marktschreierisch und verfolgt den Patienten noch auf der Toilette, ist Vorsicht geboten. Sie trauen ja auch keinem zwielichtigen Gebrauchtwagenhändler.

9) Das Design

Ob die Einrichtung einer Praxis von einem hippen Innenarchitekten durchgestylt wurde oder sich durch den Schick der achtziger Jahre auszeichnet, ist egal. Entscheidend sind die medizinischen Geräte, nicht Form und Farbe der Lampen. Vergessen Sie nicht: Jeder modische Firlefanz muss bezahlt werden - von Ihnen!

10) Die medizinischen Geräte

Die Qualität des medizinischen Equipments können Sie als Laie nicht beurteilen. Es muss nicht alles neu sein. Aber ob Geräte topsauber sind oder nicht, ob Kabel oder Schläuche seit längerem unbenutzt herumhängen, ob Unordnung im Laborbereich herrscht, das sehen auch Sie. Vertrauen Sie Ihrem gesunden Menschenverstand!

11) Der Händedruck

Der Arzt begrüßt Sie, ohne Ihnen die Hand zu geben? Das ist nicht nur unhöflich, sondern ein Zeichen, dass Sie dem Mediziner nicht wichtig sind. Das Argument, das Händeschütteln sei unhygienisch, zieht übrigens nicht: Ein Arzt sollte sich nach jedem Patienten die Hände desinfizieren.

12) Der Blick

Schaut Ihnen der Arzt beim Gespräch kaum in die Augen, sondern macht ständig nur Notizen, blickt auf seinen Bildschirm oder telefoniert gar, auch dann gilt: Überlegen Sie, ob Sie wieder kommen. Sie scheinen für den gelehrten Mediziner vor allem Abrechnungsvieh zu sein.

Sagen all diese Faktoren nun etwas über das medizinische Können eines Arztes aus? Direkt nicht, aber indirekt viel, daran habe ich keinen Zweifel. Wenn einem Arzt seine Patienten und deren Gesundheit etwas bedeuten, sorgt er dafür, dass sie sich in seiner Praxis wohl fühlen. Denn nur wer sich wohl fühlt, kann auch gesund werden.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. gefällt
eikfier 12.05.2010
Zitat von sysopManchmal sind es die kleinen Dinge, die Bände sprechen. Zum Beispiel, wenn man sich als Patient fragt, ob man bei seinem Arzt in guten Händen ist. SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr meint, dass schon das Ambiente einer Praxis Aufschluss über die Qualität des Mediziners gibt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694355,00.html
...guter Feuilleton-Artikel, finde ich! Launig geschrieben, tendenziell durchaus zustimmungsfähig mit Mut zur Lücke, wie das alleine schon abendfüllende Thema zur Händedesinfektion... P.S.: Bei den ausgelegten Zeitschriften dürfte bei mir natürlich nicht der SPIE... fehlen! ;-) Werbung laut NETIQUETTE untersagt! ;-)
2. Trifft zu ...
avollmer 12.05.2010
... wende ich seit Jahren an, manchmal muss man dann aber Monate nach einem Facharzt suchen. Wegen der in manchen Praxen herrschenden Infektionsgefahr, habe ich bei Arztbesuchen generell ein Handdesinfektionsmittel dabei. Am schlimmsten sind aber einzelne Kliniken, bei denen Blutspritzer die Flur- und Zimmerdecken nicht nur in der Ambulanz verzieren. Da heißt es selbst mit gebrochenem Fuß die Flucht ergreifen. Vielleicht sollten niedergelassene Ärzte sich bei der Friseurinnung fortbilden lassen, dort ist Sauberkeit, Ausstattung und Terminmanagement durchschnittlich auf einem höheren Niveau. Aber wahrscheinlich ist Waschen, Schneiden, Föhnen auch einträglicher als Anamnese, Diagnose, Therapie. Weshalb Einser-Abiturienten auch danach streben Friseur oder Investment-Banker zu werden und sich nicht mehr als Medizinstudent bewerben.
3. Netter Katalog
syllogiker 12.05.2010
Besonders der Punkt mit dem Abrechnungsvieh hat mir gefallen. Ich würde noch hinzufügen: Ein guter Arzt muß mir erst einmal zuhören, ohne mir ins Wort zu fallen. Dabei ist klar, dass ich selbst mich gut vorbereitet habe und so kurz wie möglich fasse. Nach dem Zuhören sollte er nachfragen, so dass ein Dialog entsteht. Schlechtes Zeichen, wenn der Arzt gleich nach meinem ersten Luftholen zu einem Vortrag ansetzt, obwohl er noch nicht alles Wichtige gehört haben kann. Und indiskutabel ist, wenn die Anamnese nur 1 Minute dauert. Habe ich selbst leider bei mehreren Orthopäden erleben müssen und kam mir vor wie Abrechnugnsvieh. Da kann der Arzt noch so gestylt und qualifiziert sein oder auf seine betreibswirtschaftlichen Zwänge hinweisen: Das ist ein KO-Kriterium, weil so Fehldiagnosen und Falschbehandlungen unvermeidlich sind.
4. -
wup 12.05.2010
Ein Arzt sollte vor allem erst einmal den Willen aufbringen eine Diagnose zu machen. Viele Ärzte denken, sie könnten Pi*Daumen die mögliche Erkrankung schätzen und verschreiben dann irgendwelche Salben oder Pillen, die mit der eigentlichen Erkrankung nichts zu tun hat. Typisches Zitat: "Nehmen sie die XX Tage, wenn es nicht besser wird, dann kommen sie wieder". Wer Hautausschlag hat sollte am Besten nicht zuerst zum Hautarzt gehen. Der verschreibt einem in der Regel nur eine Salbe. Dass die Symptome vielleicht auf innere organische Erkrankungen hinweisen könnten, auf die Idee kommen die wenigsten dieses Fachbereichs. Viele Ärzte haben ein erschreckendes Halbwissen. Manchmal muss man im Internet selber recherchieren und die Ärzte mit den eigenen Ergebnissen konfrontieren, bevor sie was unternehmen. Ich behaupte die Krankenkassen könnten mindestens 25% der Kosten einsparen, wenn alle Ärzte wirklich ihre Arbeit machen würden.
5. Leider erst hinterher..
Zelamir, 12.05.2010
Sehr erfreulich, dass mal jemand diesen Aspekt unseres sog. Gesundheitswesens beleuchtet. Die Erfahrung lehrt, dass die von Herrn Mohr angesprochenen Faktoren sehr zur Gesundung (oder zum Ausbleiben derselben) nicht nur beitragen können, sondern u.U. sogar entscheidend sein können. Leider ist es dem gemeinen Kassenpatienten nicht möglich, empirische Werte über die Qualität eines Arztes und seiner Praxis vor der Behandlung heranzuziehen, sodass er seine Arztwahl mit Bedacht treffen könnte. Er ist vielmehr erstmal auf Gedeih und Verderb dem Arzt und seinem Personal ausgeliefert. Nicht selten stellt sich dann heraus, dass man nicht nur eine wenig kompetente ärztliche Behandlung erfährt, sondern auch noch auf mangelnde Kommunikation und herablassende Gleichgültigkeit stößt, was nicht zur Gesundung beiträgt, sondern im Gegenteil erst richtig krank machen kann. Denn der mental-seelische Zustand, in den man innerhalb des ärztlichen Umfeldes gerät, hat erheblichen Einfluss auf den Heilungsprozess. Dabei kann schon ein Blickkontakt, wie von Herrn Mohr angesprochen, bzw. die Verweigerung desselben erhebliche Auswirkungen haben. Kurz gefasstes Beispiel: ich war wegen einer heftigen Infektion gezwungen, eine Praxis aufzusuchen, in der ich weder eines Blickes gewürdigt noch eingehend untersucht wurde. Stattdessen wurde innerhalb von drei Minuten eine Pauschalbeurteilung abgegeben, nach der ich dann mehr oder weniger unfreundlich hinauskomplimentiert wurde. Als auch nach dem dritten Termin weder eine vernünftige Diagnose noch auch nur das für die Behandlung notwendigste Interesse an den Umständen der Krankheit zu erkennnen war, musste ich mich an einen anderen Arzt wenden. Diese drei Termine, die zu nichts als Frustation geführt haben, werden nichtsdestotrotz von der Krankenkasse bezahlt werden müssen, obwohl mein Gesamtzustand sich durch diese 'Behandlung' eher verschlechtert hatte, und zwar vermeidbar. Ich wünschte mir, dass Krankenkassen und Politik sich einmal mit den Begleitumständen ärztlicher Behandlung befassen würden, um analysieren zu können, dass es eben nicht nur auf die formale, auf dem Papier verbriefte Fachkompetenz des Arztes ankommt. Es kommt mindestens im selben Maße auf den Zustand des Umfeldes, auf das Verhalten der Mitarbeiter und in hohem Maße auf den zwischenmenschlichen Kontakt und die Fähigkeit der ganzheitlichen Betrachtung an, Faktoren, die sowohl heilend wie krankmachend wirken können, Faktoren auch, die bereits Bestandteil des Medizinstudiums sein müssten - es aber nicht sind. Bis es soweit ist (fern ist der Tag...), wird man von Pontius zu Pilatus laufen müssen in der Hoffnung, auf einen jener seltenen, wahrhaft allgemeingebildeten Ärzte zu treffen. Es gibt sie! Wirklich!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Joachim Mohr:
Das Loch in meinem Herzen
Ein Lob auf die moderne Medizin.

Droemer Knaur; 221 Seiten; 16,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Zur Person
Joachim Mohr, geboren 1962, lebt in Hamburg, ist verheiratet und hat eine kleine Tochter. Nach dem Studium der Geschichte und Germanistik in Tübingen volontierte er bei der "Frankfurter Rundschau". 1993 kam er zum SPIEGEL. Nach zehn Jahren in der Innenpolitik wechselte er in das Ressort Sonderthemen, wo er heute unter anderem für SPIEGEL GESCHICHTE und SPIEGEL WISSEN arbeitet. Seit Oktober 2007 erscheint auf SPIEGEL ONLINE seine Kolumne "Mohrs Herzschlag", bisher in über 60 Ausgaben.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: