Von Stefan Schultz, Berg am Starnberger See
Sie sind zu dritt, kommen durchs Dickicht wie Schatten. Sie tragen lange schwarze Roben, dazu je zwei brennende Pechfackeln, deren Stiele sie zum Kreuz verschränken. Im Halbkreis stellen sie sich um mich auf, mustern mich durch die Schlitze ihrer Henkerskapuzen.
Hinter uns glitzert der Starnberger See, seichte Wellen plätschern ans Ufer. Ein paar Meter weit kann man in den See hineinschauen, silbrig schimmert sein Grund.
Weiter hinten, in der Tiefe, liegt seit 122 Jahren ein Geheimnis. Und ein Stück der bayerischen Seele. "Das ist der Ort", flüstert mir einer der Männer zu. "Gleich werden Sie dem Tod begegnen."
Unser Treffpunkt liegt im Wald, nahe der Gemeinde Berg. Die drei Männer gehören einem Geheimorden an, dessen Mitglieder seit dem finsteren Mittelalter den Särgen von Königen vorangeschritten sind. Guglmänner nennen sie sich. Ihre grausigen Kutten sollen daran erinnern, dass alle Irdische vergänglich ist. Media in vita in morte sumus, lautet ihr Wahlspruch: Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben.
Es ist ein ganz bestimmter Todesfall, der die Guglmänner umtreibt: der von Ludwig II., Märchenkönig und Erbauer von Schloss Neuschwanstein.
Seit 122 Jahren rätselt Bayern nun schon, was dem König an jenem regnerischen 13. Juni 1886 am Starnberger See widerfahren ist. Offiziell heißt es, er habe Selbstmord begangen. Manche sagen, der König sei beim Schwimmen an einem Herzinfarkt gestorben, und viele, auch die Guglmänner, sind überzeugt: Es war Mord.
Zur Stützung dieser Theorie versucht der Geheimbund, Beweise beizubringen. Zum diesjährigen Todestag forderte sie obendrein, Ludwigs einbalsamierte Leiche solle im Glassarg durch München getragen werden, damit das Volk seinen König noch einmal sehen könne. Die Forderung verhallte ungehört, hatte es zuvor aber immerhin in den bayerischen Lokalteil der "Bild"-Zeitung geschafft.
Was geschah in der Todesnacht wirklich?
Im Wipfel einer Buche krächzt eine Krähe. Weißgraue Wolken ziehen über den See hinweg. Ein Guglmann, der sich H. nennt, geht am Ufer entlang. Die anderen zwei stellen sich links und rechts neben mich. An einem Gebüsch hält H. inne. Er schaut auf die Uhr. Es ist zehn vor Sieben.
Genau um 18.51 Uhr blieb in der Todesnacht die Uhr des Königs stehen, etwa zur gleichen Zeit hörte sein Herz auf zu schlagen. H. zeigt auf den See und beginnt zu erklären, was nach Gugl-Theorie in der Mordnacht geschah.
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