Fundamentalistische Mormonen in den USA Unter Radikalen

Männer haben mehrere Frauen, Dutzende Kinder: Eine Splittergruppe der Mormonen in den USA hält an der Vielehe fest - und hatte zwei Städte gänzlich im Griff. Doch nun gerät die umstrittene Sekte unter Druck.

AP

An diesem Dienstag könnte in Hildale eine Epoche enden. Erstmals seit vielen Jahrzehnten wählen die Einwohner des Örtchens im US-Bundesstaat Utah auf demokratischem Weg einen Bürgermeister und den Gemeinderat. Der Ausgang der Wahl ist offen, und ja: Das ist für die meisten Einwohner eine neue Erfahrung.

Wie das sein kann? Mehr als ein Jahrhundert lang lebten faktisch ausschließlich Anhänger einer äußerst radikalen Sekte in dem Ort an der Grenze zu Arizona: Die "Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (FLDS) ist eine Splittergruppe der Mormonen, die unter anderem die Vielehe befürwortet. Die Demokratie liegt ihnen dagegen offenbar weniger: Bislang wurden Ämter und Posten stets hinter den Kulissen verteilt.

Hildale und das Städtchen Colorado City in Arizona, auf der anderen Seite der Grenze, bilden eine Art Doppelstadt, in der die FLDS bislang wie eine Art Staatsreligion herrschte. Seit einiger Zeit jedoch macht der Ort einen radikalen Wandel durch: Die Behörden, die sich jahrzehntelang nicht sonderlich für die entlegenen Städtchen mit ihren zusammen rund 7800 Einwohnern interessierten, greifen seit Neuestem hart durch.

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Utah: Die Mormonen von Hildale

Auslöser war eine Gerichtsentscheidung: Eine Jury entschied vor Kurzem, dass sowohl die örtliche Polizei als auch die Verwaltungen beider Städte gegen Bürgerrechte verstoßen hätten. Seitdem wachen gerichtlich bestellte Kontrolleure über die örtlichen Behörden.

Hinzu kamen Zwangsmaßnahmen gegen Hunderte Einwohner: Weil etliche Mormonen in Hildale eine monatlich anfallende Wohnsteuer nicht beglichen, ordnete ein Gericht schließlich Zwangsräumungen und Razzien an.

Die Bewohner von fast 150 Wohnungen mussten daraufhin ihre Häuser verlassen, viele zogen in andere Städte - worin viele Sektenmitglieder einen Beleg für die Behauptung sehen, der Staat plane eine Art feindliche Übernahme der Mormonenstadt. Der Ausgang dieses Konflikts zwischen dem Rechtsstaat und den Fundamentalisten ist noch offen - aber der Wandel ist wohl kaum noch aufzuhalten.

Der Fotograf Rick Bowmer hat für die Nachrichtenagentur AP das Leben in der Kommune dokumentiert (die Fotos sehen Sie hier). Seine Bilder zeigen eine Lebensweise, die in vielerlei Hinsicht wie aus der Zeit gefallen wirkt. Doch auch die jüngsten Veränderungen in den Orten werden sichtbar.

"Ich bin schuldig, meine Religion auszuleben"

Nicht nur in Hildale und Colorado City geraten Mitglieder der FLDS mit Behörden und Gesetzen in Konflikt. In Kanada hat das höchste Gerichts im Bundesstaat British Columbia erst im Juli zwei ehemalige Bischöfe der Sekte wegen verbotener Mehrehen verurteilt. James Oler war demnach gleichzeitig mit fünf Frauen verheiratet, Winston Blackmore führte in dem 1500-Seelen-Ort Bountiful 24 Ehen parallel.

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Polygame Sektenanführer: Der Fall Bountiful

Der 61-jährige Blackmore soll Vater von mindestens 146 Kindern sein. Er verglich den Fall mit der Situation homosexueller Paare: Auch die Ehe für alle sei in der Vergangenheit illegal gewesen. "Ich bin schuldig, meine Religion auszuleben", sagte Blackmore. Das Gericht hatte allerdings schon 2011 entschieden, dass das Polygamie-Verbot nicht die Religionsfreiheit beschränke.

Die größte Mormonenkirche mit Sitz in der US-Großstadt Salt Lake City hatte 1890 die Polygamie als religiöses Prinzip widerrufen und distanziert sich von der fundamentalistischen FLDS. Weltweit gibt es etwa 15 Millionen Mormonen.


Nachtrag, 21. November 2017: Nach Auszählung aller Stimmen steht Donia Jessop als künftige Bürgermeisterin von Hildale fest - mit ihr führt erstmals in der Geschichte der Stadt nicht ein Mitglied der FLDS die Geschäfte im Rathaus. 61 Prozent der insgesamt 210 abgegeben Stimmen entfielen auf Jessop, die erst vor wenigen Jahren die radikale Sekte verlassen hatte.

mxw/fok/AP



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