Hilfsmittel des Mormonengründers Hier sehen Sie den "Seherstein"

Joseph Smith schrieb einst das Buch Mormon, Grundlage einer Religion mit heute 15 Millionen Anhängern. Beim Schreiben soll Smith einen "Seherstein" als Hilfsmittel benutzt haben. Nun ist der Stein erstmals auf Fotos zu sehen.

AP

Die Mormonenkirche in den USA hat sich Transparenz verordnet - für Außenstehende sollen Wurzeln und Glaubensinhalte besser verständlich werden. Deshalb hat die Kirche nun erstmals Fotos eines kleinen Steins veröffentlicht. Kirchengründer Joseph Smith soll diesen benutzt haben, um die Geschichte zu übersetzen, die zur Basis der Religionsgemeinschaft wurde.

Die Fotos zeigen einen eigroßen, glatten, braunen Stein, der von helleren Streifen durchzogen ist. Die Aufnahmen sind in einem neuen Buch enthalten, das auch Aufnahmen der ersten Printausgabe des Buches Mormon zeigt.

Weltweit gibt es etwa 15 Millionen Mormonen. Sie glauben, dass Smith vor 185 Jahren im US-Bundesstaat New York Goldplatten gefunden hat, auf denen altägyptische Schriftzeichen eingraviert waren. Gott soll ihm geholfen haben, die Texte zu übersetzen. Bei der Übersetzung soll Smith den Stein und andere Hilfsmittel benutzt haben. Die Übersetzung ist heute als Buch Mormon bekannt, die grundlegende Schrift der Religion.

Kritische Öffentlichkeit

Smiths erstes Manuskript erschien 1829. Das Dokument ist wegen eines Wasserschadens nur etwa zu einem Drittel erhalten. Es lagert in der historischen Bibliothek der Kirche in Salt Lake City, Utah. Das Buch, in dem nun die Fotos erscheinen, basiert auf einem Manuskript, das einst zu Schriftsetzern nach New York geschickt wurde - das Original sollte nicht dem Risiko der Reise ausgesetzt werden.

Mit der Veröffentlichung des Buches und der Fotos will die Kirche verhindern, dass Mitglieder austreten. Zudem soll Nicht-Mormonen gezeigt werden, dass man nichts zu verheimlichen habe. Im Vergleich zu anderen Glaubensgemeinschaften sind die Mormonen ziemlich jung. Der Druck, die eigenen Glaubensinhalte zu beweisen, ist hoch.

"Die Ursprünge der anderen Kirchen sind durch den Nebel der Geschichte verhüllt", sagt Terryl Givens, Professor für Literatur und Religion an der Universität von Richmond. Die Mormonen seien die erste Religion, deren Ursprünge der Öffentlichkeit, der Dokumentation, Journalisten und Zeitungsberichten ausgesetzt gewesen seien.

"Sie fühlten sich angelogen und waren ziemlich wütend"

Die Veröffentlichung der Stein-Fotos sind wichtig, sagt Richard Bushman, Mormonen-Historiker und emeritierter Professor der Columbia University. Viele Beobachter seien davon ausgegangen, dass der Stein für immer unter Verschluss gehalten werden würde. Die Fotos würden zwar Zweifler wohl nicht überzeugen, seien aber ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Kirche öffne.

So wurden Dokumente zur Kirchengründung durch Smith veröffentlicht. Es gab eine Reihe ausführlicher Artikel, in denen unerfreuliche Aspekte der Kirchengeschichte thematisiert wurden, etwa das Verbot für Schwarze, als Laienprediger zu arbeiten und die einstige Tradition der Polygamie.

In der Vergangenheit hätten die Mormonen einen hohen Preis dafür bezahlt, Dinge unter Verschluss zu halten oder zu verschweigen, sagte Bushman. "Gläubige fanden zufällig im Internet Dinge. Da sie nicht davon gehört hatten, waren sie schockiert und desillusioniert", sagte Bushman. "Sie fühlten sich angelogen und waren ziemlich wütend." Heute stelle sich die Kirche auf den Standpunkt, man könne die Fakten aushalten.

Die Kirche plant nach eigenen Angaben, mehr als 20 Bücher zu Joseph Smith zu veröffentlichen: Tagebücher, Übersetzungen, Dokumente, Korrespondenz mit Behörden sowie Geschäftsunterlagen.

ulz/AP/Reuters



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