Morphsuits: In Supermans Haut

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Tanzen, grölen, peinlich sein: Morphsuit-Träger schlagen in der Öffentlichkeit gerne über die Stränge. Die Menschen in den hautengen Ganzkörperanzügen genießen maximale Aufmerksamkeit bei maximaler Anonymität. Manch einer spricht dem Trend gar therapeutische Wirkung zu.

SPIEGEL ONLINE

Hamburg/Köln - Die seltsamen Wesen versammeln sich im Kreis, tuscheln verschwörerisch. Sie stecken von Kopf bis Fuß in hautengen Ganzkörperanzügen, haben sich den Stoff über das Gesicht gezogen. Dann rennen sie los, springen herum, quatschen fremde Leute an, tanzen, singen, fuchteln mit den Armen. Passanten drehen sich verwundert nach ihnen um. Was passiert da?

Es ist Samstagmittag, rund 70 Menschen treffen sich in Köln am Rande der Computerspielmesse zur "Morph 2012". Menschen, die sich in ihrer Freizeit in Elastan-Strampler zwängen und damit durch die Gegend laufen.

Dominik Fluri ist aus Ostwestfalen-Lippe zu dem Treffen nach Köln gereist. Er nennt sich "Freaky Morph" und trägt seinen Anzug in hellblau, darüber Shorts und T-Shirt, auf dem Kopf eine Baseball-Kappe. Der 15-Jährige läuft seit einem halben Jahr regelmäßig durch die Stadt, "um Faxen zu machen".

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"Morph 2012": Die Strampelmänner kommen
Der Name Morph kommt von Metamorphose, Verwandlung. Und die ist Dominik anzumerken. Der Schüler dreht in seinem Overall voll auf: Er tanzt über das Messegelände, zappelt, grölt, singt, gibt Interviews und dirigiert Presse-Fotografen. "Man verwandelt sich im Morphsuit in eine Person, die sich selbst gefällt", sagt Dominik.

Alter, Geschlecht und Aussehen sind egal

Auf der Gamescom sind die Morpher die Stars des Tages. Sie stehlen aufwändig verkleideten World-of-Warcraft-Wesen und grell geschminkten Cyber-Mädchen die Schau; Besucherinnen in kurzen Hotpants wollen Fotos mit den Gesichtslosen knipsen und kleine Jungs laufen ihnen aufgeregt hinterher.

Unter den vielen Teenagern, die in den Anzügen stecken, fällt Tanja aus der Reihe. Die 40-jährige Arbeitsvermittlerin für Hartz-IV-Empfänger ist mit ihrem Freund aus Hannover nach Köln gefahren, beide im Morphsuit. "Wir sind hier zwar die Ältesten, aber das macht nichts", sagt sie. "Im Anzug sind Alter, Hautfarbe, Geschlecht und Aussehen egal, alle sind gleich."

Natürlich gebe es auch skeptische Reaktionen, erzählt ihr Freund. Manche Menschen glaubten etwa, dass ein sexueller Fetisch dahinter stecke und rümpften die Nase, wenn das Paar mit jüngeren Morphern durch die Gegend zieht. "Das ist Quatsch, wir wollen nur Menschen zum Lachen bringen", sagt der 35-Jährige.

Der Trend stammt aus Japan, wo die engen Anzüge "Zentai" heißen und schon seit den sechziger Jahren getragen werden. Dort finden sie tatsächlich in der Fetisch-Szene Anwendung: Auf sogenannten "Anfasspartys" sollen die blickdichten Ganzkörperstrumpfhosen Hemmungen abbauen und die Anonymität der Gäste bewahren.

Schottische Geschäftsidee

Einen solchen "Zentai" haben die schottischen Brüder Ali und Fraser Smeaton und ihr Studienfreund Gregor Lawson 2009 auf einer Party herumgeistern sehen. Der Anzug-Mann war der Hingucker des Abends. Viele spendierten ihm einen Drink, Mädchen ließen sich mit ihm fotografieren und keiner nahm ihm sein übertriebenes Benehmen übel. Die Studenten witterten ein Riesengeschäft.

Um die Anzüge noch partytauglicher zu machen, optimierten die drei Freunde das Material: Heute ermöglicht die Mischung aus Elastanfasern den Anzugträgern, sich wie gewohnt zu bewegen, zu sehen, zu rauchen und durch den feinen Stoff hindurch zu trinken. Die Marke Morphsuits war geboren - und ganz nebenbei haben die drei Schotten den Anzug auch von seinem Schmuddelimage befreit.

Mehr als 400.000 Stück haben sie seit der Firmengründung über das Internet verkauft, die meisten nach England, Amerika und Australien. Der Umsatz lag im letzten Jahr bei rund zwölf Millionen Euro. "Deutschland ist mittlerweile der viertwichtigste Markt", sagt Michael Luber, Pressesprecher von Morphsuits Deutschland. Karneval, Halloween, Rockfestivals und andere Großveranstaltungen seien die besten Verkaufszeiten, aber auch die Szene, die das ganze Jahr über Anzüge bestellt, werde in Deutschland immer größer.

Therapeutischer Effekt

Um im Morphsuit im Mittelpunkt zu stehen, muss man weder besonders talentiert, schön, klug, mutig oder witzig sein. "Spannend ist, dass diese Verkleidung es dem oder der Einzelnen erlaubt, sich zu exponieren", sagt Sacha Szabo. Er ist Soziologe an der Universität Freiburg und erforscht populärkulturelle Phänomene, zu denen seit einigen Monaten auch die Morphsuits gehören. "Normale Leute erleben durch die Anzüge Zuspruch und gewinnen daraus Selbstsicherheit", so der Trendforscher. "Das Resultat wird sein, dass sie dann eines Tages ihre Verkleidungen ablegen wie Iron Man - und trotzdem Superhelden bleiben." Deshalb habe der Morphsuit einen geradezu therapeutischen Effekt.

Als der Morph-Pulk vom Messegelände der Gamescom in die Kölner Innenstadt zieht, verliert Dominik Fluri die Gruppe und verfährt sich mit der Bahn. Er hat sich die Maske vom Kopf gezogen und schaut verloren um sich. Plötzlich ist er wieder der 15-jährige Schuljunge, schüchtern und ein bisschen unsicher. Doch schließlich findet er die anderen an der Domplatte wieder und stülpt sich schnell die Morph-Maske übers Gesicht. Mit einem Handgriff ist alles wieder cool.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Therapie für Introvertierte
elmard 19.08.2012
Morphsuit-Träger lieben die Aufmerksamkeit, die sie ohne den Anzug nicht bekommen. Auch eine Art, seine Psyche gesunden zu lassen. Jedenfalls besser, als Arzneimittel mit Nebenwirkungen.
2. Wundert...
count_zer0 19.08.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINETanzen, grölen, peinlich sein: Morphsuit-Träger schlagen in der Öffentlichkeit gerne über die Stränge. Die Menschen in den hautengen Ganzkörperanzügen genießen maximale Aufmerksamkeit bei maximaler Anonymität. Manch einer spricht dem Trend gar therapeutische Wirkung zu. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,850651,00.html
...mich schon lange das es noch keine gezielt maskierende Kleidung von der Stange gibt. Außer irgendwelche Kapuzenpullis, die aber natürlich nicht sonderlich viel Stil haben und fast immer nach Unterschicht aussehen wenn man die ins Gesicht zieht. In einer Zeit in der man an jeder Ecke von Kameras beäugt und Handy-Kameras abgefilmst wird eigentlich recht nahliegend. Allerdings eher für Herbst/Winter geeignet...
3. Therapie ?
wühlmaus_reloaded 19.08.2012
Eher geht's wohl darum: ---Zitat--- Die Studenten witterten ein Riesengeschäft. ---Zitatende--- Also wieder so'n Modetrend für Leute, die sonst nichts mit sich anzufangen wissen. Bemerkenswert ist daran nur, dass er mal nicht aus USA rüberschwappt.
4. Dumme Frage....
Jonny_C 19.08.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINETanzen, grölen, peinlich sein: Morphsuit-Träger schlagen in der Öffentlichkeit gerne über die Stränge. Die Menschen in den hautengen Ganzkörperanzügen genießen maximale Aufmerksamkeit bei maximaler Anonymität. Manch einer spricht dem Trend gar therapeutische Wirkung zu. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,850651,00.html
...aber fällt das nicht eigentlich unter das deutsche Vermummungsverbot ? Ich frage nur, ich weiss es nicht, weil es z.B. verboten ist mit einem Motorradhelm auf dem Kopf eine Bank zu betreten !? Kennt jemand die rechtliche Lage ?
5. Seit...
count_zer0 19.08.2012
Zitat von Jonny_C...aber fällt das nicht eigentlich unter das deutsche Vermummungsverbot ? Ich frage nur, ich weiss es nicht, weil es z.B. verboten ist mit einem Motorradhelm auf dem Kopf eine Bank zu betreten !? Kennt jemand die rechtliche Lage ?
...wann darf man sich in DE generell nicht mehr vermummen, die Ausnahmen die §17a Absatz 2 des Versammlungsgesetzes nennt ausgenommen? Generell ist es kein Problem vermummt in der Öffentlichkeit rumzulaufen, solange keine offensichtliche Demo dort stattfindet (ob nun angemeldet oder nicht) ist das auch auf einem belebten Platz nicht verboten. Wäre ja noch schöner.
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