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Nach Lawinen-Unglück: Zwei Frauen proben den Alleingang am Mount Everest

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Nach dem Lawinen-Unglück, bei dem 16 Sherpas ums Leben kamen, ist die populäre Südroute auf den Mount Everest eigentlich gesperrt. Eine chinesische Bergsteigerin will trotzdem auf den Gipfel, eine Amerikanerin versucht ihr Glück allein am Nachbarberg Lhotse.

Mount Everest: Keine Pause am höchsten Gipfel Fotos
DPA

Neu-Delhi - Im April und Mai ist eigentlich Hochsaison am Mount Everest. Doch nach dem schweren Lawinenunglück am berüchtigten Khumbu-Eisfall, das vor rund drei Wochen 16 Sherpas das Leben kostete, muss man sich die ansonsten hochfrequentierte Südroute auf den höchsten Gipfel der Welt als sehr einsamen und rauhen Ort vorstellen. Die nepalesischen Bergführer, Sherpas genannt, hatten aus Respekt vor den Toten jegliche Besteigungen in dieser Saison abgesagt.

"Für viele von uns ist es unmöglich, weiter zu klettern. Solange drei unserer Freunde im Schnee begraben liegen, kann ich mir nicht vorstellen, über sie hinwegzugehen", sagte der Bergsteiger Dorje Sherpa Ende April. "Wir wollen die gestorbenen Sherpa ehren, aus Respekt vor ihnen können wir nicht weitermachen."

Die Organisation International Mountain Guides, Veranstalter zahlreicher Everest-Expeditionen, berichtete vor wenigen Tagen in ihrem Blog, die Leitern und Seile, die es ermöglichen, über das sogenannte Golden Gate oder Popcorn-Feld und durch den Eisfall zu gelangen, seien abmontiert worden, um erneuert zu werden. Das muss regelmäßig getan werden, geschieht aber normalerweise gegen Ende der Saison, bevor der Monsunregen und andere Witterungsveränderungen den Aufstieg erschweren. Ohne die Leitern und Seile gilt es als unmöglich, die Strecke zwischen dem nepalesischen Basislager und dem ersten Gipfelcamp 1 auf der Südseite des Berges zu bewältigen.

Die prominente Bergsteigerin Wang Jing will es offenbar trotzdem versuchen. Die 40-jährige Chinesin habe sieben Sherpas angeheuert und befinde sich zurzeit auf dem Weg zum Basislager, berichtet die "Himalayan Times" unter Berufung auf Quellen im nepalesischen Tourismus-Ministerium. Die Behörde hatte bereits kurz nach dem Lawinenunglück Druck auf die Sherpas ausgeübt, weiterhin Expeditionen zuzulassen, die Everest-Industrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das Land im Himalaja. Die für Expeditionen weitaus kostengünstigere Nordroute zum Gipfel ist weiterhin offen, allerdings liegt sie auf chinesischem Staatsgebiet.

Allein wie einst Hillary

Wang, Spitzname "Alpine Snow Lotus", ist die Autorin des Bergsteiger-Bestsellers "Life at Altitude" und hat bereits zahlreiche Achttausender-Gipfel bestiegen. Ihre Everest-Expedition ist Teil ihrer "7+2"-Kampagne, mit der sie den Rekord für die Begehung der sogenannten "Seven Summits", der höchsten Gipfel aller Kontinente, sowie beider Pole brechen möchte.

Die Verschiebung ihrer Everest-Expedition war in diesem ehrgeizigen Plan wahrscheinlich nicht vorgesehen. Wang, ebenso wie ihre sieben lokalen Helfer, setzt sich nun zwar gegen die pietätvolle Ruhepause am Everest durch, andererseits kann sie als eine der wenigen Bergsteiger heutzutage den höchsten Gipfel der Welt beinahe so ursprünglich und ohne Massentourismus erklimmen, wie einst die Pioniere Edmund Hillary und Tenzing Norgay oder spätere Berg-Extremisten wie Reinhold Messner. In wenigen Tagen soll Wang im Basiscamp 1 ankommen.

Die Chinesin ist allerdings nicht die einzige Abenteurerin, die zurzeit trotz Rückzugsverordnung am Mount Everest klettert. Die US-Bergsteigerin Cleonice P Weidlich, 51, kurz "Cleo" genannt, ist unterwegs zum Nachbargipfel, dem 8515 Meter hohen Lhotse. Mount Everest (8848 Meter) und Lhotse sind durch den sogenannten, 7986 Meter hohen Südsattel miteinander verbunden, der Lhotse ist der vierthöchste Berg der Erde.

Laut "Himalayan Times" ist Weidlich jedoch ohne Sherpa-Begleitung unterwegs, sie versucht die Besteigung offenbar ganz allein. Laut der Zeitung habe sie sich in den vergangenen Tagen mit einem Helikopter in das Camp 2 oberhalb des Everest-Basislagers fliegen lassen. Unklar ist, wie Weidlich den Flug organisieren konnte, denn eigentlich erlauben die nepalesischen Behörden auf dieser Höhe (das Camp 2 liegt auf etwa 6500 Metern) nur Rettungseinsätze.

Weidlich ist eine ebenfalls recht prominente Figur in der Bergsteiger-Szene. Den Mount Everest hat sie bereits 2010 bestiegen, Schlagzeilen machte sie, als sie 2011 bei ihrer Expedition auf den Mount Kangchendzönga (8586 Meter) beinahe tödlich stürzte. Die dramatischen Erlebnisse schilderte sie in einem Blog. Auf Facebook, so berichtet es der US-Blogger Alan Arnette, habe Weidlich vor einigen Tagen einige Zeilen über ihr riskantes Solo-Vorhaben gepostet: "Das nur, um Euch wissen zu lassen, dass meine Besteigung des Everest-Massivs mit oder ohne Leitern weitergehen wird. Ich habe einige der gefährlichsten Berge ohne bestiegen, und dieser (der Lhotse - d. Red.) ist tatsächlich sehr zahm im Vergleich zum Nanga Parbat, Annapurna 1 und Kangchendzönga." Sie weigere sich, schreibt Weidlich weiter, "dem Druck der Everest-Mafia nachzugeben. Ich entscheide gerne für mich selbst, wann ich meine Grenzen erreicht habe."

Berichten zufolge herrschen am Mount Everest zurzeit harsche Wetterbedingungen mit heftigem Schneefall und Gipfelwindstärken von bis zu 160 Stundenkilometern.

Korrektur: In einer früheren Version suggerierten wir in Bezug auf die 7+2-Kampagne Wang Jings, dass es nur sieben Achttausender gäbe. Tatsächlich gibt es weltweit 14 Berge mit mehr als 8000 Metern Höhe. Gemeint waren die "Seven Summits", die höchsten Gipfel aller Kontinente. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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1. 7 plus 2
PKloeppel 10.05.2014
Kleine Korrektur: Bei der Kampagne 7+2 der Chinesin Wang Jing geht es nicht um sieben Achttausender (von denen gibt es insgesamt 14), sondern um die sieben jeweils höchsten Gipfel - die berühmten "Seven Summits" - auf sieben Kontinenten.
2. Muss ich das kapieren?
AlbertGeorg 10.05.2014
Zwei Frauen proben den Alleingang am Mount Everest Eine chinesische Bergsteigerin will trotzdem auf den Gipfel, eine Amerikanerin versucht ihr Glück allein am Nachbarberg Lhotse. Wo ist jetzt die zweite Frau auf dem Weg auf den Mount Everest?
3. 7+2
hartmut_s 10.05.2014
Es gibt nicht sieben Achttausender, wie im Artikel behauptet, sondern 14 (plus 16 Nebengipfel). Das "7+2" bezieht sich auf die höchsten Berge sämtlicher Kontinente.
4. Nun ja, ...
hepra 10.05.2014
Zitat von AlbertGeorgZwei Frauen proben den Alleingang am Mount Everest Eine chinesische Bergsteigerin will trotzdem auf den Gipfel, eine Amerikanerin versucht ihr Glück allein am Nachbarberg Lhotse. Wo ist jetzt die zweite Frau auf dem Weg auf den Mount Everest?
... die Überschrift ist tatsächlich etwas irreführend, im Artikel selbst wird das aber relativiert, denn da ist dann ganz korrekt die Rede vom Mount-Everest-Massiv. Der Lhotse ist sozusagen ein "Nebengipfel" des Mount Everest.
5. Ich fass mir an den Kopf...
undnochmeinsenfdazu 10.05.2014
...wenn ich alle sachlichen Fehler zähle, die in diesem Artikel aufgeführt sind. Da ist von "allen 7 Achttausendern" die Rede, von "Monsunregen" (woher meint der Autor wohl, dass das Eis herkommt?), vom "Mount Kangchendzönga" (würde mich nicht wundern, wenn wir künftig was vom Mount Watzmann und vom Mount Matterhorn lesen...). Lieber Herr Borcholte, RECHERCHE ist Ihr Job!
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