Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom "Ich wollte unbedingt ein schwerstbehindertes Kind zur Welt bringen"

Was treibt eine Mutter, die ihre Kinder fast zu Tode quält, um sie dann wieder gesund zu pflegen? Eine Frau berichtet, wie das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom ihr Leben bestimmte.

Kind im Krankenhaus: "Alles paradox, grotesk, schräg, verrückt."
Corbis

Kind im Krankenhaus: "Alles paradox, grotesk, schräg, verrückt."

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"Meine Tochter war noch nicht ganz zwei Jahre alt, da habe ich es das erste Mal getan", schreibt eine Frau, die sich "Proxy" nennt, in ihrer Lebensbeichte. "Ich habe meine Tochter krank gemacht."

Mehr als 50-mal flößte sie dem seit der Geburt behinderten Mädchen Medikamente ein, die schwerste Krämpfe oder Bewusstseinsausfälle auslösten. Medikamente, die das Kind auf die Intensivstation brachten. "Offen gesagt weiß ich nicht, ob meine Tochter je einen Krampfanfall ohne mein Zutun hatte", schreibt "Proxy". 13 Jahre lang sei das so gegangen. "Es war alles paradox, grotesk, schräg, verrückt."

Als die Tochter etwa fünf war, verspürte "Proxy" den heftigen Wunsch nach weiterem Nachwuchs. "Ich wollte unbedingt ein schwerstbehindertes Kind zur Welt bringen", so die Mutter. "Ein Kind z. B. mit Down-Syndrom, mit Trisomie 21, hätte mir nicht gereicht. Ich wollte ein Kind mit ganz schwerer Behinderung, z. B. mit einer Tetra-Spastik (spastische Lähmung aller vier Extremitäten - d. Red.)."

Der Grund? "Ich wollte jede Minute gefordert sein."

"Proxy" leidet unter dem Münchhausen-by-Proxy-Syndrom (MBPS), das auch als Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom bekannt ist. Eine sehr seltene Erkrankung, bei der Mütter ihre eigenen Kinder krank machen, verletzen und benutzen, im schlimmsten Falle töten. Sie tun das mutmaßlich, um Aufmerksamkeit, Lob und Zuneigung durch Ärzte, Krankenhauspersonal und ihr persönliches Umfeld zu bekommen. Sie tun es aber auch, so erklärt es der Therapeut von "Proxy", um einen "unerträglichen inneren Zustand zu regulieren".

Ob Kinderärzte, Polizisten oder Staatsanwälte: Die erste Reaktion auf solche Fälle ist immer Entsetzen, so ist das auch bei dem Fall einer Mutter, der derzeit in Hamburg verhandelt wird. Unverständnis. Fassungslosigkeit. Manchmal Ekel oder Verachtung. Der versagende Mutterinstinkt, die unfassbare Perfidie in der Durchführung verstören. Dennoch müssen sich alle Beteiligten um Objektivität bemühen, gerade weil MBPS so selten, so wenig erforscht und komplex ist.

"Proxys" ehemaliger Psychotherapeut, Ulrich Sachsse, hat ein Buch über die Erkrankung geschrieben und darin versucht, das Syndrom unaufgeregt von verschiedenen Seiten zu beleuchten - aus ärztlicher, ethischer, strafrechtlicher und feministischer Perspektive. Der Bericht seiner Patientin, von deren Krankengeschichte sonst niemand weiß, sei eine Art Offenbarung. "Sie fühlt sich schuldig, die Veröffentlichung unter Pseudonym ist für sie ein Akt der Buße."

"Meine Mutter hat mich geopfert"

Natürlich gibt es Gründe, warum "Proxy" so wurde, wie sie ist. Sie erklären nicht die Art, wie sie ihre Töchter quälte. Aber sie machen ihre innere Not verständlich. Ab dem zehnten Lebensjahr sei sie von ihrem Stiefvater mehrmals in der Woche vergewaltigt, geschlagen und gedemütigt worden, berichtet sie. Manchmal habe "X" einen Freund mitgebracht. Sie habe begonnen, sich selbst zu verletzen, versucht, sich umzubringen. Einmal stach sie ihrem Peiniger eine Feile zwischen die Rippen, er überlebte. Wenn sie beschämt blutige Unterwäsche in der Mülltonne entsorgen wollte, habe die Mutter alles wieder herausgeholt und sie gezwungen, es zu waschen.

"Meine Mutter hat mich gehasst. Ich weiß bis heute nicht, warum. Seitdem das mit den Vergewaltigungen durch X losging, kann ich mich an keine Zärtlichkeit meiner Mutter mehr erinnern. Ich hatte das Gefühl, wenn ich meine Mutter berühren würde, würde ich einen elektrischen Schlag bekommen. Sie hat mich gehasst, gehasst, gehasst."

"Proxys" Geschichte ist die eines schändlich missbrauchten Kindes, das zum Kindsquäler wurde. Sie fragt sich selbst, ob sie eine "Monster-Mutter" ist. "Vielleicht, teils, teils, sowohl als auch", schreibt sie. Es gibt also Antworten. Aber mit Sicherheit keine einfachen.

Warum MBPS so selten entdeckt wird
  • Die Mütter verschleiern ihr Tun erfolgreich
  • Sie präsentieren sich engagiert, kompetent, hilfsbereit, verständnisvoll
  • Die Mütter kommen oft selbst aus Pflegeberufen oder haben medizinische Vorbildung, arbeiten auf Augenhöhe mit den Behandlern zusammen
  • Die von ihnen erzeugten Symptome bei den Opfern sind unspezifisch und sehr schwer zu diagnostizieren
  • Ärzte und Krankenhauspersonal können sich schwer vorstellen, dass eine Mutter ihr Kind mutwillig schädigt
  • Bei Verdacht zögern sie mitunter lange, bevor sie ihre Schweigepflicht brechen und die Behörden informieren. Dazu sind sie im Notfall laut §34 des Strafgesetzbuches und dem "Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz" berechtigt.
  • Eine Videoüberwachung im Krankenzimmer oder einer Privatwohnung ist in Deutschland rechtlich sehr schwer durchzusetzen, es ist schwer, der Mutter die Tat nachzuweisen.
Wie erklärt der Psychiater Sachsse die Krankheit? Wenn Flashbacks aus der Vergangenheit die schwer traumatisierte Patientin heimsuchen, erleidet sie einen totalen Kontrollverlust, sie wird überschwemmt von alten, bedrohlichen Gefühlen. Indem sie ihr Kind krank macht, ist sie "gezwungen", als kompetente, besorgte Mutter tätig zu werden. Sie erreicht dadurch einen Moment der totalen Selbstvergessenheit, eine Art "Flow", der sie befreit von den Erinnerungen. Die Funktionalität bleibt erhalten - die Frau kann Spritzen setzen, Medikamente verabreichen, das Kind malträtieren und verletzen, ihr Tun raffiniert verheimlichen. Im gleichen Moment ist jede Emotionalität abgespalten: keine Wut, keine Liebe, kein Mutterinstinkt.

Es gibt verschiedene psychoanalytische Theorien zur Natur dieses nur wenig erforschten Syndroms. Eine besagt, dass die Mutter sich mit der Quälerei auch einen Traum erfüllt: den des missbrauchten, vernachlässigten Mädchens, das auf eine Mutter hofft, die ihm zur Seite steht, es schützt, heilt und rettet. Es geht um Projektion: "Die Mutter schiebt ihr seelisches Kranksein quasi in das Kind hinein und behandelt es von außen", sagt Sachsse.

Strafrechtlich schwer zu verfolgen

"Proxy" konnte ihren Teufelskreis unterbrechen. Auch die zweite Tochter hatte sie nach der Geburt einige Male misshandelt. Sechs Monate nachdem sie sich erstmals einer Therapeutin anvertraute, hörte sie auf. Ihre furchtbare Geschichte blieb geheim, die Töchter wissen bis heute nicht davon.

Bei "Frau Proxy" wäre es im Falle einer Strafverfolgung vermutlich schwer, die Vergiftung der ältesten Tochter mit Medikamenten nachzuweisen, schreibt die Braunschweiger Oberstaatsanwältin Kirsten Stang in einem Beitrag für Sachsses Buch. Weil die Ärzte keinen Verdacht geschöpft hätten, gebe es vermutlich keine Aktenvermerke. Weil die Tochter durch Sauerstoffmangel während der Geburt Behinderungen davongetragen habe, sei es schwer festzustellen, ob Krämpfe und neurologische Ausfälle durch die Mutter hervorgerufen wurden.

Weil "Proxy" ihr Kind nicht töten, sondern krank machen wollte, hätte beim Tod der Tochter kein Mord, sondern Körperverletzung mit Todesfolge vorgelegen, schreibt die Staatsanwältin. Ohne Zweifel hätte es sich aber um den Straftatbestand der "Misshandlung von Schutzbefohlenen" und der Vergiftung gehandelt. Die Tatsache, dass "Proxy" laut eigener Aussage versucht hat, zwei ihrer Kinder im Mutterleib mit Medikamenten so stark zu schädigen, dass sie behindert zur Welt kommen, erfülle hingegen keinen Straftatbestand.

Im juristischen Sinne wird der Fötus demnach erst mit Einsetzen der Geburtswehen zur Person. "Das ist ein Wertungswiderspruch und eine schwer aushaltbare Vorstellung", so die Staatsanwältin: "Schädigt man sein Kind schon während der Schwangerschaft nachhaltig, passiert nichts - gibt man aber seinem geborenen Kind einen leichten Klaps, ist das bereits Körperverletzung", erklärt Stang.

"Proxys" älteste Tochter hat schwer unter der Misshandlung gelitten und noch heute große Probleme. Der Plan, die zweite und dritte Tochter im Mutterleib zu schädigen, misslang. Beide Mädchen wurden gesund geboren. Die Jüngste entwickelt sich positiv und altersgerecht, die mittlere machte Abitur und ist zufrieden in ihrem Beruf. "Ich bin mit ihr trotzdem sehr, sehr glücklich geworden", schreibt die Mutter. "Obwohl sie gesund war."

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  • Ulrich Sachsse:
    Proxy

    Dunkle Seite der Mütterlichkeit.

    Schattauer Verlag; 152 Seiten; 24,99 Euro

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