Mumienfund auf Diepholzer Dachboden "Sieht nicht aus wie vom Laden um die Ecke"

Sein Sohn entdeckte auf dem Dachboden einen Sarkophag mit einer Mumie - nun rätselt Lutz-Wolfgang Kettler, woher der Fund stammt. Ein Mitbringsel seines Vaters, das scheint sicher. Doch wie kam er dazu? Und was steckt in der Mumie?

Lutz-Wolfgang Kettler

Hamburg - Den ganzen Vormittag klingelt in der Diepholzer Praxis von Zahnarzt Lutz-Wolfgang Kettler schon das Telefon. Nein, keine schlimmen Karies-Notfälle. Sondern Reporter, die mehr wissen wollen über einen ungewöhnlichen Fund in der Familie des 53-Jährigen: Kettlers Sohn hat im Haus der Großmutter eine Mumie entdeckt.

Nun rätselt Kettler, was hinter dem Fund steckt - und warum in seiner Familie vorher kaum über die ungewöhnlichen Kisten auf dem Dachboden geredet wurde.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kettler, wie genau sind Sie denn auf die Mumie gestoßen?

Kettler: Mein Sohn war bei seiner Großmutter im Haus zu Gange, entlegene Winkel auskundschaften. Unter dem Dach war eine Nische freigeräumt, weil dort Reparaturarbeiten durchgeführt werden sollen. Da hat er in einer dunklen Ecke drei Kisten entdeckt. Ich habe ihm dann geholfen, die heraus zu holen. Speziell die große war irrsinnig schwer, die mussten wir mit einem Seil rausziehen. Dann haben wir reingeschaut und siehe da: Überraschung.

SPIEGEL ONLINE: Was war ihr erster Gedanke?

Kettler: Mir dämmerte es ein bisschen. Es ist mal drüber gesprochen worden, da war ich selber noch ein Kind. Es ging um irgendwelche Kisten mit irgendwas drin. Aber da ist nie viel Wirbel drum gemacht worden. Mein Vater wollte das auch gar nicht, glaube ich. Die Kisten sind im wahrsten Sinne des Wortes in Vergessenheit geraten.

SPIEGEL ONLINE: In den kleineren Holzkisten fanden Sie eine Totenmaske und eine Vase. Was vermuten Sie?

Kettler: Ich habe schon mit mehreren Leuten gesprochen: Was könnte das sein? Die Ideen reichen von Theater-Dekoration bis hin zu Replika für Museumsausstellungen. Die Vase, die Maske, der Sarkophag, in dem die Mumie liegt - so gesehen unstrittig, dass es Nachbauten sind. Nur die Mumie selber - man weiß nicht genau: Ist sie auch nur nachgemacht? Es sieht nicht aus wie vom Mumienladen um die Ecke.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater war als junger Mann für kurze Zeit in Nordafrika. Sie vermuten, dass er die Mumie von dort mitbrachte. Hat Ihr Vater beruflich etwas in Richtung Archäologie gemacht?

Kettler: Überhaupt nicht. Er war Zahnarzt, wie ich. Das verrückte an der Geschichte ist eigentlich: Sie spielt in den fünfziger Jahren. Da war mein Vater Student und arm wie eine Kirchenmaus. Man darf nicht denken: Da ist ein reicher Tourist mit einem Kreuzfahrtschiff vorgefahren, hat sich eine Mumie gekauft und ist damit nach Hause gekommen. Das hat irgendwelche anderen eigentümlichen Bewandtnisse, weswegen da wahrscheinlich auch nie drüber gesprochen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Nicht, dass noch eine Grabraubgeschichte daraus wird!

Kettler: Eine Grabraubgeschichte? Vielleicht nicht ganz so wild. Wir recherchieren momentan noch und setzen Puzzleteile zusammen. Meinen Vater können wir leider nicht mehr fragen, er ist vor zwölf Jahren verstorben. Es ist ein bisschen schwierig, wir brauchen etwas Zeit, um selber nachzuforschen.

SPIEGEL ONLINE: Und ihre Mutter weiß nichts?

Kettler: Meine Mutter ist 93. Da kriegt man eigentlich nicht mehr viel raus. Das ist einfach so. Es ist mal der Name der Stadt Derna gefallen. Das liegt im heutigen Libyen, dort soll mein Vater mit einem Studienfreund oder Schulfreund zusammen gewesen sein. Der hat ihn irgendwie überredet, dahinzukommen. Man muss auch sehen: Das war zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Deutscher im Ausland stand man damals ja auch nicht so gut da. Visa, Papiere, Ausweise, die Finanzen - keine Ahnung wie das gemacht wurde. Es ist irgendwie rätselhaft.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nicht Lust, die Familiengeschichte noch ein bisschen weiter zu ergründen?

Kettler: Ja, es ist interessant. Das Problem ist auch: Mein Vater hatte eine umfangreiche Bibliothek, die wir nach seinem Tod leergeräumt haben, in Kisten verpackt in den Keller gestellt. Bestimmt 300 Bananenkartons voller Bücher. Finden Sie da mal was auf die Schnelle.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie die Mumie jetzt noch wissenschaftlich untersuchen lassen?

Kettler: Ein Berliner Archäologe ist ein persönlicher Freund. Er will es sich mal anschauen. Dann sehen wir weiter. Ich bin lieber erstmal zurückhaltend und bin selber ein bisschen erschlagen von dem ganzen Wirbel.

SPIEGEL ONLINE: Riecht die Mumie eigentlich?

Kettler: Null. Die Kiste stand immer trocken seit mindestens 40 Jahren auf dem Dachboden. Staubtrocken.

Die Fragen stellte Hendrik Ternieden

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