Murdoch-Untersuchungskommission Boulevard der Schäbigkeiten

Sie wurden gehetzt, überwacht, verleumdet, bloßgestellt und erpresst - die Autorin J. K. Rowling und die Schauspielerin Sienna Miller schilderten vor dem Murdoch-Ausschuss die hemmungslosen Spitzelmethoden der britischen Tabloids. Offen blieb: Wie können solche Methoden künftig verhindert werden?

AP/ Parliamentary Recording Unit

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Der Donnerstag war der elfte Tag für die vom britischen Premierminister David Cameron eingesetzte Untersuchungskommission zum beispiellosen Abhörskandal rund um Rupert Murdochs inzwischen eingestelltes Skandalblatt "News of the World". Es sagten aus: die Schauspielerin Sienna Miller, der Medienanwalt Mark Thompson, der ehemalige Formel-1-Manager Max Mosley und die Schriftstellerin J. K. Rowling samt weiteren prominenten Betroffenen. In sachlicher, jedes Detail vertiefender Befragung zeichneten sie das Bild einer beschämenden medialen Unkultur, in der Menschen gehetzt, überwacht, bloßgestellt, verleumdet und erpresst werden.

Man muss das vorab sagen: Was da zurzeit in London untersucht wird, scheint so in Deutschland kaum denkbar. Es ist ein Medienskandal, der dafür sorgen dürfte, dass sich die Gesetzeslage in Großbritannien womöglich in mehrfacher Hinsicht ändern wird. Was als Schnüffelskandal des Boulevards begann, wird da wohl nicht enden. Denn die Untersuchungskommission stellt so einiges in Frage - von der freiwilligen Selbstkontrolle der britischen Presse PCC bis zur möglichen Reglementierung des Internets.

Was die Zeugen und Betroffenen allein im Laufe dieser Woche berichteten, dokumentiert eine tief verwurzelte Unkultur, in der Täter unzureichend gestraft, Opfer nicht genügend geschützt - und die, die sich zur Wehr setzen, gleich mehrfach bestraft werden.

Als "lose-lose-situation" bezeichnete der ehemalige Formel-1-Manager Max Mosley im Zeugenstand den Versuch, sich auf den Kampf gegen die Rufschädigung überhaupt einzulassen. Mosley hatte gegen die inzwischen eingestellte "News of the World" die bisher höchste Schadensersatzzahlung erstritten, die je von einem britischen Gericht zuerkannt wurde: 60.000 Pfund musste die Murdoch-Firma zahlen. Für Mosley hieß das, dass er auf nur noch 30.000 Pfund Verfahrenskosten sitzen blieb - hätte er verloren, hätte ihn das Prozedere bis zu einer Million Pfund kosten können.

Nicht jeder kann es sich leisten, sich überhaupt zu wehren

Es gebe also bei derzeitiger Rechtslage in Großbritannien in solchen Prozessen für die Opfer nichts zu gewinnen, bestätigten auch der Medienanwalt Mark Thompson und die Schauspielerin Sienna Miller. Dazu komme, dass all die Privatheiten, die man eigentlich schützen wolle, im Rahmen eines Prozesses öffentlich verhandelt würden - und jedes Medium dann darüber berichten könne.

Die Aussagen bieten eine seltene Gelegenheit, das Entstehen von Skandalgeschichten in der Entertainment-versessenen Boulevardlandschaft einmal aus anderer Perspektive nachzuvollziehen. Da sitzt Sienna Miller freundlich und locker und erzählt höchst sachlich vom alltäglichen Promi-Wahnsinn: nonstop verfolgt, ständig fotografiert, mit erlogenen Geschichten konfrontiert, mit Einbrüchen ins Privatleben bedroht zu werden.

Sie erzählt, wie ihre intimsten Beziehungen belastet und in Frage gestellt wurden, als über Jahre Informationen in der Presse auftauchten, "von denen definitiv nur drei Personen wussten". Es klingt, als könne sie es bis heute nicht fassen.

Man spürt, dass sie über mehr als nur erschüttertes Vertrauen spricht, sie redet von intimen Beziehungen, die durch Verdächtigungen am Rande des Zusammenbruchs standen. Und auch diese seltsame Mischung aus Horror und Erleichterung ist zu spüren, als sie entdeckt, dass sie und ihre Familie und Freunde schlicht und ergreifend abgehört, ihre privaten E-Mails gelesen wurden. Sie erzählt, wie ein anderes, nicht zum Murdoch-Imperium gehörendes Boulevardblatt sie zur taumelnden Säuferin machte, indem man ein Kind, mit dem sie spielte, aus einem Foto herausschnitt - das Resultat war ein reichlich seltsames Bild. "Es war unmöglich", sagt sie, "noch ein normales Leben zu führen."

Zu argumentieren, all das sei der Preis der Prominenz, sei nicht mehr als eine perfide, bewährte Taktik, so der Medienanwalt Mark Thompson: Wenn das Verhalten der Presse kritisiert werde, schlage die auf den Kritiker ein, um andere abzuschrecken. Selbst einstweilige Verfügungen gegen die Veröffentlichung von Fotos oder Behauptungen umgingen die britischen Boulevardmedien routiniert: Via Twitter, Social Networks, Blogs oder auf dem Umweg über US-Medien würden solche Informationen gezielt lanciert, um so doch noch berichten zu können.

Tricksen und täuschen

Für Thompson sind viele der ganz normalen Praktiken der Tabloid genannten Regenbogenpresse schlicht kriminell, die freiwillige Selbstkontrolle der Presse in Großbritannien sei unwirksam, sagte er. Alle Zeugen des elften Ausschusstags riefen nach strengerer Aufsicht, anderen Formen der Regulierung.

Es ist schwer, dagegen zu argumentieren. Regelrecht erschütternd geriet der mit Spannung erwartete Auftritt der Schriftstellerin J. K. Rowling (" Harry Potter").

Rowling, die als öffentlichkeitsscheu gilt, hatte zeitweise Probleme, die Contenance zu wahren. Ihrer Aussage stellte sie allerdings ein Statement für die Freiheit der Presse voran: Die sei ein hohes Gut, und es gebe auch "ehrenwerten Journalismus", der im Wortsinn "sein Leben riskiere". Aber am anderen Ende des Spektrums der Presselandschaft gebe es eben auch diese andere Presse, deren "Verhalten aufdringlich und illegal" sei. Rowling: "Ich frage mich manchmal, warum wir beides mit dem gleichen Wort bezeichnen."

Und dann erzählt sie, wie sie und ihre Familie ab 1997 von den Folgen ihrer wachsenden Popularität überrollt wurden. Wie Medien ihre Adresse veröffentlichten, das Haus belagerten, alles fotografierten. Wie ihre fünfjährige Tochter im ersten Schuljahr aus der Schule kam, und im Tornister steckte ein Brief von einem Journalisten: "Da war mir klar", sagt Rowling und hat Mühe, ihre Miene unter Kontrolle zu halten, "dass auch die Schule für mein kleines Kind kein Schutzraum mehr ist."

Alles, sagt sie, hätte sie getan, um das Private aus den Medien zu halten - umsonst. Hätte zu verhindern versucht, dass die Gesichter ihrer Kinder bekannt werden, saß mit ihnen oft tagelang eingesperrt im Haus, während draußen die Paparazzi-Meute lauerte. Wickelte sie in Decken ein, wenn sie aus dem Haus mussten: "Die Kinder hat das sehr in Mitleidenschaft gezogen."

Leben unter Vollüberwachung

2001 wagte sie in der Nebensaison einen heimlichen Familienurlaub auf Mauritius, ging fälschlich davon aus, der Strand des Hotels sei Privatgelände. So oder so hätte alle Vorsicht nichts genutzt: Die Paparazzi saßen auf einem Boot vor der Küste. Als die Familie nach England zurückkam, konnte sie sich ihre Strandfotos in der Boulevardpresse ansehen. Was nutzt es da schon, fragt Rowling, wenn man eine einstweilige Verfügung gegen solche Dinge erwirke: Sobald Bilder im Web sind, verbreiteten sie sich "wie ein Virus". Rowling: "Die Fotos meiner damals achtjährigen Tochter im Badeanzug sah man im Web noch nach Monaten."

"Der Einbruch in die Privatsphäre", sagte vor ihr Max Mosley, "ist schlimmer als ein richtiger Einbruch. Dinge kann man ersetzen, den Schaden aus so etwas aber nicht." Fast 70 Jahre alt ist Mosley, blickt zurück auf eine höchst erfolgreiche Karriere. Dann dichtete ihm die "News of the World" im März 2008 angebliche Sex-Nazi-Rollenspiele an. Eine Behauptung ohne jede Grundlage - außer, dass Mosley an Sexspielen mit mehreren einvernehmlich handelnden Erwachsenen teilgenommen hatte. Die sahen sich kurz darauf mit offener Erpressung konfrontiert: Entweder, sie gewährten Interviews, die dann anonymisiert veröffentlicht würden, oder sie fänden ihre Gesichter in der Presse. "Das ist es nun", sagt Mosley, "wofür man mich in Erinnerung behält."

insgesamt 12 Beiträge
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freiewählerberlin 24.11.2011
1. Medien-Skandal in Deutschland
Wurden hier nicht ebenfalls Telefone angezapft? Unbemerkt von Spiegel-Online und anderen vollzog sich heute Nachmittag der bundesdeutsche Skandal, dass die BILD-Zeitung die NPD vor den aktuellen Observationsmaßnahmen warnt: http://berlin2011.wordpress.com/2011/11/24/npd-bild-zeitung-leakt-massenobservation-von-v-mannern/ und http://berlin2011.wordpress.com/2011/11/13/doner-morder-laut-lka-von-behorden-heimlich-gewarnt/
Gandhi, 24.11.2011
2. Richtig,
nicht jeder hat die Finanzmittel, um gegen Murdoch & Co rechtlich vorgehen zu koennen. Das heisst aber nicht, dass jeder auch bereit ist, sich in sein oeffentliches Schicksal zu fuegen. Es waere sogar verstaendlich, wenn in solchen Faellen manch Betroffener zu Mittel greift, die genau so wenig legal sind wie die der Boulevard-Presse. Ich stelle mir gerade vor, wie die dann mit groesster Empoerung reagieren. Um das zu verhindern, ist es nicht nur notwendig, dass es klare Bestimmungen gibt, was die Presse darf und was nicht. Bei Verstoessen muss auch mit aller Haerte gegen die Blaetter und ihre Handlanger vorgegangen werden, allein schon um Nachahmer abzuschrecken.
Hannowald 24.11.2011
3. Manchmal
Manchmal kann ich nachvollziehen, dass ein "Promi" richtig sauer wird und dem aufdringlichen Fotografen eine rein haut - und sei es mit dem Regenschirm. Aber tut er das, dann fällt die gesamte Presse über ihn her und klagt ihr Recht auf freie Berichterstattung ein. Frau Rowling hat Recht: warum bezeichnet man diese Art des Psychoterrors als Journalismus.
MikeNixda 24.11.2011
4. und in Deutschland ...
Im Artikel zu schreiben, dass sowas in Deutschland undenkbar wäre, ist eine Verniedlichung unserer eigenen Boulevardpresse. Es mag stimmen, dass die extremsten Auswüchse, wie wir sie in GB erfahren durften, hier so nicht gibt. Das die deutsche Presse, insbesondere das Boulevard des Unterschichtendreigestirn Springer-Burda-Bertelsmann, ebenso menschenverachtend und verlogen schreibt, kann man jeden Tag aufs Neue in bildblog.de lesen. Und auch in Deutschland ist das Selbstkontrollmedium, der Presserat, eine Lachnummer. Zitat Kai Diekmann (Chefredakteur BILD): "Post des Presserates landet bei mir ungeöffnet im Papierkorb."
Achim 24.11.2011
5. Pressefreiheit
Großbritannien steht in der "Rangliste der Pressefreiheit" bei "Reporter ohne Grenzen" auf einem ehrenvollen 19. Platz. Länder, die solche kriminellen Machenschaften und Menschenjagden verbieten bzw. effektiv unterbinden, rangieren auf Plätzen zwischen 130 und 170. Was einiges über "RoG" aussagt.
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