Indischer Erfinder Muruga, der Menstruationsmann

In Indien sind Frauen während ihrer Regel Ausgestoßene, Monatshygiene gilt als anstößig. Um zu helfen, entwickelte ein Inder eine Maschine zur Bindenherstellung. Sein Produkt testete er in einem abstrusen Selbstversuch.

Stolzer Visionär: Muruga und seine Maschine zur Herstellung von Damenbinden
Jayaashree Industries; [M] SPIEGEL ONLINE

Stolzer Visionär: Muruga und seine Maschine zur Herstellung von Damenbinden

Von Daniela Schröder


Der jüngere der beiden Männer wedelt mit einer Damenbinde, rechteckig, zwei Daumen dick. "Warum gibt es keine Maschine für Modelle mit Flügeln?", fragt er den Chef der Maschinenfirma. "Flügel sind Quatsch", sagt der, nimmt dem jungen Mann die Binde aus der Hand und zieht langsam den Klebestreifen ab. "Hier, der Klebeteil geht über die ganze Rückseite, nichts kann verrutschen. Flügel sind total überflüssig." Die beiden Männer gucken auf die Binde und schweigen. "Hm", macht der junge Mann. "Flügel brauchen wohl nur die Frauen im Westen. Wegen der Unterwäsche, die sie tragen. Strings und Tangas und so."

Der Firmenchef lächelt. Er schraubt eine Wasserflasche auf, gießt Wasser in die Flaschenkappe, kippt es auf die Damenbinde. Dann eine zweite Kappe voll, eine dritte. Der junge Mann streicht über die Binde, drückt drauf, quetscht sie in der Hand. "Nicht schlecht", sagt er. "Die lässt tatsächlich nichts raus." Der ältere Mann lächelt wieder und schiebt ihm ein Blatt Papier über den Tisch, einen Kaufvertrag für zwei Maschinen, jeweils 150.000 indische Rupien pro Stück, rund 2300 Euro, Lieferung und Maschinentraining inklusive. Lieferant: Jayaashree Industries, 57 K.N.G. Pudur Road, Somayampalayam, Coimbatore.

Coimbatore liegt im Süden Indiens, Gliedstaat Tamil Nadu. Eine Industriestadt mit offiziell zwei Millionen Einwohnern, berühmt für Baumwollfabriken, Textilfirmen, Wasserpumpenproduzenten. Außerdem berühmt wegen ihrer Hochschulen für Ingenieurwesen, einer Uni für Agrarwissenschaften, zig bedeutender Hindu-Tempel und eines alljährlichen Yoga-Festivals.

Mit rostigen Maschinen in die Zukunft

"K.N.G. Pudur Road?", fragen die Tuk-Tuk-Fahrer im Stadtzentrum von Coimbatore, machen große Augen, zucken mit den Schultern. Nie gehört, was soll da sein, wo ist das überhaupt? Wer zu Jayaashree Industries will, ruft vorher den Firmenchef an und gibt das Telefon dem Tuk-Tuk-Fahrer. Der steuert durch das Gewühl der Stadt, hinaus auf eine kilometerlange Straße, irgendwann rumpelt das Tuk-Tuk über einen staubigen Feldweg, er endet vor Mauern und Eisentoren.

Ein Tor steht offen, dahinter flache Schuppen, vor denen Männer alte rostige Maschinen zerlegen und andere Männer neue rostige Maschinen bauen. Ein Raum, groß wie eine Doppel-Autogarage, hellblaue Wände, hier und da bröckelt die Farbe. Entlang der Wände niedrige Regale voller Farbdosen, Werkzeugkisten, Metallkram, farbbekleckst, ölverschmiert, manches staubig. Hinten in einer Ecke sitzen der junge Mann und der Firmenchef an einem Tisch, darauf ein wuchtiger schwarzer Laptop, Papierstapel, Damenbinden, ein Smartphone.

Gefunden in
Arunachalam Muruganantham oder Muruga, wie sich der Firmenchef nennt, ist 54 Jahre alt, das schütter werdende Haar trägt er in die Stirn gekämmt, zwischen den Brauen ein orangefarbenes Hindu-Segenszeichen, weinrotes Hemd über beiger Hose, Halbschuhe mit ausgefransten Nähten. Über seinem Schreibtisch hängen ein Elefantengott-Bild, Fotos, Zeitungsartikel. "Man in a Woman's World" heißen die Schlagzeilen und "For Women's Sake", die Fotos zeigen Muruga auf einem Podium neben dem Gründer von Microsoft, auf einem roten Teppich zwischen zwei Schönheiten im kurzen Schwarzen, auf einer Bühne die Hände einer ehemaligen indischen Präsidentin schüttelnd. Muruga wurde in Indien und im Ausland ausgezeichnet und geehrt, ist Gewinner von Innovationspreisen, ein amerikanisches Nachrichtenmagazin kürte ihn zu einem der hundert bedeutendsten Menschen des Jahrhunderts. Auf der Liste stehen Hollywoodstars, Politiker, Sänger, Sportler, der Papst. Muruga ist dabei, weil er eine simple Maschine erfunden hat. Eine Maschine, mit der Frauen Damenbinden herstellen.

Menstruation - ein heikles Thema

In der Werkstatt summen drei Neonröhren, der Ventilator weht Papiere vom Schreibtisch, ein handgroßer Moskito schwirrt durch den Raum und landet auf einer von zwei Holzkisten, hoch und breit wie ein Kleinwagen. "Da sind Maschinen drin, die morgen nach Afrika gehen", sagt Muruga. "Wir exportieren mittlerweile in alle Welt." Die Produktion läuft auf Hochtouren, vier Arbeiter schrauben, löten und schweißen, montieren Holzplatten auf Metallgestelle und Handpressen auf Holzplatten. Murugas Handy klingelt. "Nein, Sir, wir haben keine Vertriebspartner. Wir sind ein Sozialunternehmen, und wir verkaufen direkt an die Hersteller. Mailen Sie mir Ihre Kontaktdaten, und ich schicke alle Informationen."

An einer Wand hängt ein Plakat mit einer Industriemaschine, ein meterlanges Hightechmonster, wie es in den Fabrikhallen großer Bindenhersteller steht. Alle Arbeitsschritte auf einmal, Produktion per Knopfdruck, sekundenschnell. "So eine Anlage kostet mindestens eine Million Dollar", sagt Muruga. "Ich habe den Fertigungsprozess auf vier einfach konstruierte Maschinen aufgeteilt. Billig zu bauen, also kann ich sie günstig verkaufen. Einfach zu bedienen und leicht zu reparieren, das ist optimal für die Frauen, die mit den Maschinen arbeiten." Mit Murugas Maschinen eine Binde zu produzieren, dauert zehn Minuten, es sind vier Arbeitsschritte plus das Verpacken. Zwei Typen von Maschinen stellt Jayaashree Industries her, eine mit der Hand zu bedienen, eine halbautomatisch mit kleinem Motor. Geräte wie aus einer vergangenen Zeit.

Für indische Frauen und Mädchen bedeutet Murugas Erfindung einen Fortschritt, für manche sogar eine Revolution. Auf dem Land, dort, wo die meisten Inder wohnen, werden Frauen während ihrer Periode isoliert. Menstruierende Frauen gelten als unrein, sie dürfen keine Lebensmittel berühren, nicht in den Tempel gehen, nicht neben ihrem Ehemann schlafen. Die Tabus stammen aus einer Zeit, als Frauen während ihrer Periode allein in Hütten sitzen mussten. Aber auch heute noch ist die Menstruation in Indien ein heikles Thema. Wie ihr Körper funktioniert, das erfahren Mädchen zwar mittlerweile im Schulunterricht - allerdings erst, wenn sie ihre Periode längst haben. Falls sie dann überhaupt noch zur Schule gehen. Jedes vierte Mädchen nimmt nach der ersten Menstruation nicht mehr am Unterricht teil, Schulen auf dem Land haben meist keine Toiletten.

Krank durch traditionelle Monatshygiene

400 Millionen Inderinnen sind in einem Alter, in dem sie menstruieren, 400 Millionen potenzielle Kundinnen für Binden, Tampons, Slipeinlagen. Ein Milliardengeschäft. Doch Indiens Markt für Monatshygieneprodukte ist schwach entwickelt, nur jede zehnte Inderin benutzt Binden, von Tampons ganz zu schweigen. Die Mehrheit der Frauen fängt das Blut mit Tüchern auf, selbst gemacht aus alter Kleidung. Andere Frauen nehmen Zeitungspapier, trockene Blätter, kleine Beutel voll Sand oder Asche, manche setzen sich immer wieder auf ein Büschel Gras oder Heu.

Weil sie nicht wissen, dass es Binden gibt.

Weil auch ihre Mütter und Großmütter es so gemacht haben.

Weil sie in einer Gegend leben, wo es keine Binden zu kaufen gibt.

Weil sie sich die Binden der internationalen Hersteller nicht leisten können.

Wissenschaftler sehen die traditionellen Monatshygienemethoden als eine der Hauptursachen für Gebärmutterhalskrebs, da sie Infektionen fördern. In keinem anderen Land der Welt erkranken und sterben so viele Frauen daran wie in Indien, fast doppelt so viele wie im weltweiten Durchschnitt. Zudem lösen sie Früh- und Totgeburten aus, Babys kommen behindert zur Welt, junge Frauen werden unfruchtbar.

Muruga nennt Zahlen, zitiert aus Statistiken und Studien, beschreibt das Verbraucherverhalten, sucht nach Bildern für die Monatsblutung. "Das ist nicht wie bei Wasserhähnen, aus denen es gleichmäßig fließt", sagt er zu dem jungen Mann. Er ist Mitarbeiter einer indischen Hilfsorganisation, die sich um Mädchen und Frauen in den ärmsten Gebieten des Landes kümmert und die nun in die Herstellung von Damenhygieneprodukten einsteigen will. "Die Menstruation ist bei jeder Frau anders", doziert Muruga. "Und vergiss nicht: Frauen auf dem Land, die richtig arbeiten, die bluten stärker als ein Stadtmädchen, das den ganzen Tag im Büro sitzt." Der junge Mann guckt ihn mit großen Augen an. "Wir reden über etwas", sagt er, "das wir selbst nie erleben werden." Muruga legt den Kopf leicht schief. "Doch", sagt er. "Ich weiß, wie das ist."

Ehre gegen Geistesblitz

Rückblick: Pappanaickan Pudur, ein Vorort von Coimbatore, Oktober 1998. Ein typisch schwül-heißer Tag, Muruga schlurft die Treppe zur Wohnung hoch, er hat Hunger, ist müde. Mittagspausenzeit. "Shanti", ruft Muruga. "Shanti, was gibt es zu essen?" Seine Frau huscht über den Flur, die Hände hinter dem Rücken, als verstecke sie etwas. Er: "Was hast du da?" Sie: "Das geht dich nichts an." Er greift um sie herum, will sehen, was sie ihm nicht zeigen will. Sie wehrt sich, er reisst ihr einen Stofflumpen aus den Händen. "Was ist damit, warum versteckst du das vor mir?" Im selben Moment ahnt er die Antwort, Muruga ist mit drei Schwestern aufgewachsen. "Damit würde ich nicht mal den Motorroller putzen!", ruft er. "Das weiß ich, ich gucke Fernsehen, ich kenne die Werbung", sagt sie. "Aber wenn ich Monatsbinden kaufe, dann können wir uns keine Milch mehr leisten."

Anstatt zu essen, fährt Muruga mit dem Roller in die Stadt. Er will der Sache auf den Grund gehen. Binden besorgen. "Stayfree? Carefree? Whisper?", fragt der Ladenbesitzer. Muruga wählt die Marke mit der buntesten Verpackung, eine Verkäuferin packt die Ware in Zeitungspapier. Bei Damenbinden ist das üblich, Muruga kommt sich vor wie ein Drogendealer. Zu Hause schneidet er eine Binde auf, weiche weisse Watte quillt heraus. Stinknormale Baumwollwatte, vermutet Muruga, ein günstiges Material in der Textilhochburg Coimbatore. Allerdings kostet eine einzelne Binde vier Rupien, in der Tat so viel wie ein halber Liter Milch.

In den nächsten Tagen denkt Muruga bei der Arbeit in seiner kleinen Metallwerkstatt über Damenbinden nach. Wie kann es sein, dass ein Produkt aus so billigem Material so teuer ist? Warum gibt es Binden großer internationaler Hersteller, aber keine indischen Marken? Zu Hause erzählt ihm Shanti, dass nicht nur sie selbst, sondern dass auch von den Frauen im Dorf keine Binden benutzt. Muruga ist begeistert. Eine Maschine zum Herstellen von Binden, die kann er in seiner Werkstatt bauen. Eine Testperson für das Produkt hat er zu Hause.

Binden tragen im Selbstversuch

In einer Baumwollfabrik kauft Muruga Watte und Zellstoff, daraus bastelt er etwas, das er für eine Damenbinde hält. "Ein Geschenk, hab ich selbst entwickelt", sagt er zu seiner jungen Frau. "Probier es aus und sag mir, was du davon hältst." - "Das geht erst nächsten Monat wieder", sagt Shanti. Im vierten Jahr seiner Ehe lernt Muruga, dass Frauen nicht jeden Tag Binden benutzen. Aber wochenlang auf Testergebnisse warten, das dauert ihm zu lange. Muruga entwickelt weitere Prototypen und bittet seine Schwestern um Hilfe. "Vergiss es!", bügeln sie ihn ab. "Bei so einer abartigen Sache machen wir nicht mit!" Muruga stellt sich an den Eingang einer Krankenschwesternschule. Wenigstens hier, so vermutet er, gehen Frauen offen mit dem Thema um. Mehrere Male steht er vor der Schule, spricht Schülerinnen an, erklärt sein Forschungsprojekt. Doch keine will seine Binden testen und beurteilen, nein, auch nicht anonym per Fragebogen.

Im Dorf wuchern Gerüchte.

"Habt ihr schon gehört? Muruga mit der Metallwerkstatt, der macht sich an Studentinnen ran. Tut so, als sei er ein Professor, was für ein billiger Trick!"

"Was stimmt denn nicht bei ihm und seiner Frau?"

"Vielleicht hat sie…"

"Vielleicht will er…"

"Irgendwas mit denen muss doch…"

Shanti hält das Gerede irgendwann nicht mehr aus. Als Muruga eines Abends nach Hause kommt, liegt ein Zettel in der Küche. "Bin ein paar Tage bei meinen Eltern." Drei Wochen später bekommt er einen Brief, sie will sich scheiden lassen. Aber Muruga hat Wichtigeres zu tun, er tüftelt an Plan B. Sein Plan B lautet: Wenn Frauen die Binden nicht testen wollen, dann testet sie eben ein Mann. Muruga selbst. In die Blase eines Fussballs füllt er Ziegenblut, frisch vom Dorfmetzger. Muruga bohrt ein kleines Loch in die Blase, bindet sie mit einem Stoffstreifen vor den Bauch, klebt sich eine Binde in die Unterhose. So geht er durchs Dorf, fährt mit dem Rad, arbeitet in der Werkstatt, sitzt beim Essen, schläft, bei jeder Bewegung sickert Blut aus der Blase, bald wenig, bald viel.

"Es war die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt Muruga zu dem jungen Mann von der Hilfsorganisation. "Ich fing an zu stinken, und ich war total nervös, ständig schaute ich nach, ob ein Blutfleck in meiner Hose sei. Es war furchtbar. Und das alles machen Frauen jeden Monat durch. Jahrelang. Jahrzehntelang!"

Muruga hat schon bald Flecken in der Hose. Am Dorfbrunnen wäscht er seine Sachen. Nachts, damit ihn niemand sieht. Zwecklos. Am nächsten Morgen wechseln die Leute die Straßenseite, als er ihnen entgegenkommt. "Muruga ist unten krank", diagnostizieren seine Nachbarn. "Das ist die Strafe für seinen Sexwahn!" - "Muruga ist ein Vampir", wissen andere Dörfler. "Er trinkt das Blut junger Mädchen!" Murugas Mutter kennt den Grund: "Er ist von einem bösen Geist besessen! Nein, das ist nicht mehr mein Sohn!" Die Mitglieder des Panchayat, Instanz für Gesetz und Moral im Dorf, lösen das Problem: "Muruga hat das Dorf augenblicklich zu verlassen. Weigert er sich, dann ist er kopfüber an den Heiligen Baum zu binden, wo er hängen muss, bis das Böse wieder aus ihm gewichen ist."

Ein Gründungsmythos - fast zu gut, um wahr zu sein

Zehn Tage lebte Muruga mit Blut und Binde zwischen den Beinen. "Andere Männer waren die ersten Menschen auf dem Mond", sagt er zu dem NGO-Mitarbeiter. "Muruga ist der erste Mann auf der Welt, der eine Damenbinde getragen hat."

Muruga, der Menstruationsmann. Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Vielleicht ist die Geschichte, wie alles begann, ein Gründungsmythos. So oft erzählt, dass er selbst für seinen Erzähler zur Wahrheit geworden ist. Wie er das Material für die Binden entwickelt und die Geräte konstruiert hat, das lässt Muruga im Vagen. "Vier Jahre lang arbeitete ich an der Maschine", sagt er. Nachfragen wehrt Muruga ab wie hartnäckige Moskitos. "Ist lange her. Wie soll man sich da noch haargenau erinnern?"

Was auch immer passiert ist damals, die Geschichte, wie alles begann, ist ein perfektes Marketinginstrument, kein Werber hätte eine coolere Story spinnen können. 2200 Bindenmaschinen hat Muruga bisher verkauft. 1600 davon in Indien, die anderen in Länder wie Kenia, Nigeria, Mauritius, Fidschi, nach Nepal und Bangladesch, an Frauengruppen, Hilfsorganisationen, Schulen, Kommunen. In Indien gibt es mehr als 800 Bindenmarken, die auf Murugas Maschine entstehen, er zeigt Fotos von bunten Bindenpaketen. Vings heisst eine Marke, es gibt Relax-Binden, Day Free, Be Cool, Touch Free, Softex, es gibt Markennamen in den Hunderten Sprachen und Dialekten Indiens. "Wie wollt ihr sie nennen?", fragt Muruga den jungen Mann. "Steht noch nicht fest", sagt er. "Aber wahrscheinlich etwas in Hindi."

Die Karunya-Universität ist eine der Attraktionen von Coimbatore, gut 30 Kilometer östlich der Stadt, eineinhalb Autostunden durch eine sattgrüne Landschaft aus Reisfeldern und Bananenplantagen. Die Uni hat einen Fahrer mit amerikanischem Geländewagen geschickt, Muruga trägt eine grau glänzende Hose, ein exakt gebügeltes weißes Hemd, eine Nickelbrille mit goldenem Gestell. Ein Pulk Professoren erwartet den Wagen, sie geleiten Muruga in das Auditorium, ein Saal voller Männer Anfang 20, alle mit auf Halbarm hochgekrempelten glatten Hemden, hier und da sitzt eine junge Frau mit Zopf und in Bluse.

"Bücher verhindern freies Denken"

"Wir begrüßen eine der hundert wichtigsten Persönlichkeiten unseres Jahrhunderts!", ruft ein Professor ins Mikrofon. "Mister Arunachalam Muruganantham!" Zwei Studentinnen überreichen ihm ein Blumenbukett, er schüttelt Hände, posiert für Fotos, verzieht keine Miene. Als alle anderen die Bühne verlassen haben, legt Muruga los, er spricht Englisch. "Mich zu verstehen, das ist euer Problem!", ruft er in den Saal und grinst. Murugas Muttersprache ist das lokale Tamil, Englisch hat er sich selbst beigebracht. Oft liegt er mit Wörtern daneben, die Grammatik holpert, aber er redet schnell, als müsse er zwischendurch keine Luft holen. Selbst Inder brauchen Zeit, sich ins Muruganisch einzuhören. Als Muruga die Geschichte erzählt, wie damals alles begann, lachen und klatschen die Studenten, ab und zu klatschen und lachen auch die Professoren, für indische Verhältnisse tobt der Saal.

"Als ich zehn war, starb mein Vater", erzählt Muruga. "Meine Mutter begann, auf Feldern zu arbeiten, aber sie verdiente kaum etwas, also hörte ich mit der Schule auf und begann als Handlanger in einer Metallschmiede. Heute rufen Leute von Risikokapitalgesellschaften bei mir an und wollen in mein Unternehmen investieren." Muruga startet eine Power-Point-Präsentation. "Innovation als Unternehmensbasis" steht auf der ersten Seite. "Wer innovativ sein will, der muss frei denken!", proklamiert Muruga und schreitet über die Bühne. "Glücklicherweise habe ich nie studiert. Bücher verhindern freies Denken." Auf der Leinwand ist ein Foto zu sehen, Muruga bei einer Preisverleihung, er steht zwischen den Chefs eines der weltgrößten Konsumgüterkonzerne. "Und in der Mitte ein Schulabbrecher", ruft Muruga stolz. Im Hörsaal ist es still, irgendwo kichert jemand, die Gesichter der Professoren wirken wie eingefroren.

Am nächsten Morgen ist Murugas Handy tot. Kurz nach neun ist es, an diesem Tag arbeiten nur drei von Murugas Männern, einer hat sich krankgemeldet, ein entzündeter Moskitostich. Es ist schwülwarm in der Werkstatt, der Deckenventilator hat Aussetzer, Muruga sitzt am Schreibtisch und checkt E-Mails. Drei Nachrichten von Studenten der Karunya-Universität. "Sir", schreibt einer, "es wäre mir eine Ehre, für Jayaashree Industries zu arbeiten und zum weiteren Erfolg Ihres Unternehmens beizutragen. Kommenden Sommer mache ich meinen Abschluss." Muruga lächelt und drückt die Löschtaste.

"Wer kennt eine Bindenmarke?"

Ein Mann betritt die Werkstatt, er bringt eine Rechnung, vier Handpressen für die Bindenmaschine sind zu bezahlen. Muruga greift in die Hemdtasche, zieht ein Bündel Geldscheine heraus, drumherum ein Gummiband, die indische Rupie ist wie früher die italienische Lira, viel Papier und wenig Wert. "Muss ich dir doch als Scheck geben", sagt Muruga und fischt aus einem der Stapel einen Block. Ein Bote bringt Bankunterlagen vorbei. Muruga fragt: "Wo soll ich unterschreiben?" - "Ich weiß es auch nicht so genau." Muruga verdreht die Augen. "Indien, die IT-Nation", sagt er. "Läuft hier eigentlich irgendwas ohne einen Berg Papier?"

"Wir brauchen neue Metallklemmen", ruft einer von Murugas Männern, er hockt vor einem Regal und kramt in einer Plastikkiste. "Mein Materialmanager", stellt Muruga ihn vor, vielleicht ein Scherz, vielleicht ernst gemeint, Muruga scheint immer leicht zu lächeln. Er leiht sich ein Telefon, ruft den Klemmenhersteller an. "Wann könnt ihr liefern? In ein paar Tagen? Okay, kein Problem." Muruga zeigt eine Einladung zu einer Unternehmerkonferenz, der Chef einer großen Bank tritt als Gastredner auf. "Und ich", sagt Muruga stolz, "ich halte den Hauptvortrag."

Das Unternehmertreffen findet im angesagtesten Fünfsternehotel in Coimbatore statt. Ein Konferenzraum mit Edelholz und Flauschteppich, livrierte Pagen servieren Häppchen, die Luft ist kühl und leicht parfümiert. Vielleicht hundert Gäste sind da, die Männer in Anzughose und hellem Hemd, vier Frauen in schlichten Saris, alle mit Tablet und Smartphone. Der Moderator begrüßt die Gäste in akzentfreiem Oxford-Englisch, erzählt ein bisschen über Marketinginstrumente, Finanz-Know-how, Wissenstransfer. "Und als Ehrengast", ruft er schließlich ins Mikrofon, "spricht zu uns einer der bedeutendsten Unternehmer unserer Zeit, ein Mann aus Coimbatore. Meine Damen und Herren, hier kommt Mister Arunachalam Muruganantham!"

Dezentes Klatschen, Muruga tritt auf die Bühne. Headset am Kopf, Wasserflasche in der Hand, grau glänzende Hose, weißes Hemd, Goldrandbrille. Muruga erzählt seine Geschichte. Stolziert über die Bühne, reisst Witze, lacht über die Witze, kein Mister-Muruganantham-Vortrag, eine Muruga-Show. "Dann ich ins Dorf, Binden kaufen. 'Welche Marke?', fragt der Mann im Laden. Ich total verwirrt, zeige einfach auf die schönste Packung." Die Männer schmunzeln, die Frauen kichern. "Aber es ist doch so!", ruft Muruga, und sein Lächeln ist weg. "Autos, Mode, Zigaretten, wir Männer kennen zig Marken. Aber wer kennt eine Bindenmarke? Wer von euch hatte schon mal eine Damenbinde in der Hand?" Einige lachen, alle schauen, wie die anderen reagieren, zwei jüngere Männer zeigen zaghaft auf. "Genau das ist der Grund", sagt Muruga, "warum nur fünf Prozent der Frauen in Indien Binden benutzen. Wir sind Sohn, Ehemann, Vater, Großvater, wir verbringen unser ganzes Leben mit Frauen. Und trotzdem wissen wir Männer nicht, was im Körper einer Frau passiert, wir haben keine Ahnung von der Menstruation." Es ist jetzt still im Saal. "Kein Wunder, dass sich in diesem Land auf diesem Markt nichts bewegt", ruft Muruga, er klingt wie ein Konzernchef, der kurz vor Bekanntgabe einer mageren Jahresbilanz seinen Top-Managern den Kopf wäscht.

Produktion vor Ort

Muruga tupft sich die Stirn ab, klappt seinen Laptop auf und beamt Fotos an die Saalwand, Fotos von Eseln, die Teile seiner Maschine transportieren. Eines seiner ersten Exemplare ging vor Jahren ins Himalaya-Gebirge, nahe der Grenze zu Nepal. Als irgendwann die Straße aufhörte, luden sie vom Transporter auf Tiere um. "Von meiner Werkstatt bis in dieses abgelegene Dorf hat es keine Woche gedauert", sagt Muruga. "Die internationalen Hersteller würden Jahre brauchen, um eine Lieferung Binden dahinzubringen."

"Für solche Gegenden wären Verkaufsautomaten optimal", wirft ein Mann aus dem Publikum ein. "Ich bin hier, um Indien zu einem Land mit dezentralisierter Produktion zu machen", ruft Muruga. "Nicht um Verkaufsmaschinen zu bauen!" - "Wenn man Binden im ganzen Land auch in Automaten verkaufte", sagt der Mann, "dann würden mehr Frauen sie benutzen." Muruga entgegnet: "Es geht nicht nur um Hygiene, ich will Einkommensquellen schaffen, verstehen Sie das nicht?"

Gut 3500 Kilometer nordöstlich, in Mahoba Srinagar, einem Dorf in Uttar Pradesh, dem mit mehr als 200 Millionen Menschen am dichtesten besiedelten Gliedstaat Indiens, der zugleich eine der ärmsten Ecken des Landes ist: Wasserbüffel weiden in den Reisfeldern, auf kleinen Bergen thronen Tempel, schwankende, hoch beladene Fahrräder und Ochsenkarren bestimmen das Tempo auf den Straßen. In den Dörfern hämmern Männer auf Metallteilen, Frauen sammeln Kuhfladen und legen sie zum Trocknen aus, kleine Kinder hüten Ziegen und Schafe. Aus Ziegelsteinöfen quillt dicker Qualm, auf der Haut sammelt sich Staub, der Himmel ist gelb, die Luft schwer. Alte Männer im traditionellen Hüfttuch starren in Smartphones, an Hütten und Häuschen werben Plakate für eine Bleichcreme, "Fair&Lovely" steht über einem hellen, hübschen Frauengesicht. Ein Mix aus Postkarten-Indien, Zeitreise und Moderne.

Am Ende einer Sackgasse ein rasselndes Scheppern, in einem flachen Haus steht eine Frau an einem Tisch, auf dem ein Metalleimer lautstark vibriert. Nach einigen Minuten drückt sie einen Knopf, holt weiße Watte aus dem Eimer, stopft pappeähnliche Stücke hinein, das Ding röhrt wieder los. Im Nachbargebäude wiegt eine Frau Wattebüschel ab, eine andere drückt sie in eckige Formen, die nächste macht mit einer Handpresse Wattekerne daraus, welche wieder andere in einen Vliesstoff hüllen, schließlich legt eine Frau die Wattepads auf ein Blech und schiebt dieses in eine Art Backofen. "Ein UV-Gerät", erklärt sie. "Das ultraviolette Licht tötet die Bakterien im Material."

Indiens Menstruationsmythen

Vor zwei Jahren startete die Produktion auf Murugas Maschinen, finanziert von der lokalen Regierung, die damalige Gouverneurin hatte von der Idee gehört. Muruga reiste mit Geräten an, installierte sie, die Frauen zerbrachen Kokosnüsse an den Maschinen, ein Segensritual, dann zeigte er, wie alles funktioniert. "Ein Tag nur, und wir waren eingearbeitet", sagt die Frau an der Handpresse. In der Produktion sind 28 Arbeiterinnen, verteilt auf mehrere Schichten, um die 800 Binden fertigen sie an einem Tag, ein normales Modell plus ein extradickes für Frauen, die gerade entbunden haben. Subah heißt die Marke, "Der Morgen". In Indien wird pro Tag der Periode eine Binde gerechnet, ein Paket mit sechs Stück kostet 13 Rupien, halb so viel wie die Binden der internationalen Hersteller. Ein Teil der Subah-Produktion geht an kleine Läden und Medizinstationen, der andere an Schulen im Bezirk, Schülerinnen bekommen Binden umsonst.

Im Produktionsraum ist es ruhig, die Hand- und Fußkettchen der Frauen klingeln leise, wenn sie Hebel umlegen und Pedale treten. Alle tragen einen Arbeitskittel, Haarhaube und Mundschutz, in der Mittagspause sitzen sie im Gärtchen hinter der Firma, teilen sich mitgebrachtes Essen, erzählen, was es Neues gibt in ihren Familien und den aktuellen Klatsch aus dem Dorf. "Seitdem ich selbst verdiene", sagt später Apurva, die Frau von der Handpresse, "haben wir für unsere Kinder immer das Schulgeld, auch für die Mädchen." "Seitdem ich hier arbeite", sagt eine andere Frau, "benutzen die Mädchen und Frauen in der Nachbarschaft keine Tücher mehr, sondern Binden. Allerdings war es schwer, mit ihnen darüber zu reden."

Der Glaube an Übersinnliches ist in Indien stark, über den weiblichen Körper und das, was darin vorgeht, gibt es besonders viel Aberglauben und zig Mythen. In abgelegenen Dörfern gibt es etliche Regeln. Fasst eine Frau, die blutet, ein Glas mit sauer eingelegtem Gemüse an, ist es verdorben. Kocht sie Essen, ist es vergiftet. Läuft sie zig Kilometer für Trinkwasser, verseucht sie es. Wäscht sie Wäsche, liegt ein Fluch auf dem, der die sauberen Sachen anzieht. Wässert sie die Pflanzen auf dem Feld, verkümmert die Ernte. Berührt eine menstruierende Frau einen Mann, wird er krank. Berührt eine menstruierende Frau eine andere Frau, steckt sie die Frau mit ihrer Blutung an. Passiert das alles nicht, hat ein guter Geist Gnade walten lassen. Aber beim nächsten Mal könnte es bereits wieder anders sein, glauben die Menschen.

"Ich dachte, ich sei krank und müsse sterben"

"Das Leben einer Frau dreht sich nur um dieses Thema", sagt Apurva, sie ist 29. "Aber niemand spricht darüber." Als sie zum ersten Mal ihre Periode bekam, wusste sie nicht, was mit ihr passierte. "Ich dachte, ich sei krank und müsse sterben. Als ich es meiner Mutter erzählte, sagte sie: 'Jetzt bist du ein großes Mädchen.'" Die Mutter gab der Tochter einige Tücher, geschnitten aus einem alten Sari, ihre blutigen Lappen wusch Apurva abends im Dunklen. "Niemand in der Familie sollte merken, dass ich meine Periode hatte. Ich schämte mich selbst vor meiner Mutter." Anstatt die Tücher in der Sonne zu trocknen, was Keime und Bakterien tötet, hängte Apurva andere Wäsche darüber und stopfte die halbtrockenen Tücher in eine Ecke. Wie wichtig Hygiene für ihre Gesundheit ist, lernte sie erst in der Bindenwerkstatt.

"Die abgelegenen armen Gegenden im Nordosten, die interessieren mich am meisten", sagt Muruga. Er sitzt in seinem alten Land Rover, ist auf dem Weg zum Mittagessen. "Warum für die wenigen Reichen auf der Welt produzieren, wenn der Markt für die Milliarden armer Menschen noch unerschlossen ist? Die großen Konzerne sind nur am Profitmachen interessiert, die sind wie Parasiten. Ich will wie ein Schmetterling sein, der Blüten bestäubt. Ich will der Gesellschaft helfen, sich selbst zu entwickeln." Junge Frauen auf Motorrollern ziehen vorbei, ihre Schultertücher wehen wie bunte Flaggen. "Seitdem es die halbautomatischen Roller gibt, fahren Frauen allein", kommentiert Muruga. "Mit einfacher Technik können sie umgehen."

Das Produkt verbessern und Kundenwünsche umsetzen, wie es die Leute in Mahoba Srinagar tun, das ist für Muruga kein Thema. Er hat etwas erfunden, vom Geschäft damit kann er leben, vor allem hat ihm seine Idee Ruhm und Anerkennung eingebracht. Frauen für die Hightechproduktion auszubilden und eines Tages mit einer Binde "made in India" den Weltmarkt zu erobern, solche Ideen findet er absurd. "Small is beautiful" heißt der Slogan seiner Garagenfirma, Muruga will bewusst klein bleiben, Menschen in der Region sollen für Menschen in der Region produzieren, damit in den schwachen Gegenden die Wirtschaft wächst.

Indiens Regierung fährt den entgegengesetzten Kurs, das Land soll sich in großem Stil industrialisieren, soll Megafabriken aufbauen und sich zur nächsten globalen Wirtschaftsmacht entwickeln. Während die reichen Länder der Welt die Grenzen von Konsum, Wachstum und Umweltressourcen erfahren, will Indien endlich aufholen. Murugas Modell des lokalen Kleinunternehmertums wäre für die Zukunft seines Landes wohl besser, aber so weit ist sein Land noch nicht.

Im Hause Muruga

Pappanaickan Pudur, wo Muruga fast sein ganzes Leben verbracht hat, war früher ein Dorf, über die Jahre ist es mit der Stadt zusammengewachsen. Die Häuser sind zartrosa, hellblau, orangegelb, schlafende Hunde liegen wie tot an der Straße, alte Männer ruhen unter Bäumen, auf Zäunen und Hausmauern trocknet Wäsche. Vor Minitempeln stehen Schüsseln mit Früchten und Weihrauch , an den Ecken Kioske voll mit Knabberzeug, Telefonkarten, Trockenfisch. Vor Kurzem wurde eine Straße neu gemacht, glatter Teer und Mittelstreifen, die Dorfautobahn. "Straßen verbessern das Leben der Menschen doch nicht. Es gibt sowieso schon zu viele Autos, wir müssen endlich runter von den vier Rädern", sagt Muruga, als der Land Rover darübergleitet. Er grinst. "Am besten wäre ein kleines Gerät am Körper, das uns in Nullkommanichts von einem Ort zum anderen bringt."

Muruga parkt vor einem schmalen Haus, in der Gartenmauer geht ein Tor auf, eine Frau in langem Blumenkleid kommt ans Auto, Pferdeschwanz, Kindergesicht, schönes Lächeln. "Meine Frau", sagt Muruga. "Das ist Shanti." Shanti nimmt seine Aktentasche an sich und folgt ihm die Treppe hoch. Vor der Wohnung trocknen Kindersachen auf der Leine, im grossen Zimmer steht ein Spielzelt in der Ecke, neben dem Fernseher hängen Urkunden und Fotos von Muruga auf Konferenzen, darunter eine pinkfarbene Plastikprinzessin. Es gibt noch vier kleine Zimmer mit Regalen und Schränken voller Kartons, Bücher, Werkzeugkram, die Küche ist winzig und blitzblank. "Shanti sagt mir seit Jahren, dass wir ein eigenes Haus bauen sollen", erzählt Muruga. "Aber warum denn? Ist doch schön hier."

Shanti legt Bananenblätter auf den Boden, häuft Reis darauf, Gemüse, serviert Soßen, dann verschwindet sie in die Küche. Muruga isst, dann geht er in ein Nebenzimmer, "ich muss mich ein paar Sekunden ausruhen." Die Tür lässt er auf, man sieht ihn, alle Viere von sich gestreckt, auf dem Boden liegen und schlafen. Shanti kommt mit einem Metalltablech, darauf ihr Essen. Am Vormittag hat sie Binden produziert, in der Wohnung steht eine der Maschinen, Shanti verkauft an Frauen im Dorf. "Wenn Muruga sich für etwas interessiert, dann lässt er nicht mehr los", sagt sie. "Das war damals genauso. Irgendwann las ich in der Zeitung, dass er eine Maschine erfunden hat und dafür einen Preis bekommt."

Rückkehr statt Stigma

Eineinhalb Jahre nach ihrem Auszug ist sie zu ihm zurückkehrt. Shanti ist 39, mit 17 hat sie Muruga geheiratet, eine arrangierte Ehe, wie sie in Indien nach wie vor üblich ist. Vor sechs Jahren haben die beiden eine Tochter bekommen. "Was damals war, habe ich vergessen", sagt Shanti. "Ich bin glücklich so, wie es heute ist."

Wie es ihr damals wirklich gegangen ist, wie sie sich gefühlt hat, dazu will sie nichts sagen. Shanti wollte sich von Muruga scheiden lassen, doch eine Scheidung bedeutet in Indien nicht nur einen jahrelangen Bürokratiekampf. Eine Scheidung hat Folgen - vor allem für die Frau. Sie bekommt Probleme im Beruf, findet oft keine Wohnung, sie verliert das Ansehen in der Gesellschaft. Denn es ist Aufgabe der Frau, sich um den Familienfrieden zu kümmern; eine Scheidung bedeutet: Er hat sie verlassen, denn sie hat versagt. Ein ewiges Stigma, mit dem Shanti nicht leben wollte. Dass die Zeitungen über Murugas Erfindung schrieben, machte ihre Entscheidung einfacher.

In Murugas Werkstatt puzzeln zwei Arbeiter an Maschinen, der dritte steht auf dem Schreibtisch des Chefs und steckt eine Pfauenfeder ans Götterbild. Das Internet läuft nicht, Muruga nimmt seinen Plastikstuhl und setzt sich raus unter einen Mangobaum, man blickt auf Wiesen und Felder, über einer Bergkette hängen weiße Wattewolken im Himmelblau. "Maschinen wie meine bauen sie jetzt angeblich auch in China", sagt Muruga. Er verschränkt die Hände hinter dem Kopf, lehnt sich zurück, schließt die Augen. "Aber so ist das immer", murmelt er, "wenn du Erfolg hast." Sekunden später schnellt er vom Stuhl auf und schreitet zum Rand des Feldes, eine Reihe Pflanzen wächst dort, manche sind grün und kräftig, manche graubraun und dürr. "Mein nächstes Projekt", sagt er und lächelt. "Ist aber noch geheim. Es geht um Landwirtschaft. Und um Frauen." Und um Muruga, den Erfinder.

Der Text ist in der aktuellen Ausgabe von Reportagen erschienen.

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