Muslime und Christen in Köln "Der Islam fordert uns heraus"

Kampf der Kulturen? Köln ist Heimat vieler Christen - und vieler Muslime. Die Zahl der Katholiken nimmt stetig ab, zugleich entsteht eine der größten Moscheen des Landes. Besuch in einer Stadt, die das Zusammenleben erprobt wie kaum eine andere in der Bundesrepublik.

Aus Köln berichtet Juliane von Mittelstaedt


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Muslime in Köln: "Ihr seid allein, wir sind zusammen"
Wenn es in Deutschland einen Konflikt zwischen den Religionen gibt, dann müsste er in Köln zu beobachten sein - der Hauptstadt der religiösen Türken in Deutschland und Bastion des Katholizismus.

Hier machen die Katholiken aus Kirchen Altenheime, während die Muslime eine der größten Moscheen des Landes bauen.

Zwei Minarette, je 55 Meter hoch, dazwischen eine Kuppel wie eine stilisierte Weltkugel, darunter ist Platz für 1200 Gläubige. Die Moschee ist der umstrittenste Sakralbau Deutschlands, der jüdische Intellektuelle Ralph Giordano nannte sie eine "Landnahme auf fremdem Territorium". Der Kölner Kardinal Joachim Meisner sprach von einem "Kulturbruch" durch die muslimische Einwanderung.

In Sichtweite des Doms sitzt Werner Höbsch, 58, Leiter des Referats Dialog und Verkündigung beim Erzbistum Köln. Ein Mann mit weißem Bart und blauem Pulli, er sieht aus wie ein Kapitän auf Landgang, und ein bisschen ist er das auch. Ein Kapitän, der den Kurs des Christentums im stürmischen Meer der Religionsvielfalt sucht.

400.000 Katholiken, 120.000 Muslime

Jetzt geht es darum zu definieren, wie Christen und Muslime in der Domstadt zusammenleben können. Denn in Werner Höbschs Aktenordnern stehen beunruhigende Zahlen: Den etwa 120.000 Muslimen in der Stadt stehen 400.000 Katholiken gegenüber, 2500 traten im vergangenen Jahr aus der Kirche aus, 3588 Bestattungen gab es, 2965 Taufen. Geht es so weiter, dann könnte der Islam Ende des Jahrhunderts die stärkste Religion in Köln sein.

Höbsch ist keiner, der Angst vor dem Islam hat, im Gegenteil. Er findet, man könne einiges von den Muslimen lernen. Ehrfurcht etwa und Selbstsicherheit im Glauben. Eigentlich ist nicht der Islam sein Konkurrent, sondern die Indifferenz, die Glaubenslosigkeit. Er sieht die Krise auch als Chance: "Die Christen hier waren in puncto Sichtbarkeit auf dem Rückzug - jetzt müssen wir uns verstärkt in der Öffentlichkeit als Christen einmischen. Der Islam fordert uns heraus, uns der eigenen religiösen Wurzeln zu erinnern."

Gestritten wird wenig im interreligiösen Dialog, es ist eher ein Dialog der Besänftigung, der gegenseitigen Versicherungen von Respekt. Man wünscht statt zu fordern. Eine Kirche im türkischen Tarsus, wie sie der Kardinal schon seit Jahren sehr lautstark wünscht, gibt es allerdings noch nicht. Der türkische Dachverband der Muslime, die Ditib, mag Toleranz von Deutschen verlangen, in der alten Heimat nimmt sie es damit nicht so genau.

Interreligiöser Dialog

In der Praxis läuft der interreligiöse Dialog meist so, dass die Bischöfe Grüße zum Fastenbrechen übermitteln und die Muslime zu Weihnachten gratulieren. Man unterzeichnete eine gemeinsame Friedensverpflichtung, baut jedes Jahr auf einem Spielplatz eine Wippe, Juden, Christen und Muslime zusammen. Ein schönes Bild, weil man ja nicht alleine wippen kann, sondern immer einen anderen braucht.

In diesem Sinne ist Kemalettin Oruç, 41, der Andere auf der Wippe. Oruç ist ein leiser Herr im grauen Anzug, er lebt seit 14 Jahren in Köln, sein ältester Sohn geht auf eine katholische Schule, der jüngere soll bald folgen. Was nicht weiter verwunderlich wäre, wäre er nicht offizieller Theologe im Dienst der Ditib.

"Dort bekommt mein Sohn eine gute Bildung", sagt er. Natürlich, sagt Oruç, katholischer Religionsunterricht ist Pflicht, auch der Besuch eines Gottesdienstes einmal im Monat; sein Sohn betet dann eben nicht mit. Am Wochenende geht er zum islamischen Religionsunterricht. "Unsere Kinder sollen das Christentum kennenlernen", sagt der Theologe. "Aber sie sollen natürlich in unserem Glauben erzogen werden." Da kennt er keine Kompromisse.

Bildung, Respekt, Demut

Die Werte der christlichen Schule, Bildung, Respekt, Demut - sie sollen dazu dienen, dass sein Sohn ein guter Muslim wird. Der Sohn des Herrn Oruç ist der gelebte interreligiöse Dialog, und er zeigt, dass beides friedlich zusammen existieren kann, Christentum und Islam.

Hinter dem Theologen hängt ein Poster der neuen Zentralmoschee, Oruç ist stolz darauf. "Neben den Kirchen gibt es jetzt würdige Moscheebauten, das ist ein normaler Prozess", sagt er. "Eine religiöse Radikalisierung der Gesellschaft lehnen wir ab. Religion ist Privatsache. Alle sollten das Recht haben, ihre Religion in würdigen spirituellen Räumen auszuüben."

Es gibt wütende Gegner und begeisterte Fans des Moscheebaus, und es gibt wie immer eine große Mitte, die sich die Moschee etwas kleiner wünscht, etwas weniger auffällig.

Für sie zeigen die Minarette einen Machtanspruch, der nicht nur religiös, sondern auch politisch und gesellschaftlich ist. Die neue Zentralmoschee wird an der Venloer Straße errichtet, im Zentrum von Köln-Ehrenfeld, und viele haben Angst, sie könnte einen langen Schatten über das ganze Viertel werfen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
ChocosKnusperbär 20.12.2009
1. Und nun...?
Ich finde den Artikel nichtssagend. Probleme werden nicht klar benannt, geschweige denn Lösungsansätze diskutiert. Könnte es sein, dass immer noch nicht ganz offen über die Probleme des Islam in einem Spiegel-Artikel geschrieben werden darf?
umsetzer 20.12.2009
2. Alles...
Friede, Freude, Eierkuchen... zumindest im SPON...
pu_king81, 20.12.2009
3. Ich bin gespannt auf die naechsten 10-20 Jahre
Falls ich sie denn erleben werde. Warum haben Religionen ueberhaupt ein Anrecht auf irgendetwas? Saekularer Staat heisst: Religionen raus aus der Politik, Religionen raus aus den Schulen, Religionen runter von den Strassen. Wie der türkische Mitbuerger doch so trefflich erwaehnte: Religion ist Privatsache, auch wenn er trotzdem diese Verlaengerung in Koeln benoetigt! Mein Vorschlag: ein Gesetz dass jede Religion ein Anrecht auf Raum zum rumspinnen hat und zwar in DIN normierten Bloecken.
jaein 20.12.2009
4. ohhmm
wieder so ein relativierer wischi waschi artikel. protestanten oder ohhh grauß atheisten sind scheinbar nicht erwähnenswert...die religiösen teilen das land unter sich auf bis die katholiken ausgestorben sind und dann übenimmt der islam, oder was soll dieser artikel mir sagen?
wasissn, 20.12.2009
5. 995.000 Einwohner
Die Mehrheit der Kölner sind "Ungläubige". Aber die werden schon nicht mehr gezählt, die Dhimmis in Spe. SPON im Trend. 400.000 Katholiken, 120.000 Muslime (Rest: 475.000)
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