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Muslimischer Schützenkönig: Du sollst nicht heucheln

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Weihbischof Heiner Koch beim Gottesdienst im Zelt eine Schützenvereins (2006):  Im Hochamt die Hände gefaltet  Zur Großansicht
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Weihbischof Heiner Koch beim Gottesdienst im Zelt eine Schützenvereins (2006): Im Hochamt die Hände gefaltet

Ein westfälischer Schützenkönig soll seinen Titel verlieren, weil er kein Christ ist. Lachhaft. Die Religion ist bei den dörflichen Gelagen doch bloße Staffage.

Waren Sie schon einmal auf einem Schützenfest? Nein? Seien Sie froh!

Ich bin auf dem Land groß geworden, in einer Gegend, in der man erstens katholisch war, zweitens CDU wählte und drittens Mitglied im Schützenverein-Fußballklub-Musikzug war. Es gibt Schlimmeres, aber schön war das nicht immer.

Zum Beispiel jedes Jahr im Spätsommer, wenn die Abende kühler wurden und das Dorf sich herausputzte: wehende Fahnen, frisch polierte Ford Sierras und Hausfrauen, die sich in sehr lilafarbene Kleider zwängten, während ihre Männer sich lindgrüne Anzüge mit Goldknöpfen und Fantasieorden antaten.

Dann marschierten die Kostümierten durch die Straßen, zogen in ein Festzelt und tranken eine beachtliche Menge Alkohol. Und schon bald kam es dort und anderswo, jedoch mit schöner Regelmäßigkeit, zu Ausschweifungen, über die ich aus Gründen der Diskretion schweigen möchte. Nur so viel: Die Gebote sechs und neun … schwierig.

Am nächsten Morgen saßen die Herrschaften dann alle mit gefalteten Händen in der Kirche und machten andächtige Gesichter. Wahrscheinlich, weil sie dem Herrgott in dieser verkaterten Stunde ganz nahe waren.

"Für Glaube, Sitte, Heimat" lautet das Motto des Bundes der Historischen Schützenbruderschaften (BHDS), der nun einen Schützenkönig aus dem Westfälischen Sönnern vom Thron stoßen will, weil er Muslim ist. Ein lächerliches Vorhaben, wenngleich fast konsequent. Sitte auf einem Schützenfest? Ich bitte Sie!

Der christliche Glaube ist bei diesen Veranstaltungen in Wahrheit auch nicht mehr als der Deckmantel für ein vogelwildes Volksfest. Er ist Fassade, genau wie Uniformen und Ballkleider, wie Hochsteckfrisuren und Orden. Nach außen fromm und bieder, doch eigentlich Mensch und Sünder.

Interessanterweise fiel ja selbst in Sönnern offenbar lange Zeit weder dem Verein noch dem Schützenkönig auf, dass die Religion ein prägendes Merkmal ihrer Gemeinschaft sein könnte: Wie, ach, ein Muslim darf bei uns nicht mitmachen?

Insofern verwundert es wenig, dass auch den BHDS in dem aktuellen Streitfall nur zu interessieren scheint, welche Glaubensgemeinschaft auf dem Steuerbescheid notiert ist. Hauptsache, die Form ist gewahrt, Ordnung muss sein.

Sollten die Schützenbrüder hingegen einmal Ernst machen mit ihrem Slogan und dazu übergehen, bei ihren Zusammentreffen tatsächlich christliches Verhalten einzufordern, könnten ihre Feste schnell gänzlich andere Veranstaltungen werden. Und auch das sonntägliche Hochamt wäre keine derartige Heuchelei mehr.

Zum Autor

Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 128 Beiträge
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1. Armes Deutschland
groovedoctor 06.08.2014
Dachte es geht um den Sport und nicht um die Religion. Kein Wunder verstehen sich die Religionen nicht, wenn alle sich abkapseln. Meine Empfehlung: Mut zur Offenheit gegenüber Neuen
2.
c.PAF 06.08.2014
Zitat von sysopDPAEin westfälischer Schützenkönig soll seinen Titel verlieren, weil er kein Christ ist. Lachhaft. Die Religion ist bei den dörflichen Gelagen doch bloße Staffage. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/muslimischer-schuetzenkoenig-kommentar-zu-schuetzenvereinen-a-984640.html
Köstlich! Treffer, versenkt! *loool*
3.
MarkusW77 06.08.2014
Grundsätzlich gebe ich ihnen recht, warum sie allerdings das dörfliche Schützenfest und das Dorfleben als solches unnötig schlechtmachen? Steht da jemand über den Dingen und weiß was wirklich sinnvoll ist im Leben? Auch für andere Menschen ? Kein schöner Wesenszug
4. Wie wahr
swpi 06.08.2014
Doch wäre es anders herum gäbe es diese disskusion nicht. armes Deutschland
5. Danke Herr Diehl
ekel-alfred 06.08.2014
Zitat von sysopDPAEin westfälischer Schützenkönig soll seinen Titel verlieren, weil er kein Christ ist. Lachhaft. Die Religion ist bei den dörflichen Gelagen doch bloße Staffage. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/muslimischer-schuetzenkoenig-kommentar-zu-schuetzenvereinen-a-984640.html
Danke Herr Diehl, Sie haben mir den Morgen gerettet. Muss noch die Tränen (vor lauter Lachen) aus dem Gesicht wischen. Sehr treffend beschrieben....... Ich hatte auch nie etwas für die seltsam gewandeten Damen und Herren übrig, die alle Jahre wieder das Dorf schmücken und auf Holzvögel schießen. Von den Alkoholexzessen ganz zu schweigen. Die Geschichte mit dem muslimischen Schützenkönig schießt den Vogel aber in besonderer Weise ab. Leider hat sich der Dachverband, im Gegensatz zu den Vereinen, wohl nicht weiter entwickelt. Dort gelten offenbar noch die alten Regeln aus dem Mittelalter.
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