Erfahrungsbericht einer Mutter Wehe, du beginnst zu spät mit der Hebammen-Suche

Susanne war schwanger, dann zog die Familie um - aber am neuen Wohnort fand sie einfach keine Hebamme. Wie ist das, vor und nach der Geburt auf sich allein gestellt zu sein? Die 36-Jährige erzählt, wie diese Erfahrung bis heute nachwirkt.

Schwangere Frau (Symbolfoto)
Getty Images / Westend61

Schwangere Frau (Symbolfoto)

Von


Das Timing war schlecht. Als ihr Mann eine Stelle in Berlin angeboten bekam, war Susanne Meier* zum zweiten Mal schwanger. Die Familie zog um. Neben der Betreuung des damals anderthalbjährigen Tim und dem Umzugsstress beschäftigte eine Frage die 36-Jährige besonders: Finde ich eine Hebamme?

Susanne Meier sitzt in ihrer hellen Wohnung in einem Berliner Vorort. Auf der Spieldecke neben dem Couchtisch im Wohnzimmer liegt Töchterchen Laura, ein gutes halbes Jahr alt, brabbelt und sabbert Bauklötze voll. Meier blickt auf das Baby und erzählt: "Ich wusste, dass ich spät dran bin. Ich habe nach Hebammen gesucht, sobald feststand, dass wir hier wohnen werden."

Meier war zu spät dran, viel zu spät, wie sich bald zeigte.

Berichten Sie uns von Ihren Erlebnissen
    Was sind Ihre Erfahrungen mit Hebammen? Welche Unterstützung haben Sie durch Ihre Hebamme erfahren - und was hätten Sie sich gewünscht? Schreiben Sie uns an spon.hebammen@spiegel.de

(Mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer - gegebenenfalls anonymisierten - Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.)

Beim Umzug war Meier im sechsten Monat schwanger. Sie fragte in einer nahen Hebammenpraxis an, suchte auch weiträumiger. Es war frustrierend - und vergeblich. "Es hieß überall, leider schon längst ausgebucht." Bis zu Terminen, die weit hinter Lauras errechnetem Geburtstermin lagen, hatten die Hebammen keine Zeit. "Nach vier oder fünf habe ich aufgegeben, weil mir klar war, dass das nicht klappen wird", sagt Susanne Meier.

Bei einem Anruf bekam sie den Tipp, es bei einer Hebammenhotline zu versuchen. Allerdings hieß es auch, sie müsse Glück haben, um dort überhaupt durchzukommen. Meier verzichtete frustriert. "Ich kam mir wie eine Bittstellerin vor. Ich flehte um Hilfe, aber es konnte keiner was machen." Nach den Telefonaten flossen öfter Tränen.

Videoreportage von Sylt: "Zur Geburt musst du aufs Festland"

SPIEGEL ONLINE

Den Hebammen macht Meier keinen Vorwurf. "Sie geben ihr Bestes, aber es sind einfach zu wenige." Der Wunsch nach dem Zuspruch einer Hebamme, der Unterstützung einer Vertrauensperson, der kontinuierlichen Begleitung in der Schwangerschaft und nach der Geburt blieb unerfüllt. Kein Wunder, gibt es doch immer mehr Hebammen in Teilzeit und immer weniger in Vollzeit.

Meiers Ehemann Lars musste zudem arbeiten. So blieb die heute 36-Jährige oft allein - mit Sohn Tim, damals anderthalb, und vielen Fragen. Es wäre leicht, Meier Naivität vorzuwerfen. Immerhin hatte sie schon eine Schwangerschaft hinter sich, diese Erfahrung hatte sie anderen Schwangeren voraus.

Aber die Schwangerschaft mit Tim war vollkommen entspannt verlaufen. "Bei Tim war gar nichts, das lief alles glatt." Viele Probleme, mit denen Meier sich nun konfrontiert sah, kannte sie nicht. Bei der ersten Schwangerschaft hatte sie eine Hebamme gehabt, hätte aber keine gebraucht. Bei Schwangerschaft Nummer zwei war es umgekehrt.

Was hilft gegen Sodbrennen in der Schwangerschaft? Konnte Meier den quengelnden Tim auf den Arm nehmen, auch wenn es am Bauch ziepte? Und wie lange sollte sie ihn tragen? Statt einer Hebamme konsultierte Susanne Meier Mütterforen im Internet.

"Ich war öfter mal krank und wollte wissen, was ich nehmen darf. Meine Ärztin hat mir dann gerne mal ein Antibiotikum verschrieben, und ich dachte: Muss das jetzt sein? Da hätte ich gerne mit einer Hebamme gesprochen, ob es eine Alternative gibt."

"Ich war kurz vorm Heulen"

Laura kam im Sommer 2017 zur Welt. Dass die Hebammen im Krankenhaus überlastet waren, wunderte Susanne Meier nicht. Es blieb kaum Zeit für Fragen zur Rückkehr nach Hause.

Zum Beispiel, wie sie die Narbe versorgen sollte, die der Kaiserschnitt hinterlassen hatte. Auch Tim war per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Die Wunde wurde mit einem Draht vernäht, den die damalige Hebamme irgendwann zog. "Ich wusste, es ist alles in Ordnung, sie hat alles abgetastet und kontrolliert."

Nach Lauras Geburt wurde die Wunde mit einem selbstauflösenden Faden genäht. Und Susanne Meier vermisste die Expertise einer Hebamme. "Ich habe da immer sorgenvoll draufgeschaut: Wie sieht es aus, ist der Faden zu straff? Hat sich etwas entzündet?" Meier fragte schließlich die Hebamme im Rückbildungskurs, ob sie noch einmal abtasten könne. Ohne eigene Hebamme "musste ich für jeden Pups mit Kleinkind und Säugling zum Kinderarzt". Und dort sei sie auch nur genommen worden, "weil ich kurz vorm Heulen war".

Hebamme, Kita, Grundschule - es geht immer weiter

Susanne Meier liebt ihre Familie, ihre Kinder. Aber die Schwangerschaft ohne Begleitung einer Hebamme hat sie nachdenklich werden lassen. "Mein Fall ist nicht außergewöhnlich, das geht vielen so", sagt sie. Ihre Erlebnisse stehen stellvertretend für den Irrsinn, den junge Familien oft durchleben.

"Bis heute kann ich die Zeit mit meinem Kind nicht wirklich genießen, weil ich immer weiterdenken muss", sagt Meier.

Kaum dass sie von der Schwangerschaft wusste: die Frage nach der Hebamme. Das Kind ist noch nicht auf der Welt: die Suche nach der Kita. Und kaum ist die Kitasuche abgeschlossen: das Thema Grundschule.

Ihren Sohn Tim habe sie bewusst erst nach der Geburt in der Kita angemeldet, sagt Meier. "Ich wollte nicht sofort diese ganze Maschinerie in Gang setzen."

Für Laura ging das nicht mehr, Meier und ihr Mann setzten die Maschinerie doch in Gang, gezwungenermaßen und widerwillig. Am neuen Wohnort müsse man einfach sehr früh dran sein, um eine Chance zu haben.

Aus Meiers Worten spricht der Frust: "Ich hätte keine Lust darauf, unter diesen Umständen noch mal schwanger zu sein", sagt sie. "Und das ist echt schade. Wir müssten so früh dran sein, nach dem Motto: Liebe Hebamme, wir haben vor, ein Kind zu bekommen, wir melden uns schon mal an. Das ist doch verrückt."

*Alle Namen geändert



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.