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Zum Muttertag

Lasst euch nicht verarschen!

Von Juno Vai

Getty Images/ Aurora Creative

Alles Gute zum Muttertag!

Sonntag, 13.05.2018   06:24 Uhr

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Juno Vai lässt sich gern feiern und verwöhnen. Trotzdem würde sie den Muttertag am liebsten abschaffen. Weil er ungesunden Idealen huldigt.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

"Mach doch mal was zum Muttertag", sagte mein Chef neulich - und ich verzog das Gesicht. Dachte an schmierige Hymnen auf das weiche, warme, stets gut duftende Muttertier, an wohlerzogene Kinder, die emsig Frühstück bereiten und Bilder malen. Das alles gibt es bei mir zu Hause auch. Dennoch würde ich es nicht bedauern, wenn es keinen Muttertag gäbe.

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Zu groß ist die Diskrepanz zwischen dem so aufgeladenen Festtag und dem wahren Leben. Wie fühlen sich alleinerziehende Mütter am Sonntag? Wie deren Mütter, die vielleicht mit ein paar hundert Euro Rente klarkommen müssen. Feiern? Was denn jetzt gerade? Dass Mütter immer noch weniger verdienen als Väter?

Tatsächlich war der Muttertag von jeher eine kommerzielle Angelegenheit. In Deutschland hielt er Anfang der Zwanzigerjahre Einzug - und war schon damals begleitet von Werbekampagnen, die Blumenhändlern fette Umsätze bescherten.

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Googelt man Bilder zum Begriff "Mutter", wird einem ganz übel vor lauter süßlicher Klischeehaftigkeit. Lächelnde Frauen, die ihre Babys herzen, zwischendrin das faltige Gesicht von Mutter Teresa. Sollten das die Eckpunkte einer modernen Mutterexistenz sein?

Denke ich zurück an meine Jungmutterzeit, kriege ich noch heute Atemnot. Nicht, weil Muttersein so schrecklich ist, sondern weil der selbstgemachte und der Druck von außen so riesig waren. Gefühlt bin ich mehrere Jahre mit Pupillenstillstand, Herzrasen und Ohrensausen durch mein Leben gestolpert. Ich dachte schon beim Aufstehen: "Oh bitte, lass mich den Tag überstehen." Und bin nach der Arbeit beim Spielen mit meinen Kindern vor lauter Müdigkeit vornübergesackt wie ein Junkie in der S-Bahn. Und das, obwohl mein Mann sich zu gleichen Teilen um Erziehung und Haushalt gekümmert hat und das auch heute noch tut.

Jammerei auf hohem Niveau? Nein, ich stelle das nur einfach mal im Rückblick fest. Mein Leben, meine Entscheidungen, schon klar. Ich weiß, dass es Frauen gibt, die Job und Kinder und Muttersein topp auf die Reihe kriegen. Ich ziehe meinen Hut vor ihnen. Aber ich bin nicht wie sie.

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"Lasst die Wohnung verwahrlosen, trinkt Kaffee oder Wodka, habt euren Körper lieb"

Und deshalb möchte ich allen tollen Frauen da draußen, die genauso eine unperfekte "Loser-Mutter" sind wie ich selbst, sagen: Lasst euch nicht verarschen! Glaubt nicht an den ganzen Optimierungs- und Rationalisierungsquatsch, an die Illusion einer perfekten, stromlinienförmigen, effizienten Erziehung. Feinmotorik, Pekip, Stillkurse, Musikschule, Fremdsprachen, blabla. Alles toll, alles nützlich, aber auch ohne das werdet ihr überleben. Und eure Kinder sowieso.

Gebt euch Zeit, nehmt sie euch. Lasst die Wohnung verwahrlosen, trinkt Kaffee oder Wodka, habt euren Körper lieb. Seid übellaunig, zottelhaarig, zerbrechlich. Bleibt drei Jahre zu Hause oder vertraut den Nachwuchs acht Stunden der Kita an. Hört ganz auf zu arbeiten oder seid Vollzeit-Karriere-Frauen. Jede Mutter ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Und jedes Kind sowieso.

Und jetzt kommt das Aller-aller-Wichtigste: Wenn es eure finanzielle Situation irgendwie erlaubt: Sucht euch eine Putzhilfe. Sofort. Noch heute. Stellt ein Sparschwein auf und lasst all das Geld, das eure Lieben sonst für Muttertagsblumen, -parfum oder -schokolade verplempert hätten, dort hineinfließen und investiert es in Haushaltsunterstützung.

Keine bahnbrechende Idee, ich weiß. Aber eine, die Müttern einmal in der Woche ein paar Stunden für sich schenken kann. Und das ist in der Summe sehr viel mehr als eine eintägige Zwangsfeierei.

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (15) und Vito (12)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt
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