Alleinerziehende zum Muttertag Protest statt Pralinen

Christine Finke will sich zum Muttertag nicht mit Pralinen abspeisen lassen - sondern ihrem Ärger Luft machen. Im Interview erzählt die Bloggerin, warum Mütter sich wehren müssen.

Mutter und Kind
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SPIEGEL ONLINE: Frau Finke, kurz vorm Muttertag stellen Sie keine Blumenvase bereit, sondern gehen auf die Straße. Für Samstag ist in Berlin eine Demo geplant. Worum geht es?

Finke: Die Zeit ist reif dafür, dass Mütter, hoffentlich gemeinsam mit vielen Vätern, ihren Ärger auf die Straße tragen und gegen ihre Benachteiligung in dieser Gesellschaft sowie - damit verbunden - gegen Kinderarmut protestieren. Die Idee ist aus einer Bewegung im Netz entstanden, dem Hashtag #muttertagswunsch. Zahlreiche Mütter haben darunter in den vergangenen zwei Jahren Forderungen aufgestellt und ihrem Frust Luft gemacht.

ZUR PERSON
  • Anna Gladkova
    Christine Finke ist Journalistin, Autorin, Kinderbuchtexterin, Bloggerin (Mama arbeitet) und Stadträtin in Konstanz am Bodensee. Sie ist alleinerziehend mit drei Kindern, 9, 12 und 17 Jahre. Finke tritt als Rednerin bei der Demo gegen Kinderarmut am 12. Mai in Berlin auf.

SPIEGEL ONLINE: Was ärgert Sie am Muttertag?

Finke: Mich ärgert, dass jedes Jahr wieder suggeriert wird, wir Mütter würden uns vor allem Frühstück ans Bett, Pralinen und am besten noch ein Bügel- oder Waffeleisen wünschen. Es gab dazu in diesem Jahr eine besonders peinliche Lidl-Werbung. Was wir uns tatsächlich wünschen und was wir brauchen, sind aber ganz andere Dinge.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Finke: Mütter werden in Deutschland auf verschiedenen Ebenen stark benachteiligt, vor allem finanziell und auf dem Arbeitsmarkt. Das geht so nicht weiter. Es darf nicht mehr nur kleine Verbesserungen hier und da geben, sondern man muss das ganze System zur Ausschüttung finanzieller Leistungen auf den Kopf stellen. Kinder sind in Deutschland ein Armutsrisiko, Alleinerziehende wie ich sind davon in extremer Weise betroffen. Das ist nicht in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: Wo fühlen Sie sich benachteiligt?

Finke: Verheiratete zahlen zum Beispiel deutlich weniger Steuern als ich. Das ist total ungerecht. Ich muss allein drei Kinder versorgen. Man kann doch nicht Ehepaare per se bevorzugen. Ich weiß, die Forderung ist alt, aber leider immer noch nicht umgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Geht es Ihnen nur ums Geld?

Finke: Ich finde, dass von Alleinerziehenden insgesamt zu viel verlangt wird. Ex-Partner müssen zwar Unterhalt für die Kinder zahlen, doch das passiert in 50 Prozent der Fälle überhaupt nicht (so zumindest das Ergebnis einer Bertelsmann-Studie, die Red.). Zudem sind sie in keiner Weise verpflichtet, sich an der Kinderbetreuung zu beteiligen. Das betrifft auch Väter, aber überwiegend Frauen. Es wird erwartet, dass wir Vollzeit arbeiten, zusätzlich unsere Kinder versorgen, Hausaufgaben betreuen und nebenbei putzen, waschen und einkaufen. So bleibt wenig Zeit für die Kinder, und es ist extrem anstrengend. Irgendwann sitzen viele Mütter erschöpft beim Arzt, der ihnen dann eine Kur verschreibt. Aber da sollen sie vor allem hin, damit sie wieder funktionieren. Mütter sollen immer schön funktionieren. Stattdessen müssten sich Regeln und Denkweisen ändern.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin gibt es staatliche Hilfen.

Finke: Ich will arbeiten, genug Zeit für meine Kinder haben und ausreichend Geld, um nicht ständig aufs Amt gehen und für dies oder das Unterstützung beantragen zu müssen. Das artet oft in einen elenden Papierkrieg aus. Eine Idee ist eine Grundsicherung für Kinder. Denn viele Alleinerziehende finden erst gar keinen Job oder können wegen der Kinder nur Teilzeit arbeiten. Deshalb ist das Geld immer knapp.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das selbst erlebt?

Finke: Ich bin 2011 arbeitslos geworden, habe seitdem rund 200 Bewerbungen geschrieben und wurde nur zweimal zum Vorstellungsgespräch eingeladen, obwohl ich gut qualifiziert bin. Ich bin mit 51 Jahren zu alt, habe zu viele Kinder - und bin alleinerziehend. Personaler geben unter vorgehaltener Hand durchaus zu, dass das ein Ausschlusskriterium ist. Deshalb arbeite ich freiberuflich. Das heißt: Ich darf nie krank werden, weil ich dann nichts verdiene. Letztes Jahr musste ich Wohngeld beantragen.

SPIEGEL ONLINE: Das Problem betrifft nicht nur Alleinerziehende.

Finke: Das stimmt, aber Mütter - vor allem Alleinerziehende, aber auch die mit Partnern - werden auf dem Arbeitsmarkt besonders benachteiligt. Ich habe das vor meiner Trennung in jedem verdammten Vorstellungsgespräch erlebt. Immer wieder wurde ich gefragt, wer denn zu Hause bleibe, wenn das Kind krank sei, ob die Großeltern vor Ort seien, was mein Mann dazu sage, dass ich arbeite. Die Arbeitswelt ist überhaupt nicht auf Mütter und auf Eltern insgesamt ausgerichtet.

SPIEGEL ONLINE: Aber es tut sich doch einiges. Unternehmen bieten flexible Arbeitszeiten an und immer mehr Väter kommen nicht erst zum Gute-Nacht-Sagen nach Hause.

Finke: Und auch sie müssen oft genug berufliche Nachteile hinnehmen. In den Köpfen der Menschen ändert sich einfach zu wenig. Das betrifft auch das Mütterbild. Es gibt diese diffuse Idee, dass Frauen mit Beginn der Schwangerschaft keine Lust mehr haben zu arbeiten, so als würde ein Hormonschub ihnen das Interesse am Erwerbsleben austreiben und auch ihre intellektuellen Fähigkeiten wegwischen. Dieses Bild wird verstärkt durch Insta-Moms, die ständig Fotos posten, wie sie zu Hause stricken, backen oder basteln.

SPIEGEL ONLINE: Wehren Frauen sich zu wenig gegen Vorurteile und Diskriminierung?

Finke: Diese Welt ist nach männlichen Interessen ausgerichtet, nicht nach denen von Müttern. Das gilt auch, wenn man politisch etwas bewegen will. Die Sitzungen in der Lokalpolitik beispielsweise finden meist abends statt. Ich kann Frauen, gerade Alleinerziehenden, nicht verübeln, wenn sie sich neben Job, Kindern und Haushalt dort nicht auch noch engagieren. Einigen fehlt der Babysitter, anderen vielleicht einfach die Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind seit vier Jahren Stadträtin in Konstanz.

Finke: Ich fürchte, wir Frauen müssen uns erst einmal an die männlich geprägten Strukturen anpassen und dann versuchen, das System von innen heraus zu verändern. Ich selbst muss mich immerhin nicht in einer Partei durchkämpfen, sondern habe in unserer Wählergemeinschaft Freunde, die - genau wie ich - Dinge bewegen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie am Muttertag?

Finke: Meine Kinder lassen mich ausschlafen, das darf ich aber eigentlich immer am Wochenende. Und dann machen wir uns einen sehr schönen Tag.



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