Nachhaltigkeit "Wir blicken zu ängstlich in die Zukunft"

Weltweit gibt es nur zwei Länder, die in ihren Parlamenten Kommissare für künftige Generationen eingesetzt haben: Ungarn und Israel. Sie sollen kontrollieren, ob die Abgeordneten nachhaltige Politik machen - im Sinne der Menschen, die noch kommen. Kein Job, um den man sie beneiden würde.

Sándor Fülöp und Shlomo Shoham: "Beängstigende Tendenzen"
SPIEGEL ONLINE

Sándor Fülöp und Shlomo Shoham: "Beängstigende Tendenzen"


SPIEGEL ONLINE: Herr Shoham, Herr Fülöp, erklären Sie uns Ihren Job: Warum brauchen Menschen, die noch gar nicht geboren sind, Kommissare, die ihre Interessen wahrnehmen?

Shlomo Shoham: In einigen Regionen dieser Welt werden Kinder in zehn Jahren nicht in der Lage sein, saubere Luft zu atmen. Nur weil sie sich heute noch nicht zu Wort melden können, heißt das nicht, dass sie keine Rechte haben. Da künftige Generationen aber keine eigene Stimme bei Wahlen haben, ist es wichtig, dass sie in den Parlamenten dieser Welt vertreten werden - und zwar von einem Kommissar, der nicht Mitglied einer Partei ist, sondern unabhängig, aber mit gewissen Rechten ausgestattet. Er sollte Teil des Gesetzgebungsprozesses sein, denn nur so kann er Einfluss nehmen.

Sándor Fülöp: Bisher funktioniert unser Recht im Allgemeinen so, dass es eine Person geben muss, die es in Anspruch nehmen kann. Es ist aber unsere moralische Verpflichtung, unseren Nachkommen zumindest dieselben Möglichkeiten zu bieten, die wir selbst auf der Welt vorgefunden haben. Es ist außerdem ein menschlicher Instinkt, den Nachfahren etwas Wertvolles zu hinterlassen. Kanadische Ureinwohner beispielsweise denken bei all ihrem Handeln sieben Generationen im voraus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben, könnte man meinen, eine sehr undankbare Aufgabe: Im Sinne von Generationen zu entscheiden, die noch gar nicht auf der Welt sind - das passt kaum zur Realpolitik. Selbst Wahlversprechen sind bei Politikern schließlich schnell vergessen.

Shoham: Politiker sind in gewisser Weise Kurzzeitdenker, sie wollen bei der nächsten Wahl wiedergewählt werden. Viele Entscheidungen im Parlament werden von Lobbyismus und Konsuminteressen getrieben. Es geht darum, hier und jetzt mehr Geld zu machen, sozusagen die Zitrone bis aufs Letzte auszupressen. Diese Einstellung müssen wir ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Shoham: Die Bestrebung des World Future Councils, einen Kommissar für zukünftige Generationen auf EU-Ebene zu bekommen, ist genau der richtige Weg. Das würde europaweit signalisieren, dass es nicht mehr nur um heute geht, sondern um die Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Welches sind die wichtigsten Baustellen, wenn es um die Bewahrung unserer Erde, die Sicherung eines gerechten Zusammenlebens für künftige Generationen geht?

Fülöp: Wir erleben zurzeit sehr beängstigende Tendenzen. Meine Großeltern hätten sich eher das Leben genommen, als Schulden anzuhäufen. Heute hingegen ist es selbstverständlich, auf Pump zu leben - in vielerlei Hinsicht. Wir wälzen die Rentenzahlungen auf unsere Enkel ab, wir hinterlassen Umweltschäden, ohne uns zu schämen.

Shoham: Zunächst müssen wir realisieren, dass alles, was wir heute tun, Konsequenzen für die Zukunft hat - und die Verantwortung dafür übernehmen. Beispielsweise haben wir zu viele rote Atomknöpfe und zu viele frustrierte Menschen. Wenn einer von ihnen einen dieser Knöpfe drückt, ist die ganze Diskussion sowieso hinfällig. Und deshalb müssen wir dringend nuklear abrüsten.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach akutem Handlungsbedarf. Warum gibt es bislang weltweit nur Sie beide als Interessenvertreter kommender Generationen in Parlamenten?

Fülöp: Der Druck auf die Regierungen, solche Positionen einzurichten, muss von außen kommen, beispielsweise von Nichtregierungsorganisationen - und er wird kommen. Politiker und Bürger sind heute viel stärker für das Thema sensibilisiert. Die Beschäftigung mit Naturkatastrophen beispielsweise war noch vor 30 Jahren fast ausschließlich Wissenschaftlern vorbehalten, heute gehört es schon fast zum Mainstream. Dennoch: Wir müssen weiter aufklären.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie uns doch konkret, Herr Fülöp, wie Sie Ihr Amt ausüben ...

Fülöp: In Ungarn hat der Kommissar für zukünftige Generationen die Funktion eines Ombudsmanns. Ich bin quasi ein Staatsanwalt für die Bürger, komme zum Einsatz, wenn die Regierung versagt. Meine Mitarbeiter und ich nehmen Beschwerden von Bürgern, Kommunen und Nichtregierungsorganisationen entgegen und betrachten sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aus rechtlichen, aus internationalen, aus wissenschaftlichen. Unser Werkzeug ist Aufklärung, Themenschwerpunkt ist Umweltschutz.

SPIEGEL ONLINE: Ungarn hat gerade die größte Umweltkatastrophe seiner Geschichte erlebt - mehrere Orte im Westen des Landes wurden von giftigem Rotschlamm überflutet. Was können Sie tun, damit so etwas nie wieder passiert?

Fülöp: Wir wollen versuchen, uns anders aufzustellen: Vom Reagieren auf Beschwerden hin zu proaktivem Handeln. Wir sprechen mit Netzwerken, unterstützen Forschungsarbeit, schließen Kooperationen mit Universitäten und NGOs. Wir möchten Versagen wie bei diesem Unfall auf Systemebene vorbeugen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Shoham, Sie waren in Israel von 2001 bis 2006 Kommissar für künftige Generationen. Nach ihrer Amtszeit wurde die Stelle nicht neu besetzt. Warum nicht?

Shoham: Wann auch immer man für die Zukunft kämpft, tritt man jemandem auf die Füße. Wenn man sich dagegen wehrt, dass zu nah an der Küste gebaut wird, verärgert man die Bauindustrie, wenn man sich gegen Werbung für Fastfood im Umfeld von Kindersendungen einsetzt, stört dies die Nahrungsmittelindustrie. Jedes Gesetz kam vor seiner Verabschiedung auf meinen Tisch, und ich hatte zu beurteilen, ob es für künftige Generationen Nutzen oder Schaden brächte. Wenn ich es ablehnte, wurde noch einmal darüber diskutiert. Die Parlamentsmitglieder stellten fest, wie stark ihre Macht beschnitten war. Darum versuchten sie, diese Position wieder abzuschaffen. Doch das wird aufgrund der großen öffentlichen Debatte in Israel nicht passieren - allenfalls können sie das Amt beschneiden.

SPIEGEL ONLINE: Kämpft man da einen aussichtslosen Kampf?

Shoham: Manchmal muss man in der Politik kämpfen, aber es geht auch darum, langsam eine Veränderung herbeizuführen. Der Großteil meiner Arbeit fand hinter verschlossenen Türen statt. Ich versuchte, die Menschen zu überzeugen. Aber am Ende des Tages sah ich mich vielen gegenüber, die nicht mehr mit mir um den Kuchen streiten wollten.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Politiker, der Ihrer Ansicht nach besonders auf die Interessen zukünftiger Generationen achtet?

Shoham: Meiner Ansicht nach Barack Obama. Er ist bereit, heute einen Preis zu zahlen, um für die Zukunft etwas zu bewirken. Er selbst wird die Welt nicht ändern, aber seine Wahl war ein Zeichen, dass sich in der Struktur etwas ändern wird. Ich habe das Gefühl, dass wir kurz vor einem Durchbruch beim menschlichen Denken stehen.

SPIEGEL ONLINE: Umweltkatastrophen, Staatsverschuldung, Hunger - das sind viele globale Baustellen. Wenn Sie bei einer Fee einen einzigen Wunsch frei hätten - was wünschten Sie sich?

Fülöp: Dass die Menschen einen klareren Blick auf die Welt bekommen. Wir betrügen uns selber, mit dicken Autos, großen Häusern. Der Mensch ist stets auf der Suche nach Statussymbolen, aber das ist nur ein Ersatz. Die Menschen, die immer größere Autos haben und immer größere Häuser, sind auch nicht glücklicher. Diese egoistische Gesellschaft und dieser Konsum widersprechen unserer Natur. Das müssen wir erkennen.

Shoham: Ich würde mir wünschen, dass die Menschen ihre Herzen öffnen. Dass wir in die Zukunft schauen können, ist ein großes Geschenk, aber manchmal vergessen wir das. Wir blicken oft zu ängstlich in die Zukunft und erstarren dadurch. Je mehr wir aber daran arbeiten, kreativ und positiv in die Zukunft zu schauen, desto besser wird sie werden.

Das Interview führte Simone Utler



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